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Friedrichs Sternstunde

Theo Stemmler über Horst Sterns »Mann aus Apulien« Theo Stemmler, 49, ist Ordinarius für Englische Philologie in Mannheim; er hat u. a. zahlreiche mediävistische Arbeiten veröffentlicht - Horst Stern, 63, ist Gründer der Zeitschrift »Natur« und durch seine Tiersendungen im Fernsehen bekannt geworden. _____« Was sollen mir diese Griechen und Römer? Sie sind » _____« tot, mausetot, und wir sind lebendig. Romain Rolland, » _____« »Colas Breugnon« » *
aus DER SPIEGEL 40/1986

Nach »Ich, Claudius, Kaiser und Gott« und »Ich zähmte die Wölfin« nun also »Ich, Friedrich«. Mit dieser fiktiven Autobiographie _(Horst Stern: »Mann aus Apulien«. ) _(Kindler Verlag, München; 480 Seiten; 42 ) _(Mark. )

steigt Horst Stern in eine Arena, wo ihn, neben vielen anderen, Robert Graves und Marguerite Yourcenar erwarten: Mit diesen Größen der Gattung muß er sich messen. Nicht nur mit ihnen. Ernst Kantorowicz'' 1927 erschienene Monographie über den Staufenkaiser Friedrich II. gilt bis heute als Paradebeispiel für lesbare Wissenschaft.

Darum geht es: versunkene, mittelalterliche Geschichte lebendig zu machen. Chroniken, Annalen, Dekrete, Gesetze in lateinischer Sprache will und kann - außer den Experten - kein vernünftiger Mensch lesen. Doch auch die wissenschaftlichen Darstellungen sind oft ähnlich trocken und schwer verdaulich. Ein fachmännischer Satz wie der folgende ist eher etwas für Feuerschlucker, die ja auch Glasscherben schmerzlos hinunterwürgen: »Durch ständiges unbeirrbares Beobachten und exakt durchgeführte Versuche gelangte Friedrich II. auch hinsichtlich der Verhaltensforschung zu beachtlichen Feststellungen, von denen ihn diese vor allem fasziniert hat, daß nämlich Kraniche...« und so weiter und so fort.

Drei sich ergänzende Kunstgriffe wendet Horst Stern an, um den Staufenkaiser aus dem Kyffhäuser - wo er ja lange vor Barbarossa schlief- hervorzuholen. Er läßt ihn in den letzten Lebensjahren (1245 bis 1250) seine Gedanken und Erinnerungen aufzeichnen - durch die Ich-Erzählung wirkt ein Text immer direkt, persönlich, lebendig. Er läßt ihn »private Papiere« schreiben - dies verspricht Enthüllungen und macht den voyeuristischen Leser neugierig. Und schließlich läßt er ihn »das Brot einfacherer Sätze« versprechen - ein gefundenes Fressen für den Fast-food-Leser von heute.

Der Leser kann sich zunächst einmal freuen, daß ihm die historischen Ereignisse nicht (wie meist üblich) in chronologischer Folge serviert werden, sondern in überraschenden Rückblenden - aus thematischen Gründen an bestimmten Stellen eingefügt. Und er weiß es zu schätzen, daß ihm der Autor nicht in annalistischer oder chronistischer Manier möglichst viele dieser historischen Fakten mitteilt. Vor allem aber zieht Stern auch Legendäres, Anekdotisches für die »Papiere« Friedrichs heran - ein für sein Unternehmen legitimes Vorgehen: Erfundene Geschichten kommen der historischen Wahrheit oft ebenso nahe wie Berichte über Geschehenes; sie geben ein anschauliches Bild. Reinhold Schneider drückt es so aus: »Was verschweigen uns die Dokumente... Was ahnen wir, das sich nicht belegen läßt!«

Dafür ein Beispiel. Gleich zu Beginn läßt Stern den Staufer eine Geschichte erzählen, die in der Märchen- und Anekdotensammlung »Cento novelle antiche« vom Ende des 13. Jahrhunderts enthalten ist. Dort wird dürr berichtet, wie ein Jagdfalke Friedrichs einen jungen Adler schlägt und, »weil er seinen Herrn getötet habe«, auf Befehl des Kaisers geköpft wird. In Friedrichs »Papieren« wird aus dieser simpel auf den Kaiser (den »staufischen Adler") beziehbaren Anekdote etwas ganz anderes: die Inszenierung eines Grundprinzips seines Denkens, »Ich schloß die Augen vor diesem Bild, in dem ich, kaum daß ich es gesehen hatte, auch schon die Gefahr des Gleichnisses erkannte.«

Mit Hilfe einer - historisch fragwürdigen - Anekdote wird Friedrichs wissenschaftsgeschichtliche Position bestimmt. Beschreibung des Besonderen statt Suche nach dem Allgemeinen; Beobachten statt Allegorisieren; Experiment statt Zitat; eigenes Urteil statt Berufung auf Autoritäten; Betrachtung der Natur als »von eigenem Leben und von eigenen Kräften bewegt...« (Kantorowicz).

Also durch Anekdotisches zu historischer Wahrheit - zu ihr aber auch durch Fiktionalisierung des Geschehenen. Der 1249 auf Friedrich verübte Giftanschlag bleibt in seinen »Papieren« nicht - wie in den zeitgenössischen Quellen - isoliertes Ereignis, sondern erhält einen fiktiven, Kontext. Dem historischen Geschehen stellt Stern ein Omen voran: Bei einem Ausritt entdeckt Friedrich einen Skorpion und tötet ihn. Durch diese Zuordnung wird der kaiserliche Aberglaube illustriert; mythologische Parallelen werten diesen ominösen Vorfall auf.

Spätestens jetzt sollte deutlich geworden sein: Aus den »Papieren« Friedrichs spricht ein lebendiger Mensch mit eigener Stimme. Hier zappelt nicht die ungelenke Marionette eines allwissenden Erzählers, und hier schlurft erst recht nicht ein künstliches Geschöpf des Dr. phil. Frankenstein vorbei - aus zahllosen Details zu einem historiographischen Monster zusammengesetzt. Vor dem Leser ersteht der Mann aus Apulien in all seiner Komplexität und Widersprüchlichkeit: von steter, fast pathologischer Neugier umgetrieben (wie lange Zeit später Godwins unglücklicher Caleb Williams), immer fragend und disputierend (aber, aus politischer Opportunität, der gnadenloseste Ketzer-Verfolger), weltbürgerlich tolerant und überaus sinnlich (wie Cordobas Kalifen), Förderer aller Künste und Wissenschaften (wie Gulbenkian), Sammler antiker Skulpturen (wie die Kolonialmächte).

Aber auch: grausam (etwas mehr als im Mittelalter ohnehin üblich), megaloman (wie die Cäsaren), unsystematisch (wie ein deutscher Romantiker), zynisch (weniger als Diogenes von

Sinope). Nicht nur das. Horst Stern stellt mit dem kaiserlichen Charakter noch mehr an. Im Verlauf seiner Autobiographie verändert sich der Große Friedrich. Es ist faszinierend zu verfolgen, wie er allmählich kleinlaut wird.

Selbstzweifel und Ermattung plagen ihn: »Ich, Friedrich, bin des Kaisers müde.« Die fatale - tödlich endende - Auseinandersetzung mit seinem abtrünnigen Sohn Heinrich wird aus väterlich bekümmerter Perspektive berichtet: Von Heinrichs Todestag »datiert sich der Anfang meines inwendigen Sterbens«. Wir erleben einen neuen, ganz anderen Friedrich - nicht den von der necessitas imperii überzeugten Kaiser, sondern den privaten Menschen, der seine Handlungen selbstkritisch überprüft. Er wirft sich Hochmut, Hybris, Liebesarmut vor und bereut es, mit seinem Sohn sein »Machtspiel« getrieben zu haben.

Am Ende seines Lebens betrachtet er selbst seine größte Passion, die Falkenjagd, mit zweifelnder Skepsis. Er, der mit seinem Falkenbuch ein bis heute wichtiges ornithologisches Werk schuf, distanziert sich von der darin gelehrten Falknerei: »Ich entarte den Falken... Ich lasse ihn meine aufs Töten gerichteten Lüste begehen.« Unter dem Einfluß des Franz von Assisi respektiert er nunmehr die Tiere als »Wesen sui generis, um ihrer selbst willen auf der Welt...« Erstaunt, vielleicht sogar ungläubig, verfolgt der Leser diese Kehrtwendung Friedrichs am Ende eines langen Weges.

Diese perspektivischen Veränderungen zeigen sich auch darin, daß der alternde Staufer sein autobiographisches Unterfangen immer skeptischer, immer selbstkritischer betrachtet. Als wäre er ein moderner Autor, wird die Problematik des Schreibens zum Thema: Die Autobiographie wird zum Metatext über die Möglichkeit, eine wahre Selbst-Darstellung zu geben. Diese erzähltaktisch geschickte Relativierung des Berichteten ist in vielen Passagen zu bemerken.

Da wendet sich Friedrich gegen »äußere Wirkung« und wettert gegen den »Konversationsstil«, in den er verfallen sei. Seine häufigen sexuellen Metaphern bespöttelt er als »Obsessionen« eines dirty old man. Er distanziert sich von seinem »Melodram«- und dem - durch den Stil seiner Kanzlei beeinflußten - »Imponiergehabe«. Ihm geht es um »Annäherung an die Wahrheit« - angesichts der menschlichen Eitelkeit ein schwieriges Unterfangen, das er wegen seiner Langwierigkeit mit den Häutungen einer Schlange vergleicht.

Die »Papiere« des Staufers bieten auch noch erotische Gedichte in Prosa und in Versen - verfaßt von Horst Friedrich Stern. Des Kaisers leidenschaftliche Liebe zu Bianca Lancia wird dem Leser in atemlosen, keuchenden Ellipsen nahegebracht - nominal und herrisch. Diese private Dichtung trennen Welten von jener höfischen, die der Kaiser sonst geschrieben hat und offiziell so sehr forderte, daß von einer »Sizilianischen Dichterschule« gesprochen wird. In seinen Erinnerungen schmäht Friedrich diese von den Provenzalen eingeführte Lyrik mit ihrem Minnedienst und ihren belles dames sans merci. Unter vier Augen teilt er dem Leser mit, daß er solche Verse für verlogen, unwahr, kalt und blutleer hält.

Deshalb haben die nachempfundenen Gedichte nichts mit höfischer Minne gemein. Es sind »Fingerübungen im Deutschen, die denen an ihrem Leib parallel gegangen waren«. Sie sind der zupackenden Vagantendichtung nachempfunden, die am sizilischen Hofe Friedrichs gar nicht gepflegt wurde. Allerdings gebe ich hier zu bedenken, daß derartige lyrische Dauer-Erektionen auch dem Leser nach einer gewissen Zeit Schmerz bereiten. Dies gilt auch für Friedrichs ständige Glorifizierung des weiblichen Hinterns. Besonders Biancas Allerwertester hat es ihm angetan: Ihn will er in Marmor bilden lassen und »als schwellendes Kissen für die Reichskrone« nutzen.

Doch solche leichten Geschmackstrübungen stören das Vergnügen am Ganzen nur wenig. Einen Vergleich mit den anerkannten Meistern der fiktiven Autobiographie kann Horst Stern gut aushalten. Hier findet der Leser sowohl eine »meditation... qui donne audience a ses souvenirs« (Meditation... die ihren Erinnerungen Audienz gewährt), wie sie von Yourcenar gestaltet wurde, als auch ein Panorama der Außenwelt, wie es Graves entwirft.

Was sollen mir diese Griechen und Römer? Sie sind tot, mausetot, und

wir sind lebendig. Romain Rolland, »Colas Breugnon«

Horst Stern: »Mann aus Apulien«. Kindler Verlag, München; 480Seiten; 42 Mark.

Theo Stemmler
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