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Artikel 53 / 68

FORSCHUNG / SÜSSSTOFFE Freundliche Würfel

aus DER SPIEGEL 24/1968

Stopp mit all den Kalorien«, texteten die Werber. Und zur Mahnung fügte sich die Verheißung: »Jetzt können Sie unbeschwert süßen, so süß, wie Sie wollen.«

Der Reklameaufwand -- allein in Deutschland während des letzten Jahres sechseinhalb Millionen Mark -- gilt einem Produkt der Chemie, das einem modernen Horror steigenden Absatz dankt: der Angst vor Dickwerden und frühem Herztod.

Schlanksein ohne Magerkur, abnehmen ohne Fasten, süßen Kaffee, süßen Tee. süßen Kuchen und süßen Nachtisch, alles ohne kalorienreichen Zucker, versprechen die Hersteller des Süßstoffes Zyklamat, der unter Markennamen wie »Assugrin«, »ilgonetten«, »natreen diätsüße«, »süssette« in der Bundesrepublik gehandelt wird.

Die Spitzenstellung auf dem westdeutschen Süßstoffmarkt hält »Assugrin«, der »freundliche Schweizer Würfel«, von dessen künstlich süßender Wirkung die Werber behaupten, sie sei nicht nur »gut für die schlanke Linie«, sondern auch »gut für die Gesundheit«.

Beides aber, ob Zyklamat schlankheitsfördernd und ob es der Gesundheit uneingeschränkt zuträglich sei, ist nach den Befunden von Wissenschaftlern nunmehr zweifelhaft.

Mehrmals während der letzten Jahre gaben Tierversuche in verschiedenen Instituten Anlaß zu dem Verdacht. daß der Süßstoff Zyklamat, wenn er in größeren Mengen konsumiert wird, auch beim Menschen bedenkliche Gesundheitsschädigungen verursachen könne. In einem der letzten Hefte der Wiener klinischen Wochenschrift« berichtete nun ein österreichisches Forscherteam über neue Versuchsergebnisse. die solchen Verdacht bestärken.

120 Tage lang haben die Wissenschaftler Ernst Göttinger, Karl Hagmüller, Horst Hellauer und Helmut Vinazzer in der Physiologischen Abteilung des Paracelsus-Instituts in Bad Hall Zyklamat an Versuchstiere verfüttert. Ihre wichtigsten Befunde:

* Meerschweinchen und Kaninchen zeigten nach Fütterung mit dem Süßstoff Leberschäden und Störungen der Blutgerinnung.

Schlußfolgerung der österreichischen Wissenschaftler:

* Zumindest Patienten mit bestimmten Herz-, Kreislauf- und Leberleiden »scheinen durch unkontrollierte Zyklamat-Verwendung erhöht gefährdet zu sein«.

Die Warnung der Wissenschaftler könnte den Aufstieg einer Branche bremsen, die in den letzten Jahren heftige Umsatzsteigerungen buchen und auch für die Zukunft auf beträchtliche Zuwachsraten rechnen konnte. Der Aufstieg begann Ende der fünfziger Jahre, mehr als zwei Jahrzehnte nachdem die Süßkraft von Zyklamat (Kurzbezeichnung für Natrium- und Kalziumsalze der Zyklohexylsulfaminsäure) an der Universität von Illinois entdeckt worden war.

Bis dahin war, namentlich während der Zuckerknappheit in Kriegszeiten. einzig der Süßstoff Saccharin im Handel gewesen. Nachteil des Saccharins ist der bittere Beigeschmack, der das Kunstprodukt dem natürlich gewonnenen Zucker deutlich unterlegen macht.

Dieser bittere Nebengeschmack fehlt dem Zyklamat; zudem ist es, anders als Saccharin, beim Kochen beständig. Im Jahre 1950 brachte das amerikanische Pharmazie-Unternehmen Abbott Laboratories den neuen Süßstoff in den Handel, anfangs vornehmlich als Zucker-Ersatz für Diabetiker. Doch als Ende der fünfziger Jahre, zunächst in den USA, die Furcht vor dem Herzinfarkt und der Kampf gegen Übergewicht Mode wurden, eröffnete sich den Zyklamat-Herstellern ein weit größerer Markt.

Heute verwenden bereits 30 Prozent aller amerikanischen Haushalte künstliche Süßstoffe. Der Umsatz an künstlich gesüßten Lebensmitteln -- wie Obstkonserven, Fruchtsäften, Fertig-Puddings, Keksen und Bonbons -- hat sich in den Vereinigten Staaten zwischen 1960 und 1965 verfünffacht« der Absatz von süßstoffgesüßten Erfrischungsgetränken gar verzehnfacht.

Mit beträchtlichem Werbeaufwand eifern inzwischen Zyklamat-Hersteller in Europa dem amerikanischen Vorbild nach. Schon jetzt verwenden, wie die »Gesellschaft für Marktforschung« im ersten Quartal 1968 ermittelte, zehn Prozent der westdeutschen Haushalte künstliche Süßstoffe, vor allem Zyklamat. 60 Prozent der deutschen Süßstoff-Verbraucher gaben an, auf diese Weise ihr Übergewicht bekämpfen zu wollen.

Ob sie ihr Ziel erreichen, ist indes ungewiß. Zwar trifft zu, was etwa »Assugrin-Werber errechneten: Wer täglich vier Tassen Kaffee nicht mit acht Stück Zucker à drei Gramm, sondern mit Zyklamat süßt. nimmt im Jahr 35 000 Kalorien weniger zu sich.

In der Praxis aber kann sich diese Rechnung nur bewähren, wenn die Süßstoff-Konsumenten die ausgesparten Kalorien nicht auf andere Weise zu sich nehmen.

Bis zu drei »Jahre lang beobachteten amerikanische Forscher 247 übergewichtige Patienten, die teils Zucker, teils Süßstoff verwendeten. Signifikante Gewichtsunterschiede zwischen Zucker- und Süßstoff-Essern ließen sich nicht entdecken.

Mehr jedoch als Zweifel am Erfolg des Zyklamats störte Mediziner das geringe Wissen über die Wirkungsweise des Süßstoffes im Körper. So wies 1964 »The Medical Letter«, ein von Professoren herausgegebener kritischer Informationsdienst über Arzneimittel, auf »viele unbeantwortete Fragen hinsichtlich der Giftigkeit von Saccharin und Zyklamat« hin.

Zwar verweisen die Zyklamat-Hersteller noch immer auf eine Stellungnahme der amerikanischen Arznei- und Nahrungsmittelbehörde FDA aus dem Jahre 1965, wonach Zyklamat »im üblichen Ausmaß des Verbrauchs ... keine Gefährdung für die Gesundheit« darstelle. Aber eine Reihe von Untersuchungsergebnissen. die seither veröffentlicht wurden. rechtfertigt ein hohes Maß an Skepsis.

Zyklamat-Forscher in Japan, Frankreich und den USA stellten fest, daß > Mäuse- und Rattenembryonen schwere Entwicklungsstörungen und erhöhte Absterbequoten aufwiesen, wenn die Muttertiere Zyklamat erhalten hatten;

junge Ratten bei täglicher Fütterung mit -- freilich recht großen -- Zyklamat-Rationen bis zu 30 Prozent weniger wuchsen als ihre ohne Zyklamat aufgezogenen Artgenossen (die Kalorien-Zufuhr war in beiden Gruppen gleich groß);

* ein Teil des aufgenommenen Zyklamats sich im Körper von Ratten in hochgiftiges Zyklohexylamin umwandelt.

Nicht weniger alarmierend erscheinen die Befunde, über die jetzt die Mediziner des österreichischen Paracelsus-Instituts berichteten. Die vier Forscher mischten dem Trinkwasser von Meerschweinchen Zyklamat bei. Nach 103 bis 120 Tagen zeigten sich bei den getöteten Tieren mannigfaltige Veränderungen des Lebergewebes, die -- so die Autoren -- »als sichere Zeichen einer Leberschädigung aufgefaßt werden dürfen«.

In einer zweiten Versuchsreihe ahmten die österreichischen Mediziner eine Situation nach, die besonders für Herz- und Kreislaufpatienten typisch ist: Viele dieser Patienten werden über lange Zeiträume mit Medikamenten behandelt, welche die Gerinnungsfähigkeit ihres Blutes herabsetzen. Der Tierversuch ergab: Zyklamat senkt die Gerinnungsfähigkeit des Blutes weiter herab, und zwar so erheblich, daß bei menschlichen Patienten Gefahr zu befürchten wäre.

Daß mithin Zyklamat zumindest für bestimmte Personengruppen schädlich sein könnte, wird bisher von den Süßstoff-Herstellern in keinem Werbeprospekt erwähnt. Dem zu erwartenden Vorbehalt, daß bei den in Österreich vorgenommenen Tierversuchen unvergleichbar große Mengen von Zyklamat verfüttert worden seien, traten die Forscher vorsorglich entgegen.

Ein Mensch, der beispielsweise einen Liter gesüßte Limonade trinkt, so rechneten die Mediziner vor, schluckt zehn Gramm Zyklamat -- das entspricht einer Zyklamat-Aufnahme von etwa 0,15 Gramm je Kilogramm Körpergewicht. Die Tierversuche in Österreich haben jedoch ergeben, daß schon bei einer Tagesdosis von 0,3 Gramm Zyklamat je Kilo Körpergewicht mit Leberschäden zu rechnen ist.

So könnte -- vor allem bei Kindern -- die kritische Dosis schon erreicht und überschritten werden, wenn mehr als ein Zyklamat-gesüßtes Nahrungsmittel zur täglichen Speisefolge zählt. Aber die Wissenschaftler verwiesen überdies auf eine für den neuartigen Süßstoff typische Eigenart: Er entfaltet seine Süßkraft nur in engen Grenzen.

Die größte Süßkraft, die Zyklamat aufzubieten hat, ist erreicht, wenn ein Gramm Zyklamat in 99 Gramm Wasser aufgelöst ist. Dann ist die Lösung so süß, als seien 7,5 Gramm Zucker darin.

Dieser Süßegrad aber erscheint vor allem jenen Menschen, die mutmaßlich am ehesten den kalorienreichen Zucker meiden wollen -- den Süßspeisen-Fans -, wenig befriedigend. Zum Vergleich: Eine normal gesüßte Coca-Cola enthält etwa zehn Prozent Zucker, hat also den anderthalbfachen Süßegrad der optimalen Zyklamat-Lösung.

Diese Besonderheiten des Zyklamats veranlaßten die österreichischen Forscher zu der Vermutung, daß die Gefahr einer Überdosierung mit schädlichen Folgen groß sei. Süßstoff-Verbraucher, so erläuterte Dr. Göttinger, könnten geneigt sein, über die Ein-Prozent-Lösung hinaus freundliche Süßwürfel ins Morgengetränk zu schütten -- weil sie nicht wissen: Süßer geht"s nicht.

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