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BESTSELLER / HANDBUCH Fremder als nackt

aus DER SPIEGEL 29/1970

Die Abkürzung »BM«, so erläutert der US-Journalist Mike Mc-Grady, »heißt in Amerikas Schriftstellerkreisen 'Big Money'« -- sie bezeichnet jenes große Geld, »von dem seriöse Autoren nicht einmal mehr zu träumen wagen«. Die Bezeichnung »BM-Roman« definiert demnach ein literarisches Genre, das so McGrady -- »nur noch die Schund-Spezialisten beherrschen«.

Doch so, McGrady verspricht es, soll es nicht bleiben. Der Kolumnist der New Yorker Tageszeitung »Newsday« versichert, BM-Rezepte zu kennen, die »gar nicht schiefgehen können«. Und er verrät sie auch: in einem »Handbuch«, das jetzt im New Yorker Verlag Peter H. Wyden erschienen ist, betitelt »Stranger Than Naked Or How to Write Dirty Books for Fun and Profit«.

»Wie man schmutzige Bücher schreibt zu Spaß und Gewinn«, das hat der Autor von »Fremder als nackt« denn auch bereits erprobt. McGrady ist einer der Verfasser von »Nackt kam die Fremde«, jenem »schmutzigen Buch«, das sich im vergangenen Jahr vier Monate lang auf den US-Bestseller-Listen behauptete, inzwischen allein in den USA 2,5 Millionen Male verkauft wurde und in Wirklichkeit eine parodistische Nachahmung von Sex-Bestsellern à la Jacqueline Susanns »Tal der Puppen« war, ausgeführt von 25 »Newsday«-Journalisten und der Schriftstellerin Billie Young, die für »Nackt kam die Fremde« als Autorin »Penelope Ashe« zeichnete und vor Kritiker-Zirkeln und Fernseh-Interviewern posierte

Ausgeheckt hatte den entlarvenden »Schabernack« McGrady selbst. Er hatte auch »Gillian Blake«, die Heldin, des Team-Romans, erfunden. Nun, in seinem »Handbuch«, begleicht er mit ironischem Behagen des »Künstlers ewige Schuld": »Die Tricks des Gewerbes an kommende Generationen weiterzureichen.«

Trick Nr. 1: »Gnadenlose Betonung von Sex« -- denn so lautet das BM-Erfolgsgeheimnis, das McGrady durch sorgfältige Analyse von Harold Robbins' BM-Buch »Die Playboys« aufgeschlüsselt hat. Er fand: 59 Sexualmorde, ein Dutzend Sittlichkeitsdelikte, ein halbes Dutzend Liebesszenen, in die mehr als die »konventionellen zwei Teilnehmer« verwickelt waren, und neun Sequenzen mit der einen oder andren Perversion.

Trick Nr. 2: »Guter Stil ist rücksichtslos auszumerzen« -- denn wer »so was« lese, sei gegen stilistische Qualitäten allergisch und schätze vielmehr Blüten à la Robbins wie etwa: »Ihr Mund gab nicht und nahm nicht, er war wie die Düne in der Oase der Wüste.«

Trick Nr. 3: »Geh schrittweise vor, zögere das »Unvermeidliche« hinaus« -denn am BM-Genre wolle sich vor allem die weibliche Leserschaft delektieren, und sie, so hat McGrady herausgefunden, suche »Appetit, nicht Speise«. Am eindrucksvollsten fand McGrady das Repertoire der BM-Sex-Verzögerungstechnik in Evan Hunters Roman »An einem Montagmorgen« versammelt: das Läuten eines Telephons, das heiße Duschbad, die ernüchternde Reifenpanne, der unüberhörbare Wetterbericht vom Radio des Nachbarn -- »überhaupt alles«, was Seiten und Kapitel füllt, bevor die BM-Leserin ihre Helden endlich beim »Letzten« erleben darf.

Viel mehr Spezialwissen braucht, nach McGradys Erfahrungen, der BM-Schriftsteller nicht. Zumindest hatte es für ihn und seine 24 Kollegen ausgereicht, »Nackt kam die Fremde« in weniger als einer Woche herunterzufabulieren.

Kolumnist John Cummings, der nebenbei an einem seriösen Roman arbeitete, brauchte für sein Kapitel über Gillian Blakes Liebesfreuden mit Eiswürfeln nur viereinviertel Stunden und sechs Büchsen Budweiser Bier zur »Anaesthesierung« seiner Scharngefühle. Sportreporter George Vecsey schaffte seine Seiten über Gillians Verführungsattacke auf einen »Do-ityour-selfer« sogar In 90 Minuten und ohne jedes Narkotikum; er brachte es so auf einen Stundenlohn von über 16 000 Mark.

Schwierigkeiten beim BM-Schreiben hatten nur die »Newsday«-Feuilletonisten Mayer und Goltz. Sie wurden beständig von allzu auffällig parodistischen Einfällen heimgesucht ("Brüste, dachte er, Brüste. Da war doch irgend. etwas, was man tun sollte ..."). Lachanfälle, an denen sich auch seine Frau beteiligte, hinderten Mayer, zügig zu formulieren. Sonst aber, so faßte Mitautor Buskin die Erfahrungen seiner Kollegen zusammen, »schrieb sich das Ding praktisch selbst«.

Das »Ding« zu schreiben, so berichtet Mike McGrady, war freilich wider Erwarten das einzig Unkomplizierte am Unternehmen »Nackt kam die Fremde«. Erheblich zeitraubender war es schon, für den BM-Schabernack nun auch den rechten BM-Verleger zu entdecken. Gefunden wurde er erst nach wochenlangem Antichambrieren: Lyle Stuart, in dessen Vorzimmer ein Che-Guevara-Photo hängt und der Manuskripte gelegentlich von seinem 12jährigen Sohn lektorieren läßt.

Dieser Verleger war denn auch selbst durch McGradys inständigste Vorhaltungen nicht von der absichtsvollen Trivialität des Buches zu überzeugen. Unbeirrt inszenierte Stuart für »Nackt kam die Fremde« eine 50 000-Dollar-Werbekampagne und blieb dabei: »Verflucht noch mal, es ist ein gutes Buch.«

Eine andere verblüffende Erfahrung stand dem BM-Team noch bevor: Der BM-Erfolg wird weniger von den Autoren als vielmehr vom Klappentexter erschrieben. Nachdem McGrady selbst sich zwei volle Tage lang am Klappentext versucht hatte, ohne zu einem befriedigenden Resultat zu gelangen, habe er, so behauptet der Autor, für diese Arbeit Jonathan Yardley engagiert, einen speziell für seine kritischen Bemerkungen über Klappentexte renommierten US-Literaturprofessor und Buchrezensenten; erst Yardley habe McGradys Entwurf den marktgängigen« die voyeuristischen Leserinstinkte reizenden Sex-Appeal gegeben.

Marktentscheidende Arbeit blieb jedoch auch dann noch zu leisten: bei der Auswahl des Umschlagbildes« das den Starterfolg eines Buches auslösen oder blockieren kann. Selbstverständlich sollte es ein Aktphoto sein, nur mußte es auch »geschmackvoll« wirken, so daß auch »reputierliche« Händler das Buch in ihr Hauptschaufenster stellen konnten. Unter den 37 000 Aktaufnahmen« die Verleger Stuart bei New Yorks Bildagenturen beschaffte, war nicht eines brauchbar. Genommen wurde schließlich, aus einem deutschen Photoband, jener inzwischen berühmt gewordene Rückenakt einer knienden Langhaarigen, die McGrady »derb gebaut« und »in der Breite etwas zu breit« fand.

Sie erwies sich indessen als gerade breit genug: Bei Ausstellungstests« die Monate vor dem offiziellen Erscheinen in mehreren Buchhandlungen arrangiert wurden« nahmen mehr und mehr ahnungslose Käufer das Buch mit der Nackten verstohlen zur Hand, stellten es verlegen zurück, schlenderten nervös im Laden umher, griffen dann mit gespielter Lässigkeit noch einmal zu und bezahlten hastig. 20 000 Käufer taten es ihnen schon in den nächsten vier Wochen gleich.

Dem deutschen Leser offeriert sich »Nackt kam die Fremde« etwas dezenter. Der Münchner Scherz-Verlag, der auch die BM-Bestseller von Robbins und Susann importiert, bietet den BM-Ulk jetzt (ohne ihn als solchen zu deklarieren) nur mit einem modisch schwarzbestrumpften Damenbein auf dem Umschlag feil. 25 000 Exemplare fanden bereits ihre Käufer.

McGrady und seinen Ko-Autoren hat der Scherz bis heute ein Vermögen eingetragen. Seinem »Handbuch« zum Schreiben »schmutziger Bücher« stellte der Autor als Widmung voran: Jacqueline Susann, mit Wärme.«

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