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Freiheit nützt, wenn sie ausgenützt wird«

aus DER SPIEGEL 15/1972

Mürrisch musterten die Werktätigen, was der Maler aus ihresgleichen gemacht hatte. »Die sehen ja aus wie Verbrecher«, bemerkte schließlich einer. Es war, in der Tat, kein schönes Bild:

Schlitzäugig und schiefmäulig lümmelte sich ein Trupp DDR-Proletarier den Betrachtern entgegen; die »Brigade Heinrich Rau«, lebensgroß in Öl gemalt, paßte so gar nicht in den Rahmen des sozialistischen Realismus.

Verwirrt verhielten die Besucher auch vor einem eher surrealen Bildnis: Darauf schwebten Liebende, sehr umschlungen, schräg über Sand und See in den fahlen Abendhimmel.

Der Kunststudent, der die Arbeitsbrigade durch die »8. Kunstausstellung des Bezirkes Leipzig« leitete, hatte alle Mühe. die neue Malerei zu deuten. Er sprach von »individueller Handschrift«, »Anschluß an die Tradition« und davon, daß Liebe eben wie Schweben sei.

Die Bezirksausstellung, im finstren Imponierbau des einstigen Reichsgerichtes untergebracht, umfaßt an die 600 Werke aus Laien- wie Profi-Hand. Sie zeigt, und das frappant, daß die Zeit sozialistischer Einfaltspinselei offenbar zu Ende geht.

Von Cranach bis Klee, von Tiepolo bis Tachistischem reicht die Stilpalette, mit der die Leipziger ihre Gegenwart in Bilder bringen. Da werden eben Brigadiers expressionistisch gesteigert, andere stehen wie Dürers Apostel da. Darf denn das sein?

Es soll sogar so sein, und die Zweifler verweist der Cicerone auf die Beschlüsse des VIII. Parteitags. Das SED-Konzil hatte im Juni letzten Jahres stattgefunden; die Programm-Rede Erich Honeckers gibt es, für 90 Pfennig, in jedem Buchladen.

Die »schöpferische Phantasie« der Künstler, der »Reichtum ihrer Handschriften« werden darin beschworen und »volles Verständnis« für die »Suche nach neuen Formen« garantiert: natürlich auf »der Basis von »Parteilichkeit« und »Wirklichkeitsnähe«.

Der VIII. Parteitag war ein Wendepunkt der DDR-Politik; für die Kunst hat er die Schere zwischen sozialistischer Utopie und DDR-Realität geöffnet; zwischen den Schneiden liegt nun eine Spielwiese, die von ziemlich allen Medien ausprobiert wird.

Zumindest in Leipzig, das den Ruf einer kulturellen Speerspitze genießt. Es hat das theaterfreudigste Publikum der DDR, Oper und Schauspiel sind vorzüglich, in den Kinos laufen Klassiker, US-Western und Japan-Filme, und vis-à-vis der Thomaskirche wirkt das schärfste DDR-Kabarett, die »Pfeffermühle«.

»Bitte auf die Linie VIIIen«, so heißt, an den Parteitag mahnend, das laufende Programm. In der Bar des Kabaretts, wo Rotwein Marke »Ochsenblut« kredenzt wird, hängt an dünnen Faden ein Drei-Meter-Schwert; im Foyer steht die »Muse des Kabaretts« -- ein zerschlagener Torso.

Die Pfeffermüller, oftmals in Ungnade bei der SED, sind absolute Profis; das Parteitagsprogramm ist nun ihr Passepartout. »Herzlosigkeit und Bürokratismus«, hatte Honecker etwa verfügt, »haben in unserem Staat keinen Platz.« Das gibt den Funktionär zum Anschuß frei.

Kunstdirigismus ("Malen Sie den Sozialismus in Öl!") wird veralbert; viele Funktionäre hätten gelernt, »ihre Fehler theoretisch zu untermauern«; und zum Thema wirtschaftliche Kinderkrankheiten der DDR: »Wenn eine Oma die Masern hat, wird es langsam albern.«

Geißelnd wird auch vorgeführt, daß Intelligenzler von Ämtern verwöhnt, Arbeiter hingegen benachteiligt würden; nachher beim Ochsenblut, unterm Drei-Meter-Schwert, erfährt man freilich, daß es in Wahrheit gerade umgekehrt sei.

Dieser Staat, der sich überall die Potenz-Plakette »International anerkannt« aufklebt, hat offenbar immer noch Sorge, von seinen eigenen Bürgern anerkannt zu werden; den desintegrierenden Einfluß, den das West-Fernsehen ausübt, kann man da wohl gar nicht überschätzen.

Um die Bürger an die Staatsröhre zu locken, hat Honecker jedenfalls dem DDR-Fernsehen geraten, »eine bestimmte Langeweile zu überwinden« und den »Bedürfnissen nach guter Unterhaltung Rechnung zu tragen«. Besonders unterhält man sich mit Sex.

»Sexuelle Harmonie in der Ehe« verheißt eine neue Sendereihe, und auch in Illustrierten sind Ost-Kolles tätig: In der jüngsten »Für Dich« wird »Ab wann Intimkontakt?« mit »18 bis 19« und die Frage »wie oft« so beantwortet: »Es ist wie mit Kopfschmerztabletten: Eine oder zwei tun gut ...«

Gibt es die »natürlichen, unentbehrlichen und äußerst vergnüglichen Dinge«. wie sie Friedrich Engels nannte, auch für die Kunst? Honecker sagt: »Wenn man von den festen Positionen des Sozialismus ausgeht, kann es auf dem Gebiet der Kunst keine Tabus geben.«

Der jüngste Defa-Film, »Der Dritte«, war in Leipzig Stadtgespräch. Im Kino saßen vor allem junge Leute, viele langhaarig und in Cordjeans, es gab immer wieder Beifall und Gelächter: Ein Film also, der zum Identifizieren reizt. Seine Heldin ist eine junge Frau, Computer-Mathematikerin, zwei Töchter, alleinstehend; Jutta Hoffmann, der kirgisenäugige DDR-Darling, spielt sie. »Ich bin emanzipiert«, sagt sie, »aber ich hab' keinen Mann.« So jagt sie sich einen, den dritten.

Der Film ist, von einem Egon Günther, Schamoni-schmissig und sehr feinnervig inszeniert -- und die vergnüglichen Dinge sind nicht tabu: Da wird, während im DDR-TV die tägliche Englisch-Lektion läuft, fröhlich kopuliert, ein blankes Backfisch-Brüstchen stupst ins Bild, und ein lesbisches Intermezzo hat West-Qualität.

Der Film erzählt viel über die Frau in der DDR, aber auch über die merkwürdige Yankeephilie der Jugend: Alle schicken Kinohelden tragen US-Cordjeans; für die Ausgleichs-Mark der Bundespost hatte die DDR kürzlich eine Ladung Amihosen importieren lassen.

Für feierliche Anlässe freilich sind sie nicht der rechte Dress. In Leipzigs Nachtbars, Etablissements mit zagen »Schönheitstänzen« und Namen wie »Eden«, ist »geschlossener Anzug« Pflicht; und ins Theater geht man selbstverständlich bürgerlich beschlipst.

Das Leipziger Schauspielhaus gibt »Hamlet«, »Komödie der Irrungen« und Brechts »Arturo Ui«. Jetzt hatte da ein Stück Uraufführung, das berühmt ist, weil es fünf Jahre lang nicht aufgeführt werden durfte: Volker Brauns Brigade-Stück »Die Kipper«.

Braun, 33, ist auch in der Bundesrepublik als Lyriker bekannt. Er war Maschinist im »Kombinat Schwarze Pumpe«, hat Philosophie studiert und arbeitete als Dramaturg beim Berliner Ensemble. Seine »Kipper« handeln vom Zwiespalt zwischen Realität und Utopie; es ist das Stück der Stunde.

Der Held, Paul Bauch, bricht wie Brechts Baal, der ungeheure, in die mickrige Monotonie einer Braunkohlen-Brigade. Das Werkeln nach Plan macht ihn krank: »Ist das eine Renaissance für Spießer?« Er will Gigantisches: »Es muß alles neu durchbrochen werden, sonst ist kein Tag schön.«

Er will »nach der ungeheuren Enge ungeheuren Raum«. Er sagt: »Arbeit muß schön sein.« Aber stumpfsinnige Arbeit wird nicht schön, auch wenn sie mit volkseigener Schaufel vollführt wird. Paul Bauch, der sozialistische Berserker mit der Nostalgie nach der Zukunft, kollidiert mit der Realität.

Will sagen: Er lernt, Der Einzelgänger ordnet sich dem Kollektiv ein, die Arbeit ist »für die Republik wichtig«. Paul Bauch, der »sozialistische Abenteurer«, wird integriert.

Der dialektische Prozeß des Stückes, Bauchs Weg ins Kollektiv, ist ein Lieblingsthema der DDR-Dramatik; kaum je freilich hat ein Autor der Utopie soviel Spielraum und Faszination »gegeben und die Gegenwart so herb daran gemessen.

»Wer hier vorwärtskommen will«, sagt einer im Stück, »der halte sich zurück.« Über die Genossen: »Kein Lächeln zuviel, kein Gesichtszug entgleist, kein untypischer Gedankenstrich.« Aber, sagt Bauch: »Die Freiheit nützt nur, wenn sie ausgenützt wird.«

DDR-Kulturminister Klaus Gysi, jüngst mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold ausgezeichnet, sah von der ersten Parkettreihe her dem Schauspiel freundlich zu und applaudierte dann gelassen.

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