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FILM Fröhlicher Frevel

»Psycho II«. Spielfilm von Richard Franklin. USA 1982. 113 Minuten; Farbe. *
Von Michael Fischer
aus DER SPIEGEL 29/1983

Die Psychiatrie ist ein Aufbewahrungsort für die mental Rastlosen und ein Reparaturbetrieb der menschlichen Seele. Unter ihrem behütenden Dach hat Norman Bates allerdings 22 Jahre lang verlernt, mit den Banalitäten des täglichen Lebens umzugehen. Blitzende Messer zum Beispiel irritieren ihn mächtig.

Mit Verve hat der australische Regisseur Richard Franklin diese Messer in seinem Film »Psycho II« geworfen, die gleißende Versuchung aus Solingen.

Ihren Anfechtungen freilich erliegt Norman Bates eher augenzwinkernd: Wie unhandlich es doch ist, scheint er einmal beim Frühstück zu schmunzeln, sich mit einem Riesen-Fleischermesser das Brot zu schmieren.

Doch welch kriminelle Energie solche Küchenwerkzeuge freisetzen können! Logisch, daß die Messer etliche Morde anrichten. Mindestens fünf Personen wird in diesem Filmspaß der Lebensfaden abgeschnitten - Franklins »Psycho II« ist auch ein Film über die Macht der Dinge über manche Menschen.

Nach 22 Jahren, die er wegen Mutter- und anderer Morde in der Psychiatrie eingeschlossen war, wird Norman Bates 1982 als geheilt entlassen. In der Anstalt haben diese Jahre bei Norman keine Spuren hinterlassen, nur ein paar Fältchen, ein paar weiße Fäden im vollen Haar. Norman Bates ist rank wie eh und je.

Draußen erliegt er schnell wieder dem schmuddeligen Charme seines alten Motels, der morbiden Faszination seines Erbes auf der Höhe nebenan, diesem abschreckenden Beispiel kalifornischer Gotik.

Dort rühren sich auch gleich die Mahre seiner Jugend, die Wände haben Augen, die Räume dröhnen; Mutters bizarrer Nippes hört alles, nur die ausgestopften Viecher schweigen.

Norman ist ein Mann unter Einfluß, Telephone rufen ihn, Frauen sind hinter ihm her, darunter eine, ihn zu vertreiben (Vera Miles), eine andere, ihn zu bemuttern.

Im Imbiß, wo er aushilft, lernt Norman Mary kennen (Meg Tilly), ein junges Mädchen, das im Moment ohne Wohnung ist. Selbstverständlich nimmt Norman sie bei sich auf, und Mary ist dabei, sich in ihn zu verlieben. Unter der Dusche im ersten Stock des düsteren Hauses seift sie wohlig ihren Körper ein.

»Du riechst so gut«, sagt Norman einmal zu ihr. Er meint damit den ihr anhaftenden Duft frisch getoasteter Käse-Sandwiches, wie sie seine Mutter immer zubereitet hatte. Denn für Norman ist seine tote Mama immer irgendwie anwesend, ihr Gekrächz zuckt schmerzlich durchs Gehör.

Am Ende der Geschichte hat der Sohn sich wieder eine Mutter beschafft; er trägt sie auf Händen die berühmte, steile Treppe hinauf wie ein Liebhaber. Seit Alfred Hitchcocks »Psycho« (eins) weiß man, wie solch verzehrende Leidenschaft endet.

Frech parodiert der Australier Richard Franklin diese hehren Tableaus des Suspense-Meisters. Dessen verschmockte Bilder - diese Bedrohlich gekippten Einstellungen, die hinterhältig von oben gefilmten Kamerafahrten - hat er in »Psycho II« entzaubert und damit den ganzen Tand, der »Psycho« (eins) dank Truffaut zu einem Kultfilm nur für Cineasten werden ließ.

Franklin hat einen wohlkalkulierten Massenfilm gemacht. Er hat mit dem Trick, Hitchcocks Figuren und Kulissen wieder aufleben zu lassen, dessen Film eine neue Dimension erschlossen: Er hat Hitchcocks zweiundzwanzig Jahre alte Filmkunst frappierend mit der heutigen Wirklichkeit des Schauspielers Tony Perkins verschmolzen.

Alfred Hitchcock, der Meister mit dem haarsträubenden Humor, hätte womöglich seine helle Freude daran gehabt.

Michael Fischer

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