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NACHRUF FRIEDRICH DÜRRENMATT

aus DER SPIEGEL 51/1990

Dem Welttheater der Jahrhundertmitte hat er ein paar Figuren von eindrücklicher Überlebensgröße und Wirkung gegeben: die exzentrische Milliardärin Claire Zachanassian, die in ihr tristes Heimatdorf zurückkehrt, um sich an den Spießern zu rächen, die sie einst schimpflich davongejagt haben ("Der Besuch der alten Dame«, 1956); die bucklige Irrenärztin Mathilde von Zahnd, in deren Privatklinik ein Atomforscher aus Angst vor den Folgen seiner Entdeckung Zuflucht sucht ("Die Physiker«, 1962); den spätrömischen Kaiser Romulus, der den Narren aus Staatsräson spielt, weil er will, daß das Imperium zugrunde geht ("Romulus der Große«, 1949). Die Kraft dieser Figuren liegt darin, daß sie ganz und gar theatralisch sind.

Von der Nachkriegszeit bis zum Beginn der sechziger Jahre war das Theater in Deutschland seltsam arm an zupackenden neuen Autoren, und so kam es, daß zwei Schweizer die Szene beherrschten, Frisch und Dürrenmatt, von der Kritik trotz ihrer Gegensätzlichkeit zum Dioskuren-Paar verbunden. Max Frisch, der zehn Jahre ältere, ein aufmerksamer Beobachter von Verhältnissen und Veränderungen, war wohl der sensiblere Schriftsteller, Friedrich Dürrenmatt aber, Meister der fixfertigen Behauptungen, gewiß der schlagkräftigere Theatermacher. Deshalb sind ein paar seiner Stücke von New York über Moskau bis Tokio zu echten Welterfolgen geworden.

Er sei ein Dörfler, kein Städter, hat Dürrenmatt oft gesagt, geprägt von der Kindheit im Emmental, aber schon dort hat sich der dickliche Pastorensohn, Jahrgang 1921, auch als Außenseiter empfunden: Der geordneten, kleinteiligen Wirklichkeit setzte er früh, wild um sich malend und dichtend, die Eigenwelt seiner überbordend monströsen, apokalyptischen Phantasie entgegen. Nach ein paar Semestern Philosophie, Theologie und Literatur - Homer und Aristophanes, Kierkegaard und Kafka wurden ihm wichtig - trat der junge Autor mit Getöse erstmals vor die Öffentlichkeit: Die Premiere seines wüsten Wiedertäufer-Spektakels »Es steht geschrieben«, 1947 am Zürcher Schauspielhaus, führte zu einem solchen Skandal, daß man sich in Zürich für etliche Jahre an kein neues Werk des Szenen-Berserkers wagte.

Die nächsten Uraufführungen fanden in Basel statt, dann, 1952, kam an den Münchner Kammerspielen der entscheidende Erfolg: Mit der »Ehe des Herrn Mississippi« wurde Dürrenmatt dem deutschen Theaterpublikum zum Begriff, Schöpfer einer höchst eigenen, ins Groteske getriebenen Bühnenwelt voll Leidenschaft und Verbrechen, in der sich große Ideen und Ideologien den Schaukampf ihres Untergangs lieferten.

Den Turbulenzen seiner Epoche zum Trotz war Dürrenmatt ein ganz in sich ruhender Autor, nie ernstlich von Selbstzweifeln behelligt. Die Grundzüge seines Universums, in dem jede Geschichte ihr schlimmst-mögliches Ende finden muß, und die Eigenarten seines Theaterstils - Lust an barocker Sprachfülle, Spaß an Schauereffekten - waren schon in jenem Erstling »Es steht geschrieben« voll, ja exzessiv ausgeprägt.

Seine Themen waren und blieben die eines ketzerischen Protestanten - Schuld und Verrat, die unmögliche Gnade und die unmögliche Gerechtigkeit auf Erden -, und die Realität nahm er nur so wahr, wie sie sich in sein Bild fügte: die Welt als Paradox, als Absurdum, als faszinierende Sinnlosigkeit. Sein Großformat bestand darin, daß er kurz und konsequent von sich auf die Welt schloß: Weil ihm die Form der Komödie gemäß war, dekretierte er, unserer Welt komme nur noch die Komödie bei.

Seine »Schriftstellerei« verstand er als ehrbares Handwerk, er betrieb es mit Liebe, mit Fleiß, zunehmend auch mit Ökonomie und Geschick in der Mehrfachverwertung erfolgreicher Stoffe ("Die Panne« als Hörspiel, als Novelle, als Fernsehspiel, als Schauspiel, als Film). Seine ersten Brotarbeiten waren zwei Kriminalromane ("Der Richter und sein Henker« und »Der Verdacht"), die er 1948/49 in wöchentlichen Fortsetzungen für eine schweizerische Familienzeitschrift schrieb (Honorar pro Roman: 2000 Franken), und ausgerechnet diese Nebenwerke sind über die Jahre, als beliebte Schullektüre mit Millionen-Auflage, für ihn zu einer Pfründe geworden, von der allein er fast hätte leben können.

Er ist in der Welt herumgekommen, von Berufs wegen, um sich bei Premieren zu verbeugen, aber eigentlich war er daran nicht interessiert. Er war sich selbst Welt genug, residierte seit 1952 in seinem Haus auf einer Anhöhe über Neuchatel, genoß, wenn er sich in politischen Streit mischte, seine Rolle als der Schweiz liebster Bürgerschreck, hielt rund und lustvoll hof bei gargantuelischen Eß- und Trinkgelagen, war ein hinreißender Fabulierer und blieb bei Endlosmonologen über den Gang der Gestirne sein bester Zuhörer bis zum letzten Schluck.

Die Zeiten, da die deutsche Medien-Öffentlichkeit jeder Dürrenmatt-Uraufführung erregt entgegenfieberte, liegen lange zurück. Sein Universum erstarrte, seine Dramaturgie bekam etwas klappernd Mechanisches, als virtuoser Bearbeiter fremder Stoffe ("Play Strindberg") hatte er schließlich mehr Glück als mit eigenen, und die letzten Stücke ("Die Frist«, »Achterloo") kamen kaum noch über eine ehrenwerte Uraufführung hinaus.

Vor drei Wochen stand er zum letzten Mal auf einer Bühne, als Festredner anläßlich einer Preis-Verleihung an Vaclav Havel, und er begrüßte die respektvoll versammelten Schweizer Minister nicht, sondern erklärte ihnen, ihr (und sein) Land sei ein Gefängnis aus Heuchelei und Duckmäusertum: Es war eine letzte große Dürrenmatt-Szene, ein Skandal-Abgang mit Stil. Feiern zu seinem 70. Geburtstag am 5. Januar waren schon vorbereitet, doch am vergangenen Donnerstag ist Friedrich Dürrenmatt nach einem Herzinfarkt in Neuchatel gestorben.

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