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»Frisch von der Straße«

aus DER SPIEGEL 26/1992

Der Heiligen Jungfrau von Guadalupe sei Dank! Gebetet hat Sandra Cisneros, Kerzen hat sie entzündet und schließlich der Jungfrau versprochen, nach Mexiko zu pilgern - wenn, ja wenn sie bloß ihr Buch zu Ende schreiben könnte.

Die Jungfrau hat Sandra Cisneros erhört. Auf einmal, sagt sie, sei ihre Schreiblähmung verschwunden, ihre Unruhe, ihre Angst. All das, was ihr monatelang im Kopf herumgewirbelt war, verwandelte sich endlich auf dem Papier in Geschichten. »Kleine Wunder« heißt das Buch, vor kurzem auf deutsch erschienen*.

Am 12. Dezember 1990, dem Festtag der Heiligen Jungfrau, hat Sandra Cisneros aus Dank ihrer hilfreichen Patronin eine Kerze geweiht. Ihre New Yorker Lektorin habe darüber fassungslos den Kopf geschüttelt, erzählt sie. Aber ihre Lektorin hat keine Ahnung, was es heißt, eine Chicana zu sein. Eine Frau, die irgendwo zwischen Mexiko und den USA lebt, mit ihrem Kopf, ihrem Herzen, ihrer Sprache. So wie Sandra Cisneros, die andächtig beten kann und sich gleich darauf über den Devotionalien-Shop vor der Kirchentür lustig _(* Sandra Cisneros: »Kleine Wunder«. Aus ) _(dem Amerikanischen von Helga Pfetsch und ) _(Silvia Morawetz. Goldmann-Verlag, ) _(München; 224 Seiten; 29,80 Mark. ) macht. Die mexikanische Trachten sammelt, sich ausstaffiert wie Frida Kahlo und dann wieder blitzschnell in T-Shirt, Jeans und Cowboy-Stiefel schlüpft.

Sie lebt als Chicana, und sie schreibt als Chicana. Poetisch, sinnlich, kraftvoll, witzig und traumtänzerisch leicht. Mit »Kleine Wunder« hat sie die amerikanischen Literaturkritiker im vorigen Frühjahr zum Staunen gebracht: begeisterte Besprechungen in allen großen Zeitungen, von der New York Times Book Review bis zur Washington Post.

Sie wurde in Zeitschriften porträtiert, immer wieder interviewt, zu Lesungen und Vorträgen eingeladen. Ihre Geschichten schafften den Sprung in die Lehrpläne, sogar an der renommierten Stanford-Universität, und ihr erster Roman, »Das Haus in der Mango Street«, kam neu heraus (erscheint im Herbst auf deutsch als Taschenbuch).

Jetzt, nach einem vollen Jahr Wirbel, will die 37jährige erst einmal Ruhe. Atem holen in ihrem Haus im texanischen San Antonio. Schreiben. Sich daran gewöhnen, daß sie (fast) berühmt ist.

Sie ist die allererste Chicana, die es geschafft hat in der amerikanischen Literaturwelt. Die erste, die nicht mehr fürs hispanische Minderheitenprogramm in einem ehrenwerten Mini-Verlag schreibselt, sondern bei einer der wichtigsten New Yorker Literaturadressen, Random House, unter Vertrag steht.

Das ist es, Heilige Jungfrau von Guadalupe, was ihr fast die Luft abgeschnürt hat, als sie im Auftrag des Verlags »Kleine Wunder« schreiben sollte: diese Last der Verantwortung, die erste und einzige Chicana zu sein. Wenn sie jetzt Mist baut, hat sie gedacht, kann es Jahre dauern, bis die nächste Frau aus den Barrios, den Stadtvierteln lateinamerikanischer Einwanderer, ihre Chance kriegt.

Aber sie hat keinen Mist gebaut. Im Gegenteil. Seit ihrem Durchbruch reden die Trendschnüffler von einer neuen Welle, »La Boom": Sandra Cisneros plus Oscar Hijuelos, der für seinen Roman »Die Mambo Kings spielen Songs der Liebe"* 1990 den Pulitzer-Preis gewann, plus Julia Alvarez plus Cristina Garcia plus plus plus - die Hispanics sind da!

Sie erzählen aus Latino-Land, diesem unbekannten Kontinent mitten in den USA, der lange nicht der Rede wert schien und schon gar nicht der Literatur. Für seine Entdeckung ist es höchste Zeit: Spätestens im nächsten Jahrzehnt werden wohl dank der stetigen Zuwanderung mehr Latinos als Schwarze in den Vereinigten Staaten leben.

Der Vater von Sandra Cisneros wurde noch in Mexiko geboren, ihre Mutter schon in Amerika. Sie selbst ist in den armen Barrios von Chicago aufgewachsen: ein Mädchen unter einem halben Dutzend Jungen - »mehr sechs Väter als sechs Brüder«, sagt sie. Aber die Mutter ließ ihr Ruhe, ließ sie schreiben, lesen und träumen.

Jeden Sommer lud der Vater die Familie mit Sack und Pack ins Auto - ab nach Mexiko, zur Abuela, der Großmutter. Im Herbst erst kam Sandra zurück, dunkel verbrannt, immer ein, zwei Wochen zu spät für das neue Schuljahr. Und stets wieder in fremde Häuser, fremde Klassen, fremde Stadtteile.

»Wir haben nicht immer in der Mango Street gewohnt«, erinnert sich das Mädchen Esperanza in »Das Haus in der Mango Street«, »vorher wohnten wir in der Loomis im zweiten Stock und vorher in der Keeler. Vor der Keeler war es die Paulina, und an noch vorher kann ich mich nicht erinnern.«

Fremdsein, Anderssein, immer und überall. Auch nach der High School, als Sandra Cisneros an der berühmten Schreibwerkstatt der University of Iowa angenommen wurde. Sie war die _(* Oscar Hijuelos: »Die Mambo Kings ) _(spielen Songs der Liebe«. Aus dem ) _(Amerikanischen von Michael Strand. S. ) _(Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 432 ) _(Seiten; 39,80 Mark. ) einzige Chicana. Sie wäre fast verstummt. Nein: Die anderen, die Anglos, hätten sie fast zum Schweigen gebracht.

Wie in jener Unterrichtsstunde, als alle sich lebhaft über Häuser unterhielten, über Speicher und Keller und Treppenhäuser und Nischen. Bloß sie saß wieder einmal da, wußte nichts zu sagen und fühlte sich dumm - »bis mir plötzlich klarwurde, daß ich nie in einem solchen Haus gelebt hatte«.

Ihr wurde noch mehr klar in diesem Moment. Daß sie nicht dieselben Erinnerungen wie ihre wohlbehüteten Klassenkameraden besaß, nicht dieselbe Geschichte, nicht einmal dieselbe Sprache. Wie also konnte sie über dasselbe schreiben wie die anderen? Sie konnte nicht.

»Aber worüber zum Teufel sollte ich schreiben? Was wußte ich, was die anderen nicht wußten?« hat sie sich gefragt. Und dann hat sie angefangen, über die Stadtteile zu schreiben, in denen sie aufgewachsen war, und über die Leute, die sie dort kannte. Auf einmal fühlte sie sich nicht mehr schwach, weil sie anders war, sondern stark.

Mit 22 probierte sie ihre neue Kraft zum ersten Mal aus, in »Das Haus in der Mango Street«. Ein Roman, zusammengesetzt aus lauter Kindheitssplittern des Mädchens Esperanza: Erinnerungen an die dicke Mamacita, die nur acht Wörter Englisch konnte und darum nie aus dem Haus ging. Und an den Affengarten, wo Sally die Jungs aus Titos Bande hinter dem blauen Pritschenwagen abknutschte. Und an Louies Cousin, der einen fetten gelben Cadillac mit Weißwandreifen geklaut hatte.

Zwei, drei Seiten sind diese Stückchen kurz. Sie klingen, als würde eine Freundin sie erzählen, nachmittags bei einer Tasse Kaffee - spontan, vertraut, sprudelig, manchmal kindlich. Sie atmen und schwingen, diese einfachen, hingetupften Skizzen, in deren Abfolge das Mädchen Esperanza ganz allmählich erwachsen wird.

Manches hat Sandra Cisneros den Latino-Teenagern abgelauscht, die sie nach ihrem Studium eine Zeitlang unterrichtete. »Diese Kids hatten ein unglaubliches Mundwerk«, sagt sie. »Ihr Slang kam so frisch von der Straße, daß er schon alt war, wenn sie ihn benutzten.« Die anderen Lehrer trichterten den Jugendlichen ein, daß sie den Mund halten sollten. Sie sagte ihnen: »Erzähl mir deine Geschichte noch mal. Und dann schreib sie auf.«

Ihr eigenes Schreiben kam ihr damals fast sinnlos vor. Kondome verteilen, Frauen gegen brutale Ehemänner schützen, Medikamente ausgeben, das war nötig im Barrio - aber Bücher schreiben? Irgendwann hat sie begriffen, daß auch ihre Geschichten helfen, den Seelen, wenn schon nicht den Körpern.

Seitdem schreibt Sandra Cisneros nur noch an einer einzigen, großen Geschichte: der Chicano-Geschichte. Sie schreibt, damit ihre Leute ein Gefühl für sich selbst finden können, damit sie Stolz und Freude erleben. Und damit die Frauen ihren Mut entdecken: Denn das erste und wichtigste Publikum für Sandra Cisneros, die Frau mit den sieben Vätern, sind immer ihre Chicana-Schwestern.

Darum schreibt sie über Cleofilas, das junge mexikanische Ding, das von einer Liebe wie in den Telenovelas träumt, den lateinamerikanischen Seifenopern. Doch der Mann, den Cleofilas heiratet, bringt sie über die Grenze in die USA, und da hockt sie dann, allein und traurig, während er mit seinen Kumpels säuft. Wenn er nach Hause kommt, nörgelt er, flucht und schlägt Cleofilas.

Ihr gelingt die Flucht in »Bach der Schreienden Frau«, der schönsten und traurigsten Geschichte aus »Kleine Wunder«. Sie und die anderen Chicanas, ob Mädchen, junge Frauen, Mütter oder Großmütter, leben mit Männern, für Männer - und überleben doch auch ohne sie.

Das Mädchen Esperanza hatte schon früh geübt, vom Tisch aufzustehen »wie ein Mann, ohne den Stuhl zurückzustellen«. Jetzt, in »Kleine Wunder«, schafft es eine ihrer älteren Schwestern, sich das Haar abzuschneiden, ihrer Familie zu trotzen und darauf zu bestehen, daß sie Künstlerin werden will.

Den abgeschnittenen Zopf trägt sie in die Kirche - als Geschenk für die mächtige Schutzpatronin, die ihr die Kraft zum Widerstand gegeben hat. Es ist, natürlich, die Heilige Jungfrau von Guadalupe.

* Sandra Cisneros: »Kleine Wunder«. Aus dem Amerikanischen von HelgaPfetsch und Silvia Morawetz. Goldmann-Verlag, München; 224 Seiten;29,80 Mark.* Oscar Hijuelos: »Die Mambo Kings spielen Songs der Liebe«. Aus demAmerikanischen von Michael Strand. S. Fischer Verlag, Frankfurt amMain; 432 Seiten; 39,80 Mark.

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