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GESCHICHTE Friede und Pfründe

Eine neue Mazarin-Biographie schildert den französischen Kardinal als einen Staatsmann, der, obwohl korrupt wie kaum ein anderer, nach dem Dreißigjährigen Krieg zum Friedensmacher Europas wurde.
aus DER SPIEGEL 7/1974

Daß nur Moralisten Friedensfreunde sind, scheint ein Vorurteil der Moralisten zu sein: Schon der Fall Nixon -- einerseits der Rückzug aus Vietnam, andererseits Watergate -- läßt daran Zweifel aufkommen.

Die Geschichte Europas kennt viele andere Beispiele: Talleyrand, ein Friedensmacher des Wiener Kongresses, erhielt von deutschen Fürsten und von Zar Alexander 1. mehrere Millionen Bestechungsgelder. Bismarck wurde durch Dotationen und Getreidespekulationen zum reichen Mann und war doch, jedenfalls als Reichskanzler, ein Friedensfreund.

Ob Richelieu, Talleyrand oder Bismarck -- von ihnen allen gilt, was der französische Romancier und Literaturhistoriker Paul Guth in einer soeben übersetzten Biographie über den Richelieu-Nachfolger Kardinal Mazarin schreibt*: »Ein Mann an der Macht beweist seine Fähigkeit, die Staatsgeschäfte zu führen, indem er die seinen florieren läßt.«

Der Italiener Mazarin, einer der bedeutendsten Staatsmänner Frankreichs, war unter den Geschäftemachern an der Macht der findigste und fintenreichste -- und gleichwohl ein »Mann des Friedens": An beidem läßt Guth keinen Zweifel.

Giulio Mazarini, 1602 als Sohn eines Gutsverwalters der Colonna geboren, hinterließ bei seinem Tod 1661 das größte Privatvermögen bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts. Zu ihm gehörten neben flüssigem Geld Grundbesitz, Effekten, Leibrenten und dazu in seinem Pariser Palais, so Guth, eine Schatzhöhle des Ah Baba mit kostbaren Kunstwerken, Juwelen. Büchern und Antiquitäten, so etwa:

* 450 Gemälde, darunter zwei Raffael, zwei Tizian. zwei Correggio. drei Rubens, 26 van Dyck;

* eine Bibliothek von rund 40 000 Büchern und Handschriften;

* eine Sammlung unschätzbarer antiker Statuen und Porträtbüsten.

Schier unerschöpflich war Mazarins Findigkeit, Quellen des Reichtums zu erspähen und auszubeuten. Als Premier des Kind-Königs Ludwig XIV. seit 1643, als Kardinal und als Chef-Pädagoge der Königskinder bezog er rund 204 000 Livres (Goldfranken) jährlich.

* Paul Guth: »Mazarin. Frankreichs Aufstieg zur Weltmacht«. Societäts-Verlag. Frankfurt; 752 Seiten; 38 Mark.

Als Verwalter der Hofhaltung für die Regentin und Königinmutter Anna, eine Spanierin, strich er deren Budget um zwei Drittel und steckte diese in die eigene Tasche -- obwohl oder weil er jahrzehntelang ihr Bett teilte.

Die Frömmigkeit der Franzosen und der Krieg boten ihm reiche Einnahmequellen. Als er über die kirchlichen Pfründen der Monarchie verfügte, verlieh er sich seit 1647 zwölf neue Abteien, laut Guth »die fettesten«, sie brachten ihm 245 000 Livres pro Jahr. Die von ihm vergebenen Ämter und Pfründen versteigerte er gleichsam an die Meistbietenden und kassierte dabei opulente Provisionen oder Leibrenten.

Ein Millionengeschäft machte er mit den dem König zustehenden Prisen aus dem Seekrieg. erbeuteten feindlichen Schiffen und Schiffsladungen: Er behauptete einfach, so Guth, daß die Regentin ihm ein Drittel aller Prisen zugesichert habe.

Ebenso spekulierte er mit Getreidelieferungen für Armee und Marine und zog Riesengewinne aus dem Sold und den Verpflegungsgeldern für seine drei Regimenter: allein als Inhaber (Oberst) eines Marineregiments 450 000 Livres in acht Jahren.

Da Mazarin mit der Auszahlung seiner festen Jahresbezüge, 1658 rund eine Million Livres jährlich, niemals sicher rechnen konnte -- »Krieg, Bürgerkrieg und die Katastrophe der Staatsfinanzen waren die Gründe -, rüstete er eigene Handelsschiffe aus und beteiligte sich auch als Privatunternehmer eines Piratengeschwaders am Kaperkrieg.

Sein berühmtes Pariser Palais kostete ihn laut Guth keinen Heller: Er bezahlte weder Miete noch Grundstücke. Nicht nur das: »Er macht es wie viele Südländer, er läßt sich von einer Frau aushalten.« Zumeist lebte der Minister nicht in seinem Haus, sondern gegenüber, im Palais Royal der Regentin, und die »verliebte Frau« überließ ihm Tafelsilber. Bettücher und bezahlte alles.

Auch seine Bibliothek kam Mazarin recht billig: Lange bevor General Bonaparte 1796 Kunstwerke aus Italien als Kriegsbeute nach Paris schickte, ließ der Kardinal Bibliotheken in Feindesland von seinen Heerführern ins Palais Mazarin heimholen. Ebenso bat er häufig hohe Beamte, wertvolle Bücher für ihn zu kaufen: Die karrieresüchtigen Herren verzichteten fast immer darauf, den Kaufpreis von ihm zurückzufordern.

Doch Guth, der in Mazarin einen Barockmenschen sieht, einen Raffer und Schaffer, der die größten Widersprüche in sich vereint, stellt auch fest: »Er treibt die barocke Widersprüchlichkeit so weit, daß er mit einer Hand das Staatsschiff zum Sinken bringt und es mit der anderen wieder flottmacht.«

Am Ende seines Lebens war Mazarin der »Schiedsrichter Europas«. Zusammen mit der Regentin hatte er die Monarchie aus dem Abgrund des Bürgerkriegs der »Fronde« gerettet; seiner diplomatischen Kunst verdankte Frankreich den Westfälischen Frieden (1648) mit Kaiser und Reich sowie die Versöhnung mit Spanien im Pyrenäenfrieden (1659) und durch die Heirat Ludwigs XIV. mit der Tochter des spanischen Königs. Europa aber gab er den Frieden auch im Norden zurück: 1660 vermittelte er die Friedensschlüsse von Oliva und Kopenhagen.

Guth sieht daher in Mazarin einen Richelieu ebenbürtigen Staatsmann, der noch dazu im Gegensatz zur erbarmungslosen Härte seines Vorgängers die Gewalt verabscheute: »Während seines ganzen Lebens hat er niemanden zum Tode verurteilen lassen.«

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