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KINDER Freiwillige Selbstkontrolle

aus DER SPIEGEL 31/1965

Mein Kleiner«, erzählte ein Taxifahrer in New York dem amerikanischen Soziologen Wilbur Schramm, »hat schon immer auf mich geschossen. Aber früher stand er dabei auf beiden Beinen. Jetzt rollt er über den Boden, kommt dann hoch und schießt von unten her - das ist die neueste Masche im Fernsehen.«

Beeindruckt von solchen Taxi-Gesprächen, bestärkt durch Tagebuchnotizen Heranwachsender und Umfragen im Bekanntenkreis, startete Soziologe Schramm, Leiter des Instituts für Kommunikationsforschung an der Stanford -Universität (Kalifornien), eine der umfänglichsten Aufklärungsaktionen über den Einfluß des Fernsehens auf Kinder und Jugendliche: Schramm ließ 6000 Minderjährige in den USA und Kanada nach ihren Bildschirm-Erlebnissen befragen und wertete ergänzende Beobachtungen von 2000 Eltern und mehreren, hundert Lehrern aus.

Seine Untersuchung indes ist nur ein Teilstück in einer weltumspannenden Dokumentation zum Thema Jugend und Fernsehen, die im Auftrag der Unesco zusammengestellt und jüngst veröffentlicht wurde. Herausgeber: Professor Wilbur Schramm.

165 einschlägige Untersuchungen aus nahezu allen TV-Ländern der Erde wurden für diesen Bericht ausgewertet. Das Resultat scheint, wie der »Unesco -Dienst« notierte, dazu geeignet, landläufigen »Vorurteilen (zum Thema Kinder und Fernsehen) den Garaus zu machen«.

Alarmierende Nachrichten über kindliche Telefaszination und deren Folgen schrecken seit Jahren Eltern und Erzieher. Als der TV-Krimi »Tim Frazer« Anfang 1964 in sechs Folgen über Westdeutschlands Bildschirme flimmerte, sah der Osnabrücker Pädagoge Horst Wetterling die Kinder unter den Zuschauern vom »Schwachsinn« als zwangsläufiger Folge solchen Guckgenusses bedroht. Das Bilderblatt »Film und Frau« enthüllte, »welche Schäden an Leib und Seele« Minderjährige durch TV -Kost nehmen können. Und auch »Bild« ängstigte sich in der vergangenen Woche

und prophezeite tele-süchtigem Jungvolk »Augen so groß wie Untertassen, aber die Gehirne von Spatzen«.

Selbst der Unesco-Beauftragte Schramm fühlte sich nach Durchsicht der Seher-Statistiken zunächst eher geschockt. Der Soziologe stellte fest, daß

Din den meisten TV-Ländern die jugendlichen Zuschauer wöchentlich bis zu 24 Stunden auf die Scheibe äugen;

- in den USA ein Drittel aller Dreijährigen ziemlich regelmäßig - durchschnittlich 45 Minuten am Tag - das

Bilder-Programm verfolgt;

- Westdeutschlands Fernsehjugend wöchentlich im Durchschnitt mehr Zeit vor der TV-Röhre verbringt (11 1/4 Stunden) als über Schularbeiten (8 3/4 Stunden), mit Lesen (drei

Stunden) oder auf dem Sportplatz (1 1/2 Stunden).

Als die Unesco-Wissenschaftler jedoch nach möglichen TV-Schäden bei der betroffenen Fernsehjugend fahndeten, vermochten sie nichts Bedrohliches auszumachen.

Denn: Säßen die Kinder nicht vor dem Bildschirm,

trieben sie laut Unesco-Bericht keineswegs mehr Spiel und Sport als bisher. Global-Umfragen unter Minderjährigen haben ergeben, daß sich (gäbe es keine Television) die meisten Jugendlichen in ihrer Freizeit bevorzugt am Radio, im Kino oder mit der Lektüre von Comics und Illustrierten vergnügen würden.

Gleichfalls unbestätigt blieben Tele-Diagnosen amerikanischer Ärzte, die der jungen Generation schon vor Jahren psychisches und physisches Ungemach verheißen hatten, so etwa

- wachsende kontaktschwierigkeiten und asoziales Verhalten als Folge unmäßigen TV-Konsums;

- körperliche Mängel, wie »Fernsehbeine« (Muskelschwund) oder »Faulenzerherzen« (geringe Herzgröße), als Folge mangelnder sportlicher Betätigung.

Zwar räumt auch der Unesco-Bericht ein, daß vor allem Amerikas Nachkriegs-Teenager insgesamt träger geworden sind. Jedoch: »Beweismaterial über physische Schäden (durch häufiges Fernsehen) gibt es nicht.« Und auch die Augen werden, wie die Wissenschaftler festgestellt haben, durch steten Fernseh -Genuß nicht stärker angegriffen als durch Bücherlesen.

Die meisten Soziologen, kommentierte Professor Schramm die weitverbreiteten Vorbehalte gegenüber der Tele-Kost, zögern heute, das Fernsehprogramm für die Jugend-Kriminalität verantwortlich zu machen. Normale und ausgeglichene Kinder, so ermittelten die Forscher, können das Bilder-Angebot verarbeiten, ohne zu Verbrechen verleitet zu werden. Gefährdet ist nach ihrer Ansicht nur, wer ohnedies »milieugestört ist und zu Kriminalität neigt« .

Folgerte Schramm nach Abschluß seiner Recherchen: »Television ist für die meisten Kinder weder besonders schädlich noch besonders nützlich.« Denn die Mehrheit aller Kinder erreicht von selbst, was weder Erzieher noch Programmgestalter vermögen: In freiwilliger Selbstkontrolle hüten sich die Minderjährigen mit zunehmender-Reife vor übermäßigem TV-Konsum.

So ergab die Unesco-Untersuchung eindeutig, daß das kindliche Interesse am Fernsehen zwar bis zum zwölften Lebensjahr zunimmt. Dann aber - vom zwölften Jahr an - hocken die meisten nur mehr dann vor dem Gerät, wenn sie nichts Besseres vorhaben.

»Liegt es vielleicht daran«, fragt Herausgeber Schramm, »daß sich die ... Unterhaltungs-Programme der Fernseh-Anstalten so oft auf der geistigen Ebene von Zehn- oder Elfjährigen bewegen?«

»Bild«-Schlagzeile: »Landläufigen Vorurteilen ...

Soziologe Schramm

... den Garaus gemacht«

Le Figaro

»Gute Nacht, liebe Kinder, träumt süß!«

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