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LITERATUR Friede den Irren von Kleppur

Der Isländer Einar Már Gudmundsson schickt in seinem Roman »Engel des Universums« einen Haufen von Manikern und Verwirrten in die Welt der Normalen - ein rarer Glücksfall.
Von Willi Winkler
aus DER SPIEGEL 21/1998

Viktor, der scheue Isländer, geht nach England zum Literaturstudium und bringt sich die Sprache bei, indem er Shakespeare-Tragödien auf Schallplatte anhört. Viktor braucht Tabletten, um nicht durchzudrehen, und manchmal braucht er mehr. »Wenn Viktor sich entspannen wollte, trank er in seinem Zimmer im Studentenheim Rotwein und nahm eine etwas höhere Dosis, als er sollte. Dann hörte er Shakespeare-Dramen und las klassische Literatur.«

Eines Tages vergreift sich Viktor bei seinen Platten und lernt eine neue Sprache. Aus seinem Zimmer dringen finstere Knurrlaute, Flüche, Rachephantasien. Da braucht es keine Tabletten und keinen Rotwein mehr, »Hitler war gekommen, um zu bleiben«.

Viktor erhöht die Dosis und übt Propagandareden an die Deutschen. Er »schnitt finstere Mienen vor dem Spiegel und machte ihn nach«. Zum Beweis seiner Persönlichkeitsumwandlung läßt er sich einen kleinen schwarzen Schnurrbart wachsen. Erst als er darauf besteht, auch sein Examen in deutscher Sprache abzulegen, fliegt Viktor von der englischen Universität.

Ist Hitler vielleicht komisch? Der Schnurrbart, die Tolle, das schnarrende Burgtheatergetue - die Belege begründen zumindest einen soliden Anfangsverdacht. Aber als neulich ein Kontrabassist so blöd war, während eines Gastspiels der Deutschen Oper Berlin in Tel Aviv seinen Getränkeverzehr mit der Unterschrift »Adolf Hitler« zu quittieren, haben sie ihn fristlos entlassen. Hitler? Das ist überhaupt nicht komisch.

Oder vielleicht doch?

Zu Hause in Island läßt sich Viktor den studierten Engländer großzügig anmerken, Mantel, Schuhe, Regenschirm, alles genau wie in London, und alle sind bezaubert von seiner klassischen Bildung. Eines Tages meldet sich der Heimkehrer beim Bankdirektor, erzählt ihm von gewaltigen Kulturaustausch-Projekten und beantragt ein Darlehen über mehrere hunderttausend Kronen.

Das Geld wird gern gewährt, die Bank kommt erst wieder zu Verstand, als der Revisor die Unterschrift unter dem Antrag entziffert: Nicht Viktor, sondern A. Hitler hat Kredit bekommen. Als die Polizei Viktor aufspürt, sitzt er friedlich zu Hause bei einem Glas Rotwein und bespricht mit seinem Freund Heinrich Himmler die nächsten Projekte.

Hitler kann schon sehr komisch sein.

In Island sind die Narren daheim und wahrscheinlich auch die besseren Menschen. Am Ende der denkbaren Welt, im Schatten des Vatnajökull, zwischen Gletschereis und Lava-Eruptionen, kann man als denkender Mensch bloß verrückt werden. Oder Künstler. Der Lyriker und Drehbuchautor Einar Már Gudmundsson, Jahrgang 1954, ist noch einmal davongekommen, doch Island und dessen Wahnsinn bleiben ihm erhalten. Früher einmal strampelte er sich als Revolutionär ab und für einen Umbruch am Polarkreis. Seinen Frieden mit der Gegenwart hat er dennoch nicht gemacht, er setzt ihr nur anders zu. Sein Erzähler Páll hat einen kleinen Geburtsfehler, er ist 1949 zur Welt gekommen, und zwar am »selben Tag, als Island in die Nato eintrat«. Außerdem ist er schon tot.

Tote schlafen normalerweise ziemlich fest, aber Páll kann um so besser erzählen. Von Óli Beatle, der so heißt, weil er alle Beatles-Songs geschrieben hat und sich darüber ärgert, daß die Tantiemen nie bis Reykjavík kommen. Oder von Pétur, der an der Pekinger Universität über Friedrich Schiller promoviert hat. Ob die Chinesen sich denn für Schiller interessierten, wird er gefragt. »In China«, gibt Pétur zurück, »ist den Leuten nichts Menschliches fremd.«

Solche systematischen Maniker gibt es sonst nur bei Knut Hamsun. Gudmundsson aber sieht Wahn überall: »Die Weltliteratur lodert doch von Geisteskrankheit!« Vielleicht hätte er sich deshalb auch gut mit dem seligen Thomas Bernhard verstanden, der im Wahn ein schönes Auskommen fand. Dafür quälte er seine Leute mit Komödien, in denen sie ständig nach seiner Misanthropie exerzieren mußten.

Gudmundsson ist menschenfreundlicher, er gibt seinem Personal frei. Viktor, Óli und Páll dürfen die Anstalt Kleppur, finster und doch wieder schön »wie ein riesengroßes Schloß am Meer«, gelegentlich auf einen Stadtgang verlassen und die Normalos verwirren. Einer der Kleppur-Insassen läßt sich sogar vom Präsidenten einladen und diskutiert mit ihm allerlei Staatsgeschäfte.

Auch Páll bleibt nicht ohne höheren Auftrag: »Aber dann kam Gott. Er sagte mir, ich sei der letzte Mensch auf Erden, ich solle anfangen zu bauen und mein Zimmer in eine Arche verwandeln.« Alles bricht über ihn herein, und Páll treibt hinaus auf das Meer des Wahnsinns. Eine schöne Zeit lang ist er glücklich, weil er malt, was ihn verstört: »Ich bin selbst ganz mit Farbe verschmiert, grün und blau an den Fingern, aber nichtsdestoweniger davon überzeugt, daß ich die Reinkarnation Vincent van Goghs bin. Mir tut das Ohr weh.«

Gudmundsson hat in seinem Roman »Engel des Universums« alles aufgeboten, was in der modernen Literatur streng verboten ist*. Da ist der Erzähler, der aus dem Grab heraus berichtet; da schillert Island als Ort der Handlung in skandinavischer Troll-Exotik; und dann sind da noch lauter Irre: Superkitsch.

»Engel des Universums« ist dennoch ein ganz rares Buch geworden, das den Irren Frieden gönnt und es dennoch versteht, die »Alpträume der Vögel und das Kopfzerbrechen der Fische« zu schildern.

Trotz der »Pharmawolke«, die über den ruhiggestellten Patienten liegt, trotz des »Psychopharmakafetts«, trotz der Verzweiflung, die einige in den Selbstmord treibt, ist »Engel des Universums« ein irrwitzig heiteres Buch. »Kannst nichts ersinnen für ein krank Gemüt? Tief wurzelnd Leid aus dem Gedächtnis reuten? Die Qualen löschen, die ins Gehirn geschrieben?« zitiert der gebildete Páll aus Shakespeares »Macbeth«.

Zu helfen ist ihm auf Erden nicht, nur im Buch. Pétur, Óli Beatle und Páll sind nicht unbedingt die besseren Menschen, sondern Verrückte, die mit ziemlich viel Genie geschlagen sind. Modernisierungsopfer sind sie allesamt, nach landläufigen Begriffen gescheitert, aber so schön, so lebensfroh, so entspannt hat man beim Scheitern noch nie zuschauen dürfen.

Wir müssen uns sogar Adolf Hitler, vorausgesetzt, er wird von Viktor gesprochen und gespielt, als glücklichen Menschen vorstellen. Hitler ist es vielleicht nicht, aber Irre können schon sehr komisch sein.

Willi Winkler

* Einar Már Gudmundsson: »Engel des Universums«. Aus demIsländischen von Angelika Gundlach. Hanser Verlag, München; 200Seiten; 36 Mark.

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