Zur Ausgabe
Artikel 66 / 111
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Freßt ihr die Klassiker?«

Unter den Produzenten von Designer-Möbeln ist ein internationaler Lizenzkampf entbrannt. Pfiffige Händler drängen mit preisgünstigen Kopien des von Star-Designern wie Le Corbusier und Marcel Breuer entworfenen Edel-Mobiliars auf den Markt. Die Hersteller der Original-Möbel wehren sich mit Prozessen - bisher vergebens.
aus DER SPIEGEL 26/1992

Mit falschem Bart und dunkler Brille tarnt sich Jürgen Brandt, 48, gern, wenn er ans Werk geht. Doch seine Schnüffelopfer sind nicht ungetreue Ehefrauen, sondern Gebilde aus Holz und Stahl.

Der Mann aus München arbeitet als süddeutscher Repräsentant für die angesehene italienische Möbelfirma Cassina in Mailand, er hat den Auftrag, »illegale« Möbelplagiate aufzuspüren.

Sein Arbeitgeber zählt zu den größten europäischen Anbietern von Möbelklassikern der Moderne. Doch die Stücke aus den zwanziger Jahren, aus der Ära von Jugendstil, »Bauhaus« und »De Stijl«, werden massenhaft von Möbelpiraten für einen boomenden Markt nachgebaut.

Um die Rechte an den weltberühmten Entwürfen des Schweizers Le Corbusier, des Holländers Gerrit Rietveld, des Schotten Charles Rennie Mackintosh und des Amerikaners Frank Lloyd Wright ist ein erbitterter Lizenzkampf entbrannt. »Wir sind dabei«, erklärt der Münchner Möbelhändler Benedikt Lechner, »ein Monopol aufzubrechen.«

Zunächst erfuhr Lechner allerdings die Macht des Monopols im eigenen Haus. Zur Eröffnung seines Ladengeschäfts »formtec« im Münchner Stadtteil Lehel präsentierte er im Mai vergangenen Jahres 300 Gästen etwa 30 der berühmten Stahlrohrmöbel. Die Exponate - allesamt Kopien - sollten zum Teil weniger als halb soviel wie bei Cassina kosten.

Das hatte auch der Mann mit dem falschen Bart erkannt, der sich diesmal als Architekt ausgab. Noch am Tage der Vernissage ließ er sich unter einer Deckadresse vom Münchner Klassiker-Händler Lechner ein Angebot per Telefax zukommen.

Doch statt einer Bestellung schickte Cassina über ihren Frankfurter Rechtsanwalt der Firma »formtec« eine einstweilige Verfügung ins Haus. Unter Androhung eines Ordnungsgeldes von einer halben Million Mark wurde Lechner nach Beschluß des Frankfurter Landgerichts untersagt, »Nachbildungen der Le-Corbusier-Möbelmodelle LC 2 (Sessel und Sofa), LC 4 (Liege) und LC 6 (Tisch mit Glasplatte und Ovalrohrgestell) anzukündigen, feilzuhalten und/oder in Verkehr zu bringen«.

Grundlage für den Bann gegen die Möbelnachbauten ist für Cassina (seit 1964 Alleininhaberin einer Lizenz für Le-Corbusier-Möbel) ein Urteil des Bundesgerichtshofs aus dem Jahr 1986. Danach gelten Corbusier-Entwürfe nicht nur als »Gebrauchsgegenstände«, sondern auch als Werke der »angewandten Kunst«, fallen also unter das strengere Urheberrecht. Somit sind begehrte Stahlrohrmodelle noch nach dem Tod ihres Erfinders für einen Zeitraum von 70 Jahren geschützt, im Fall Le Corbusier bis ins Jahr 2035.

Daß Nachbau von Originalen und Vertrieb von Plagiaten in der Bundesrepublik verboten sind und Produktpiraterie sogar mit einer Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren geahndet werden kann, weiß Lechner. Doch der ehemalige Jurastudent, der vor vier Jahren sein Studium aufgab, weil das Geschäft mit Klassiker-Kopien so schön florierte, denkt, trotz rechtlicher Folgen, gar nicht daran, seinen Handel einzustellen.

Im Gegenteil. Anfang des Jahres ließ er sich sogar für eine Mies-vander-Rohe-Verkaufsausstellung den Innenraum seiner Galerie vom Mies-Schüler Rudolf Ortner aufwendig im konstruktivistischen Stil gestalten.

Jungunternehmer Lechner gehört zu jenen rund 30 Nachbau-Vertreibern, die von Kiel bis München Marktführern wie Cassina, dem amerikanischen Hersteller Knoll oder den deutschen Firmen Thonet und Vitra den Kampf angesagt haben. Lechner: »Wir gehen bis zum Bundesgerichtshof.«

Gemeinsam mit dem Münchner Anwalt Hans-Georg Augustinowski, der noch zehn weitere Händler vertritt, will er zuerst den »Fall« Cassina aufrollen: Nach dem international gültigen Urheberrecht, der »Revidierten Berner Übereinkunft«, seien Corbusier-Möbel in Deutschland nicht als Kunstwerke geschützt. Zudem zweifelt Augustinowski die »Gültigkeit« der Lizenzverträge an, die Cassina angeblich zum weltweiten Vertrieb der Möbel berechtigen.

Cassina-Anwalt Rolf Lehmpfuhl aus Frankfurt weist solche Behauptungen als »Taschenspielertricks« zurück. Die Verträge mit Le Corbusiers Universalerbin, der »Fondation Le Corbusier« in Paris, einer gemeinnützigen Stiftung, seien »absolut wasserdicht«. Bisher hat die Mailänder Firma (Jahresumsatz 1991: 127 Millionen Mark) seit 1980 allein in der Bundesrepublik 40 Prozesse in Sachen Corbusier geführt - und gewonnen.

In den letzten Jahren allerdings entwickelte sich ein Schwarzmarkt für Nachbauten. Trickreiche Händler bieten in Kleinanzeigen von der Süddeutschen bis zum Hamburger Abendblatt Billigkopien an, die sie direkt beim Hersteller, zumeist bei kleinen italienischen Firmen, abholen lassen.

»Die Kellerfürsten«, klagt Anwalt Lehmpfuhl, seien »kaum zu fassen«. Denn die Händler wechseln ständig ihre Adressen. Meist bekommt der Frankfurter Jurist schon die erste Abmahnung mit dem Vermerk »Empfänger unter der Anschrift unbekannt« zurück.

Doch auch Großkonzerne beteiligen sich inzwischen am Lizenzkampf. So bietet der Kaufhausriese Karstadt seit Herbst vergangenen Jahres Duplikate der Mackintosh-Klassiker »Hill House« und »Willow« als »wohnliche Geschenkideen« an. Die berühmten Stühle des Schotten, deren hohe Rückenlehnen aus Gitterwerk bestehen, sind nun plötzlich nur noch halb so teuer.

Cassina sieht sich auch hier im Besitz der Lizenzrechte und forderte Karstadt in einer »strafbewehrten Unterlassungserklärung« auf, die Stühle sofort aus dem Sortiment zu ziehen - eine »leere Drohgebärde« aus Sicht des Essener Karstadt-Justitiars Martin Müller. Schließlich sei - Mackintosh starb im Jahre 1928 - die Schutzfrist (in Großbritannien 50 Jahre) auch in Deutschland »unzweifelhaft« abgelaufen.

Die einst als »Krankenhausmöbel« (Corbusier-Mitarbeiterin Charlotte Perriand) geschmähten Kreationen waren nicht immer so gefragt. Heute erleben die kargen Konstruktionen einen Boom, von dem ihre Designer in den zwanziger Jahren nur träumen konnten.

Längst ist es nicht mehr nur eine designbewußte Avantgarde, die ihre Wohnung mit Freischwingern schmückt. Viele gewerbliche Kunden wie Architektenbüros, Banken oder Verlagshäuser, Flughäfen oder Arztpraxen verlangen nun nach dem kühlen Statussymbol.

»Freßt ihr Deutschen die Klassiker?« wurde Hartmut Dörrie, Deutschland-Manager von Knoll International, kürzlich von der Konzernleitung in den Vereinigten Staaten gefragt. 7,5 Millionen Mark Umsatz macht die amerikanische Firma allein in der Bundesrepublik jährlich mit ihrem Klassiker-Programm.

Dabei zählt der »Wassily Chair« mit einem Umsatz von 4600 Stück pro Jahr zu den »absoluten Schnelldrehern« (Dörrie). Das strenge Sitzmöbel, zu dem sich der Amerikaner Marcel Breuer 1925 durch eine Fahrradlenkstange inspirieren ließ, wird deshalb auch am meisten nachgebaut. »Die Kopien«, schimpft Dörrie, »machen uns das Geschäft kaputt.«

Zwar werben die Anbieter der »Original-Reproduktionen« mit einer angeblich besseren Verarbeitung. Und sie bemühen sich auch darum, jedes Möbelstück durch eine eingestanzte Produktionsnummer und das Faksimile der Designer-Unterschrift vor Fälschungen zu schützen. Dennoch muß Knoll-Manager Dörrie gestehen, »daß die Qualität der Kopien in den letzten Jahren immer besser geworden ist«.

Knoll (Werbeslogan: »Oft kopiert . . . nie erreicht") hat inzwischen auf die Billigkonkurrenz reagiert. »Um näher an den Preis von 900 Mark heranzukommen«, sagt Dörrie, »haben wir unseren Vertragshändlern empfohlen, beim Wassily Chair von 1700 Mark auf 1300 Mark zu gehen.«

Gern hat der amerikanische Konzern das Zugeständnis nicht gemacht. »Doch allein auf juristischer Ebene«, weiß der Stuttgarter Knoll-Anwalt Werner Oldenburg, »läßt sich das Problem nicht meistern.« »Die Plagiatoren«, klagt der Rechtsanwalt, »sind wie eine Hydra. Für einen Kopf, den man abgeschlagen hat, wachsen zwei neue nach.«

Die Händler hingegen argumentieren, daß die Breuer-Entwürfe nicht mehr »schutzfähig« seien, da Knoll seit Jahren keine Lizenzgebühren mehr zahle - eine »Behauptung«, gegen die wiederum Oldenburg, »mit aller Entschiedenheit vorgehen« will.

Ihren Hauptfeind haben die Monopolfirmen jedoch nicht in den Händlern, sondern in den Produkt-Piraten ausgemacht: Etwa zwei Dutzend »Waschküchenbetriebe« (Lehmpfuhl) aus der Gegend um Udine, Mailand und Florenz _(* Im Hamburger ) _(Karstadt-Einrichtungshaus. ) überziehen seit fast zwei Jahrzehnten den internationalen Möbelmarkt mit den begehrten Kopien.

Ein »Fälscher« zu sein, das weist Fabio Biancucci, 27, allerdings vehement zurück. Der Geschäftsführer der 40 Mitarbeiter zählenden Firma B.R.F. im toskanischen Colle Val d''Elsa hat die Klassiker der Moderne seit »seiner Kindheit eingesogen«.

Denn in Italien dürfen die als »Gebrauchsgegenstände« eingestuften Sitzmöbel von jedermann gefertigt werden. So entschied der oberste Gerichtshof in Rom schon 1941 - ein Urteil, das 1977 und 1980 bestätigt wurde, als es um Entwürfe von Rietveld und Breuer ging.

»Dennoch«, erzählt Fabio Biancucci, »hat Cassina versucht, uns zu vernichten.« Nach einer Klage des Mailänder Unternehmens verurteilte 1986 ein Gericht in Siena die toskanischen Hersteller, ihre Produktion einzustellen.

Dieses Urteil wurde jedoch trickreich umgangen. Der Familienbetrieb Biancucci, der bis dahin unter dem Namen »Azzurra« Klassiker gebaut hatte, wechselte den Namen und verlegte seinen Geschäftssitz einfach auf die andere Seite des Flusses Elsa, ins benachbarte Barberino. Der Wiederaufnahme der Produktion stand damit nichts mehr im Weg. Barberino gehört zum Justizbezirk Florenz, und Urteile aus Siena haben dort keine Gültigkeit.

Dieselbe Strategie verfolgten auch sechs andere Unternehmen, vertreten von der Florentiner Rechtsanwältin Gianna Sangiovanni. »Wir lassen uns nicht von Cassina zertrampeln«, begründet die 56jährige kämpferisch die fintenreichen Methoden ihrer Klienten.

Die Anwältin Sangiovanni hält die »Prozeßwut« der Original-Hersteller schlicht für »verrückt« und nicht im Sinne von Le Corbusier. Der habe seine Möbel ausdrücklich für eine industrielle Massenproduktion entworfen. »Wer die Entwürfe als Kunstgegenstände unter 70jährigen Schutz stellt«, kritisiert die Juristin, »verhindert jegliche industrielle Entwicklung.«

Ähnlich argumentiert der Nachbauer Biancucci, indem er Le Corbusier zitiert: »Ein Stuhl ist auf keinen Fall ein Kunstwerk, ein Stuhl hat keine Seele; ein Stuhl ist ein Gegenstand, auf den man sich setzt.« Biancuccis Firma B.R. F. macht jährlich rund 50 Millionen Mark Umsatz allein mit modernen Klassikern.

Das Unternehmen liefert in die USA, nach Hongkong, Japan und in fast alle europäischen Länder. Nur in der Bundesrepublik, schimpft Biancucci, »werden wir blockiert«. Sein Unternehmen dürfe nicht auf Messen ausstellen, ja nicht einmal in Zeitungen inserieren.

Doch es führen auch andere Wege nach Deutschland, etwa ins Berliner »Grand Hotel Esplanade«. Das Fünf-Sterne-Luxushotel am Landwehrkanal - unweit des Bauhaus-Archivs - wurde bei seiner Eröffnung vor vier Jahren sogar von Kunstkritikern wegen seiner »erlesenen Materialien«, dem »Luxus des Echten« gepriesen.

Das Kunstmagazin Art lobte den Neubau sogar als »einzigartige Symbiose von moderner Architektur, zeitgenössischer Kunst und exquisitem Design« - von Le Corbusier bis Marcel Breuer. Und in Schöner Wohnen verbreiteten sich die Hotelmanager selbst über ihre »persönliche Neigung zur Kunst allgemein und die persönliche Beziehung zu Künstlern speziell«.

Seit drei Jahren ist die Beziehung in einem Fall deutlich gestört. Denn 1989 wurde das Grand Hotel vom Berliner Landgericht in erster Instanz verurteilt, Le Corbusiers Stahlrohrmöbel wieder rauszustellen.

Die Meisterstücke des Architekten - Chaiselongue, Sessel Grand Confort, Zwei- und Dreisitzer -, die in über 100 Doppelzimmern und Suiten stehen, sind allesamt preiswerte »Fälschungen«. Kostspielige »Originale« schmücken nur das marmorkühle Foyer.

Herausgefunden hatte dies ein Design-Detektiv beim Probewohnen.

* Im Hamburger Karstadt-Einrichtungshaus.

Zur Ausgabe
Artikel 66 / 111
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.