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KOKAIN Frivole Erhabenheit

Die Modedroge Kokain, geschätzt in besseren und künstlerischen Kreisen, ist im Vormarsch. In München läuft gegenwärtig der erste Großprozeß der Nachkriegszeit.
aus DER SPIEGEL 21/1981

Die Lage des Journalisten war, wieder einmal, ernst: »Die Ideen wollten nicht kommen.« Sie blieben »untätig, eingeschlossen, zusammengepreßt wie in einer Konservenbüchse«.

Doch der Verklemmte weiß Hilfe. »Unter der Wirkung des Kokains« würden die »zusammengerollten Gedanken sich öffnen, sich entfalten, sich ausbreiten, wie trockene Teeblätter unter kochendem Wasser«.

Weiter im Text: »Er schnupfte« -das weiße Pulver -- »und schrieb« wie ein Weltmeister.

In den 20er Jahren war ein Roman mit dem Titel »Kokain« erschienen, ein europäischer Bestseller alsbald, verfaßt von einem italienischen Journalisten, der sich Pitigrilli nannte.

In dem Buch schickt Pitigrilli einen jungen Standeskollegen in eine große Stadt, Paris, in der »Schnee«, Kokain, nur so stöbert. Künstler, Bohemiens, Literaten, Ärzte, Großkaufleute schniefen sich die Nasen voll, um an die schönen Gefühle zu kommen:

»Tolle Phantasien« wirbeln im Koks-Kopf, ein »Karnevalsfest in einem Irrenhaus«, eine »Kaskade von Unsinn«. »Wohlbehagen« und eine »beinahe unersättliche erotische Exaltation« stellen sich ein. Chronischer Genuß freilich läßt die »Flamme der Sinnlichkeit niederschlagen«, »schreckliche Depressionen« folgen, Wahnvorstellungen, Paranoia, psychische Abhängigkeit.

Vor anderthalb Jahren war der »Kokain«-Roman neu auf deutsch erschienen (SPIEGEL 53/1979). In einer großen Stadt, München, wirkt er nun auf gespenstische Weise aktuell.

Denn in der Stadt der Kunst und Lebenskunst läuft gegenwärtig der erste heimische Großprozeß der Nachkriegszeit in Sachen Kokain, und darin verwickelt, auf mancherlei Art, sind Größen und Gernegrößen aus der Welt der Künste und der Boheme, manche wohl mit eiskalten Händchen.

Den Hahn aufgedreht hatte der Bierzapfer eines Schwabinger Lokals, »Klappe« zu Recht genannt, Treff von Filmern und anhängenden Freaks, Isar-Schickeria und sonstigen lustigen Vögeln. Plötzlich letzten Herbst war der Zapfer seines Handelns -- Dealens -nicht mehr froh, oder sicher.

Er vertraute sich, wem sonst, der »Bild«-Zeitung an, die schickte ihn zur Justiz: In der »Klappe« werde mit -von ihm geliefertem -- Kokain gehandelt, Kunden seien Leute wie die Filmschauspielerinnen Barbara Valentin, Dolly Dollar, »Cleo« Kretschmer und der Regisseur ("Arabische Nächte") Klaus Lemke; Fassbinder habe mal von Ferne eine Order erteilt, gleich ein Pfund.

Wirt und Wirtin der »Klappe« kamen, Beweise fanden sich hinreichend, in Haft; die angeblichen Kunden erhielten die Rollen von Zeugen. Deren Auftritt dann, an einem der jüngsten Prozeß-Tage, zeigte filmische Reife, und die Texte stammten von den berühmten drei Affen: Nichts gesehen, nichts gehört, nichts zu sagen.

Barbara Valentin, Engel in Seide, rauschte als Salondame auf. »Cleo« Kretschmer, bayrische Dorf-Monroe vieler Lemke-Filme, hat in der »Klappe« nur »getrunken, immer schön gleichmäßig«. Das »Busenwunder« Dolly Dollar, ganz in Pink, hatte zu Ehren des Hohen Gerichts die hervorragenden Merkmale irgendwie völlig abgetragen. Ähnliche Achtung erwies der sonst leder-legere Fassbinder; ihm war es gelungen, sich in einen Glencheck-Anzug einzukneten, Krawatte als Zugabe.

Die fesche Star-Parade zu Justitias Füßen läßt freilich nicht vergessen, daß es um ernste Dinge geht. Schon hat der Staatsanwalt plädiert, den »Klappen«-Wirt für viereinhalb Jahre in einen anderen Klapp-Verschlag zu stecken. Zum heißen Thema Kokain, der allseits aufsteigenden Mode-Droge, wird der Prozeß Signale setzen.

Dem Wirtinnen-Beistand, dem Münchner Rechtsanwalt Rolf Bossi, schwant nichts Gutes. Das Gericht könne, meint er, »abschreckende Urteile statuieren, um den Konsumenten-Kreis abzuschrecken«. Die »frivole Erhabenheit«, mit der jene Zeugen, denen nichts nachzuweisen sei, vor die Schranken traten, müsse das Gericht doch »frustrieren«.

Kokain-Schnupfer seien eben, im Gegensatz zu Heroin-Junkies, »sozial nicht auffällig«, und nur bei »psychisch vorgeschädigten Persönlichkeiten«, sagt Bossi, könne es zu »schweren Schädigungen« kommen. Darüber werden sich die Gutachter noch in die grauen Haare geraten.

Überdies sei der Koks-Konsumentenkreis ein ganz anderer als bei Heroin, das nur passiv mache. »Kreativ schaffende Menschen, Manager, Intellektuelle« nutzten die von Kokain ausgelöste »Hyperaktivität« und könnten damit umgehen »wie mit einer Flasche Wein«. Bossi: »Kokain ist nicht eine sozial gefährdende Droge wie Heroin.«

In der rund hundertjährigen Geschichte der Rauschdroge gibt es viele Kuriositäten und Kalamitäten. Innig jedenfalls war stets ihr Verhältnis zu Kunst und Kreativität.

An Koks-Hymnikern hat es nie gemangelt. Aleister Crowley, heute noch Großmagier des Undergrounds, schrieb 1918: »Ich habe nie ein Wunder wie dieses erlebt.« William Burroughs, der düstere Drogen-Champ: »Kokain ist die anregendste Droge, die ich je genommen habe.« Verführer-Sätze wie diese sind in jedem besseren Drogenfreak-Handbuch zu finden.

Kokain, Derivat des Kola-Blattes, seit grauer Vorzeit Überlebens-Mittel der Anden-Indios, war im 19. Jahrhundert zunächst als Wunder-Medizin gefeiert worden: als Lokal-Anästhetikum, als Mittel gegen Heuschnupfen, Trübsal, Alkoholismus. Die Getränke-Industrie zog es auf Flaschen; erst ab 1903 mischte Coca-Cola seinem Gebräu kein Kokain mehr bei. S.229

Zwei Kokain-Pioniere brachten es Ende des 19. Jahrhunderts zu Weltruhm -- Sherlock Holmes und Sigmund Freud. Der Meister-Detektiv, Alter ego des Kokainisten Sir Arthur Conan Doyle, nahm den Stoff als »überragendes Stimulans« und zur »Klärung des Geistes«.

Freud hatte, als sein eigenes Versuchskarnickel, seit 1884 mit Kokain experimentiert. Der Nerven- und Seelenarzt vermutete in der Droge ein Psychopharmakum -- stimmungsaufhellend, bewußtseinserweiternd, potenzsteigernd, »zur geistigen Arbeit stählend«. Seiner Braut kündigte er sich einmal als »großer wilder Mann« an, der »Kokain im Leib hat«. Später rückte er entschieden von der Droge und ihrem Lobe ab.

Jüngster Forschung nach war Koks für Freud immerhin eine Art Dosenöffner -- zum Unbewußten, zur Selbstanalyse, zur »Traumdeutung«.

Der große Schnee-Sturm, die Droge fiel mittlerweile unter das Opium-Gesetz, kam in den 20er Jahren; von Hollywood bis Berlin, in Studios und auf Societys, wurde das Glück mit der Nase gesucht. Divas applizierten Koks, um schönere Film-Augen zu bekommen: Er erweitert die Pupillen.

Horror, durch chronischen Gebrauch, stellte sich ebenfalls ein. Otto Dix, Maler des menschlichen Pandämoniums, hielt 1926 eine »Koksgräfin« im Bilde fest -- schauerlicher Anblick. Ein Literat aus dem Dix-Umkreis, Walter Rheiner, schrieb eine Novelle über das »fatale Wort«, das ihn »langsam zerhackte: Ko-ka-in!« Er starb als Morphio-Kokainist.

Koks-Forscher vermuten, daß sich die Größen des Dritten Reiches dann gern mit der Droge in Stimmung versetzten; der Verbrauch zu Deutschlands größter Zeit war jedenfalls enorm.

Das Neu-Aufflammen der Koks-Liebe signalisierte der Film »Easy Rider« (1969) -- in der Eingangsszene dealen Peter Fonda und Dennis Hopper mit dem Pulver. Der Regisseur Hal Ashby ("Shampoo") gestand, ab 1975, als es »in Hollywood epidemisch« wurde, unter Kokain gedreht zu haben; stoppte das aber, als er charakterliche Änderungen bei sich feststellte: »Ich wurde jähzornig.«

Zerfressene Nasenscheidewände vom vielen Schniefen, oft durch Platin-Einlagen ersetzt, sind in der internationalen Pop-, Rock-, Film-, Kunst-, Society-Szene mittlerweile keine Rarität. Offene Koks-Hymnen gibt es auch: »Please, Cousin Cocaine, place your cool hands on my head«, jammern die »Rolling Stones«.

Ein »Kokain«-Film steht bevor; ab Herbst dreht Fassbinder einen nach Pitigrillis Roman.

S.228Klaus Lemke, Dolly Dollar, Rainer Werner Fassbinder.*

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