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TOURISMUS Freiheit ausverkauft

Kanada ändert sein Reise-Image - zum Ärger deutscher Touristikunternehmen. *
aus DER SPIEGEL 13/1984

Donald McPhail, Kanadas Botschafter in der Bundesrepublik, hatte Vertreter westdeutscher Reiseveranstalter im Frankfurter Holiday Inn zum Essen gebeten. Doch statt beim Smalltalk das Menü zu genießen, gingen die Touristik-Manager schon während der Suppe zum Angriff über: Die neue, von der Regierung in Ottawa finanzierte Werbe-Kampagne für Ferien in Kanada, so attackierten sie den Diplomaten, sei »ein Flop« und liege »im Markt total daneben«.

Die Reiseveranstalter, sonst stets erfreut, wenn staatliche Fremdenverkehrsämter mit Millionen-Etats den Verkauf ihrer Katalogprogramme fördern, sind entrüstet, weil die Touristik-Werber das über viele Jahre gepflegte Kanada-Image plötzlich in sein Gegenteil verkehren.

Bislang wurde Urlaubern das zweitgrößte Land der Erde als »ein Naturerlebnis« angepriesen, »ein Stück heile Welt«, in der »Holzfäller, Jäger und Fallensteller« ihrer Arbeit nachgehen und Touristen nach dem Ritt durch die Wälder ein »Feuer am Lagerplatz« entzünden, um dort »Forellen, die man aus den Seen holt«, zu verspeisen. Mit dem Slogan »Die Freiheit ist noch nicht ausverkauft« wurden abenteuerlustige Reisende über den Nordatlantik gelockt.

Als 1983 nur rund 190 000 Bundesbürger nach Kanada aufbrachen, 50 000 weniger als noch 1981, reagierten die Staatstouristiker in Ottawa panisch: Eine neue Anzeigen-Kampagne müsse her.

Anstelle sympathischer Naturburschen im Lumberjack wird in der neuen

Werbe-Serie, die seit Jahresbeginn läuft, eine großstädtische Schickeria-Scheinwelt vorgeführt. Lauter »Beautiful people«, junge, stets gutgelaunte Leute, über Photomodell-Agenturen angeheuert, spielen ein Ambiente von süßem Leben vor: Mal posieren sie auf einer Jacht im Hafen von Vancouver, dann wieder schlürfen sie, beschlipst und beschwipst, Champagner in Toronto. Der spärliche Anzeigentext annonciert, was Urlauber eher in Paris oder Rom erwarten würden: »Pulsierende Städte, lebendige Boulevards und elegante Shops«.

Statt, wie früher empfohlen, selbst zu angeln, sollen sich die Touristen im Land der Ketchup-Kultur nun auf »Restaurants« freuen, »die verwöhnte Gourmets schwärmen lassen«. Kanada, so der in den Anzeigen erweckte Eindruck, ist gleichsam über Nacht vom Naturparadies für Individualisten zum Geheimtip für Reisende geworden, die mit Vorliebe in gehobener Freizeitkleidung durch Luxusboutiquen schlendern und Gleichgesinnte zum Nachmittags-Cocktail treffen, bevor sie den Ferientag mit einem Schlemmermahl beschließen.

»Das ist doch absoluter Blödsinn«, urteilt Wolfgang Sauer vom Münchner Kanada-Spezialisten vobis Reisen. »Das sieht ja so aus, als müsse jede Frau jetzt ein Abendkleid einpacken.« »Jeder, der was von Tourismus versteht«, wundert sich Helmut Voss, Chef des Frankfurter Veranstalters Inter-Air, »kann sich nur an den Kopf fassen.« Nach wie vor, meint Voss, wollten Touristen in Kanada erleben, was sie in anderen Ländern nicht finden könnten: Natur, Weite des Landes und (organisiertes) Abenteuer.

Doch die Frankfurter Werbeagentur Konsell, die den 1,5-Millionen-Mark-Etat in die Medien drückt, hält an dem neuen Konzept fest. Ohne drastische Imagekorrekturen sei der Rückgang der Besucherzahlen nicht zu stoppen. Neue Zielgruppen müßten angesprochen werden, vor allem Frauen und jüngere Reisende - ein Vorhaben, daß Peter Merkentrup, Chef des Canada Reise Dienstes in Ahrensburg, als »unrealistisch« bezeichnet. »Junge Leute können sich einen Kanada-Trip gar nicht leisten. Unter 4500 Mark läuft doch kaum etwas.«

Um den Fremdenverkehr anzukurbeln, riefen die Kanadier zusätzlich das Jahr 1984 zum »Jahr des Tourismus« aus. Neben Segelregatten, Filmfestivals und Jazzkonzerten sollen Urlauber durch Veranstaltungen angelockt werden, die auf Geschichte und Kultur Kanadas hinweisen, beispielsweise den 150jährigen Gründungstag der Stadt Toronto oder den 50jährigen Geburtstag der ehemaligen Goldgräbersiedlung Yellowknife.

Solche Aktivitäten finden deutsche Touristiker »rührend naiv«. vobis-Manager Sauer: »Manche bayrischen Brauereien demonstrieren auf ihren Bierdeckeln mehr Tradition, als die Kanadier im ganzen Land vorzuweisen haben.«

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