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Satire Frisch gepreßt

Der provokante Song »Tötet Onkel Dittmeyer« der Gruppe »Die angefahrenen Schulkinder« gefällt dem Safthersteller nicht.
aus DER SPIEGEL 32/1991

Du?« fiepst das kleine Mädchen mit scheuer Stimme. »Ja?« schmeichelt sich der liebe Onkel ein. »Mami hat gesagt«, fügt das Kind noch an, da brüllt jemand mit Gewalt: »Tötet Onkel Dittmeyer, tötet Onkel Dittmeyer!«

Gitarren heulen auf, ein wummernder Baß verbreitet Endzeitstimmung - das musikalische Inferno klingt, wie wenn Godzilla durch Tokio läuft und Kernkraftwerke einreißt.

Verantwortlich für den provokanten Lärm ist das Osnabrücker Rockkabarett »Die angefahrenen Schulkinder«, das mit dem schamlosen Klamauk auf sich aufmerksam machen will. Nachdem die Band zunächst die rüde Attacke auf T-Shirts gedruckt hatte, wandten sich die Anwälte des Fruchtsaft-Herstellers an die Justiz. Sie ließen den Osnabrücker Staatsanwalt Thomas Kruppa prüfen, ob gegen die drei Musiker ein Ermittlungsverfahren wegen der Anstiftung zu einer Straftat eingeleitet werden müsse.

Als väterlicher Freund preist der Valensina-Erfinder Rolf H. Dittmeyer, 70, in Funk und Fernsehen seinen Saft an. Schnipsel der Werbedialoge haben »Die angefahrenen Schulkinder« in ihr Musikstück montiert. »Das soll ein Spaß sein«, klagt Dittmeyer, »ich habe dafür kein Verständnis.« Warum er die Zielscheibe für die Gruppe abgibt, versteht der Orangenzüchter nicht.

»Herr Dittmeyer ist doch kein Marsmännchen, sondern ein Mensch«, pflichtet Christel Karesch bei, Sprecherin der Procter-&-Gamble-Gruppe, zu der die Fruchtsaft-Firma gehört. »Das ist eine unfeine Art, einen Mordsgag auf Kosten anderer zu machen.«

»Das ist wegen der Verantwortung für die unter 16jährigen«, erklärt Gitarrist Jo Granada und spielt damit auf die Valensina-Fernsehspots an, in denen der freundliche Onkel Dittmeyer zwischen den Bäumen hervorkommt und mit saccharinsüßem Altherren-Falsett Schulmädchen ins Gespräch verwickelt. Diese Werbung, behaupten die »Schulkinder«, sei »die übelste Päderastenserie unter der Sonne«. Das mag übertrieben sein - aber es steckt doch ein ehrenwertes Anliegen dahinter: Nicht alle netten Onkels, die aus dichten Büschen treten, wollen den Kindern bloß Orangensaft verkaufen. In ihrer Parodie läßt die Band daher das Kind den Onkel fragen: »Gefällt dir das denn so?« und später »Ah, gut« stöhnen. Was, natürlich, als Warnung zu verstehen ist.

Mit der pädophilen Assoziation stehen die Osnabrücker Musikanten nicht allein. Ein Fernseh-Rezensent der Berliner taz schreibt seit rund zwei Jahren unter dem Pseudonym »Herr Dittmeyer« und nannte den Safthersteller, der nur noch als Berater seiner früheren Firma fungiert, in einer Kritik der »III nach Neun«-Talkshow den »Alptraum aller kleinen Kinder«. Zu der Sendung vor drei Wochen war die Osnabrücker Comedy-Truppe erst gar nicht eingeladen worden.

»Herr Dittmeyer wollte nicht kommen, wenn ,Die Schulkinder' auch da sind«, sagt Rolf Tiesler, Redakteur der Bremer Talkshow, »ihn beschleicht die Ahnung, daß die ihm eine pädophile Veranlagung unterschieben.«

Da Orangen »nicht auf dem Rathausplatz wachsen«, rechtfertigt Firmensprecherin Karesch den Fernsehspot, »steht man nun mal im Orangenhain, wenn man die Spätapfelsinen zeigen will«. Daher präsentiert der Erfinder seine süßen Säfte im unschuldigen Naturidyll, das sei eine »schöne Idee«, und auch das Konzept sei »stimmig«.

Die Werbung mit den Produzenten selbst ist in der Branche umstritten. »Wir haben noch nie damit gearbeitet«, sagt Jürgen Stolte, Leiter der Marktforschung bei Lintas in Hamburg, »das ist nicht das Gelbe vom Ei.« So findet er, daß der Idee-Kaffee-Hersteller Albert Darboven in den Spots doch »etwas unglücklich auf dem Sofa« sitze.

Schulkind Jo Granada hingegen hält die Fernsehspots ("wie frisch gepreßt") für irreführend: »Wir sind mit dem O-Saft in die Fußgängerzone gegangen und haben versucht, mit kleinen Mädchen ins Gespräch zu kommen«, erzählt er, »aber es ist uns nicht geglückt.« Dies sei doch Konsumententäuschung. Daß seine Band im »Tötet Onkel Dittmeyer«-Song keine einzige Note selbst gespielt hat, sei legitim: »Wir haben das von Promis zusammengesampelt, sonst kauft ja keiner die Platte.«

Die Dittmeyer-Werbung ist erfolgreich, Valensina behauptet sich als eine der führenden Marken - und nun haben das »Tötet Onkel Dittmeyer«-T-Shirt und die Schallplatte den schon vor sieben Jahren gegründeten »Angefahrenen Schulkindern« zum Durchbruch verholfen. Fast 10 000 der Hemden habe er bereits zur Post geschleppt, sagt der Manager Walter Brecker, »die Jungs haben damit mehr verdient als mit allen bisherigen Platten zusammen«.

Inzwischen hat Staatsanwalt Kruppa die förmliche Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen die Osnabrücker abgelehnt: Schon aus dem Charakter der Musikgruppe, die ihre Show als »obszön, schmutzig und immer daneben« beschreibt, werde klar, daß der Slogan nicht ernst gemeint sei.

Für Dittmeyer hat der Marktforscher Stolte aber einen weiteren Trost bereit. »Selbst das ,Tötet Onkel Dittmeyer'-T-Shirt könnte noch zur Bekanntheit des Orangensaftes beitragen«, sagt er, »und zwar im positiven Sinne.« Weil die beste Werbung nämlich augenzwinkernd daherkomme, »denken die Leute, die Dittmeyers setzen noch eins drauf«. o

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