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FRITZ KORTNER

aus DER SPIEGEL 31/1970

In der feschen Gockelhaftigkeit und faselnden Halbbildung der deutschen Theaterwelt besaß er den Ruf eines Schwierigen; den Leuten mußte er wohl schwerfallen.

Der Schauspieler und Regisseur Fritz Kortner, »ein Jude, ein deutschsprechender Jude« (Kortner), war vor und nach der »Hitlerei« ein Brenn-Punkt des deutschen Theaters; seine Inszenierungen der letzten Jahre setzten Maß und Stil für eine ganze Generation von Theatermachern.

Er inszenierte die Großdramatiker Shakespeare, Schiller, Strindberg, Goethe, zum Schluß auch Lessings »Emilia Galotti«; und einen Tag vor seinem Tode konnte er sich noch, in einem Münchner Krankenhaus, die TV-Aufzeichnung seiner Hamburger »Clavigo »-Inszenierung ansehen.

Eros, Macht und Tod fesselten seine Intelligenz, schürten seine Phantasie. Keiner hat wie er die »Schikanen der Leidenschaft« (Kortner) dargestellt, das Popanzige der Herrschenden und die groteske Grausigkeit des Todes. »Der Mensch ist lächerlich«, sagte er, »sonst ist er keiner.«

Er war ein Mensch voller Widersprüche, ein zärtlicher Sarkast, ein verletzlicher Berserker, ein unerbittlicher Hasser und ein rührender Hausvater; am heimeligsten fühlte er sich in den Hallen von Grandhotels, kaute an seiner stets kalten Zigarre und schrieb an einem Buch.

Sein Stolz und Stachel war sein Judentum.« Ich bin ein uneingeschüchterter Jude«, sagte er, und: »Ich habe gefunden, daß man sich mit diesem Standpunkt eher durchsetzt, als wenn man sich einschleichen will.«

Als »uneingeschüchterten Juden« begriff er auch den Shylock in Shakespeares »Kaufmann von Venedig«, als »Mann, der sich mit Gott eins weiß«. Kortner, der sich selbst einen »weitgehend ungläubigen Juden« hieß, machte den Shylock zur Rolle seines Lebens.

Er spielte ihn schon als Zwanzigjähriger daheim in Wien. 1927, mitten im Berliner »Deutschland erwache«-Getöse, spielte er ihn wieder, und Alfred Kerr schrieb damals: »Ich sah keinen, der ihm gleicht.«

Am Tag nach Hitlers Machtantritt ging er mit dem Shylock auf Auslandstournee und ins Exil. Vor zwei Jahren, mit 76, spielte er den Juden noch einmal für eine TV-Inszenierung: ein zürnender Jahwe, der Recht und Rache fordert für sein geschundenes Volk.

Kortner hat sich intensiv mit dem atheistischen Juden Sigmund Freud befaßt und bei ihm Rat geholt, warum auch der ungläubige Jude sich als Jude fühlt. »Jude sein«, sagte Kortner, »heißt, durch Vergangenheit und Unterbewußtsein unseparierbar an eine Menschheitsgruppe gefesselt sein.«

Die freudianische Tiefenpsychologie nutzte Kortner als Handwerkszeug. Seine Inszenierungen waren psychoanalytische Explorationen, und sie waren so weise, reich und böse, weil sie auch verborgene Motive der Figuren zeigten, Kompensationen, Zwang des Milieus und die Beschädigungen durch Angst und Gier.

Das schnatternde, knatternde, röhrende Routinetheater provozierte Kortners Vitriol-Bonmots. Seine Proben waren Erprobungen und dauerten daher Monate. Seine Inszenierungen sollten »nicht nur gefallen, sondern auch einleuchten": deshalb waren sie hochartistisch, kritisch und, zuweilen ausschweifend, didaktisch.

Kortner hat, auf eine umfassende Art, politisches Theater gemacht, mit einem scharfen Blick für soziale Eigenheiten und Abhängigkeiten. Seine Kunstintelligenz legitimierte, noch einmal, die Existenz der sonst ziemlich dubios gewordenen Spielwiese Theater.

Kortner, der »rastlose Betrachter« (Kortner), wollte »immer noch sehen« wie es weitergeht«. Er las zehn Zeitungen am Tag, lobte die linke »Jugendbewegung« und war bestürzt, »daß Israel immer mehr in die Gewalt der religiösen und militärischen Zeloten gerät«.

Gegen Ende seines Lebens hatte der letzte Großmeister des deutschen Theaters auch seinen Frieden mit den Deutschen gemacht. »Früher wollte ich unter keinen Umständen in Deutschland sterben«, sagte er. »Jetzt ist aus diesem Wunsch geworden Ich möchte nicht sterben.«

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