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Schriftsteller Fröhlicher Overkill

Von Ralf Klassen
aus DER SPIEGEL 14/1995

Frühling in London, das sind drei Stunden im Mai, lautet eine alte englische Weisheit. Und niemand wüßte das besser als die Paparazzi, die nun schon seit Wochen vor dem Haus in der edlen Leamington Road frieren.

Daß die Foto-Jäger von Sun und Daily Mirror vor der Tür herumlungern, daran ist der Mann, der drinnen in seinem kleinen Apartment sitzt, gewöhnt. Über seine kaputte Ehe und die neue Freundin ist schließlich schon genügend Quatsch geschrieben worden.

Auch sonst leidet er an Schlagzeilen keinen Mangel, ob nun über seine teure Gebißkorrektur oder den Vorschuß, den er für seine neueste Arbeit kassiert hat, über eine Million Mark.

Der Mann ist weder Pop- noch Filmstar, kein Politiker und kein Fußballer. Martin Amis, 45, ist Schriftsteller. Und selbst in England, wo Prominente stets euphorischer gefeiert oder geschlachtet werden als anderswo, hat es das zuvor noch nie gegeben: ein Schreiberling als Idol der Massen.

Dabei wirkt Amis mit seinen 1,65 Meter Größe, dem schmalen Körper und einem Gesicht, das jung und naiv aussieht, nicht gerade imposant. Porträtisten behelfen sich gern mit dem Vergleich, er habe etwas »Napoleonhaftes«.

Weil die Kluft zwischen Amis'' Erscheinung und seinen Romanfiguren so enorm ist, hat die Legende längst die Wirklichkeit überlagert. Er sei so wie die Helden seiner Bücher: wild umhervögelnde Typen, psychotische Yuppies und reiche Proleten, mit schlechtem Atem vom Dauerwodka und vom billigen Fastfood, wie ohnmächtig taumelnd zwischen Aktiengeschäften in Singapur, Sex in New Yorker Disco-Toiletten und Kokainpartys in Soho.

»Das eine bin ich, das andere sind meine Schriften«, zitiert er Nietzsche. Aber dabei grinst er so diabolisch, als wolle er den Beobachter dazu einladen, nun Anzeichen des Wahnsinns bei ihm zu entdecken.

Auch der wirkliche Amis bietet eine Biographie, über die sich mancher seiner Kritiker mit kaum verhohlenem Neid äußert: Geboren als Sohn des in England und den USA berühmten Schriftstellers Kingsley Amis, habe er ja überhaupt keine Chance gehabt, einer literarischen Karriere auszuweichen, heißt es dann in den spitzen Kolumnen der Gesellschaftspresse.

Erziehung und Ausbildung in feinsten Colleges in verschiedenen Ländern, Beziehungen beim Start seiner Karriere als Literaturjournalist, Beziehungen auch später, als er Kulturchef des New Statesman wurde - die Liste dessen, was man Amis vorwarf, ist komplett.

Vielleicht ist es der Ärger über diese Vorwürfe, der Amis'' Literatur so böse gemacht hat. Seine verlorenen Helden und ihre Geschichten in einer zerfallenden, egomanischen Welt sind atemlos, charakterlose Typen hinter ekligen Visagen. Er zeichnet sie virtuos, brutal und dabei mit solch bizarrem Witz, daß einem das Lachen im Gesicht gefriert.

»Alles andere würde doch nur Mitleid erzeugen«, entgegnet er Kritikern, die sich über die Wesenlosigkeit seiner Figuren und die mangelnde Tiefe seiner Beschreibungen mokieren. »Aber ich will nicht, daß man mit meinen Leuten Mitleid hat. Das sind Arschlöcher, und das sollen sie auch bleiben.«

Amis verzichtet auf feinsinniges Verständnis und liebevolle Exegesen, in seinen Büchern tobt ein fröhlicher Overkill an Emotionen und Perversitäten, der keinen Ausweg offenläßt - Happy-Ends gibt es bei ihm nicht.

In seinem nun in Deutschland gerade erschienenen Roman »1999« ist die große, die letzte Katastrophe schon passiert - ein globales Todesurteil ohne Chance auf Berufung*.

Seltsam antiquiert klingt diese Schreckensvision auf den ersten Blick: Apokalyptische Romane gab es vor allem in den achtziger Jahren, als Tschernobyl und Cruise Missiles die Phantasie von Autoren anregten. Doch Amis'' Buch ist mehr als jene damals populäre Endzeitkultur, »1999« handelt vor allem von der moralischen Katastrophe, und die ist, das hämmert Amis seinen Lesern ins Hirn, alles andere als Science-fiction.

Als das Buch auf den englischen Markt kam, startete sein Verleger eine gigantische Werbekampagne mit großen Amis-Fotos auf Plakatwänden, Hörfunkspots und ganzseitigen Anzeigen in Zeitungen, die wegen ihres Textes nicht überall abgedruckt wurden:

»Ein durchschnittlicher Mann in London wird heute 20mal an Sex denken«, hieß es da. »Einer von dreien wird onanieren. Alle drei Stunden wird eine Frau sexuell angegriffen werden. Und fünf Kinder werden im Laufe der Woche an den Folgen von Mißhandlungen durch ihre Eltern sterben.« Dann folgten der Titel des Buches, der Autor und schließlich die fettgedruckte Mitteilung: »Es ist ein Roman über das gewöhnliche, alltägliche Leben.«

In seinen Büchern zuvor hatte Amis die Jagd nach Sex und Geld bis ins schmerzhafteste Detail seziert. Mit »1999« zielt er auf die letzten Werte des untergehenden Abendlandes: Gewalt und Tod. _(* Martin Amis: »1999«. Deutsch von Eike ) _(Schönfeld. Rowohlt Verlag, Reinbek; 608 ) _(Seiten; 48 Mark. )

»Dies ist eine wahre Geschichte, aber ich kann nicht fassen, daß sie wirklich geschieht.« Mit diesem Satz eines seiner Helden, eines amerikanischen Schriftstellers auf Recherche im todgeweihten London, läßt Amis seinen Roman über das Ende der Welt beginnen.

Doch wer glaubt, der Mann sei fassungslos vor dem Schrecken, der ihm nun widerfahren soll, den überrascht Amis gleich mit dem nächsten Satz: »Dazu noch eine Mordgeschichte. Ich kann mein Glück nicht fassen.«

Was folgt, ist eine irrwitzig komische, schonungslose Story über ein Mädchen namens Nicola Six, das angesichts des baldigen Endes nur ein Gedanke umtreibt: Nicola sucht einen Mann, der sie möglichst bizarr umbringen soll.

Sie beginnt ein Spiel mit mehreren Interessenten, allesamt dazu verurteilt, mehr Opfer zu sein denn Täter. Und der Psychokrimi, in dem bald alles feststeht, vom Täter bis zur Tatzeit, kennt nur noch ein Rätsel: das Motiv. »Nette kleine Spielerei mit dem Schicksal der Menschheit, finden Sie nicht«? fragt Amis. »Warum haben wir alle den Drang zur Selbstzerstörung?«

Amis hat Spaß an der Gewalt, am Niedergang der menschlichen Rasse. Nicht aus einer sinistren Lust am Untergang, sondern aus dem Wissen, daß diese Welt nur lachend zu ertragen ist. Und vielleicht, sagt der »Schriftführer mit leichten Übelkeitsgefühlen« (Amis), helfe ja das Lachen, das Gegenteil sei »jedenfalls noch nicht bewiesen«.

»Wenn mich jemand fragt: Schreiben sei ja ganz gut und schön, aber was ich denn eigentlich gegen die Bedrohung der Welt mache«, hatte er mal gesagt, »dann würde ich ihm antworten: Jeder kann in einen Bus steigen und sich vor ein Atomkraftwerk setzen. Wirklich jeder. Aber längst nicht jeder kann darüber ein Buch schreiben.«

Für solche arrogant klingenden Wahrheiten wird er gehaßt. Bekriegt wurde er wegen seiner Bücher zwar schon immer. Aber es war mehr ein Spiel im eitlen Literatenzirkel Londons, nicht wirklich gefährlich, sogar imagefördernd.

Bis Isabel Fonseca in seinem Leben auftauchte, eine wunderschöne Amerikanerin, die von den Medien flugs zum Literaturgroupie gemacht wurde. Erst kam die Anekdote mit ihrem Herzenswunsch nach einem runderneuerten Amis-Gebiß - für 20 000 Pfund in New York -, dann die erschütternden Berichte seiner verlassenen Frau. Und schließlich die Geschichte mit seinem neuen amerikanischen Agenten (Spitzname: »Der Hai"), der 500 000 Pfund als Vorschuß für Amis'' neuen Roman »The Information« herausholte, der im Mai in Großbritannien erscheinen soll. Der Wind hatte sich gedreht.

»Er hat eine amerikanische Freundin«, meckerte die Sunday Times und machte sich damit zum Sprachrohr für den wiedererwachten Literatur-Chauvinismus auf der Insel, »einen amerikanischen Agenten und Hauer, auf die Jimmy Carter stolz gewesen wäre.« Das, so die Sunday Times, mache »das Überlaufen« zu den gehaßten Yankees perfekt.

»Amis-Bashing« ist in Mode, und nur wenige bemühen sich, die Dinge kühl zu sehen: »Möchten Sie, wenn Sie ein Schriftsteller wären, lieber einen Agenten haben, dessen Spitzname ,Der Hai'' ist«, warf sich der Kritiker des Independent für Amis in die Schlacht, »oder lieber einen, der ,Kuscheliger Teddybär'' heißt?« Y

* Martin Amis: »1999«. Deutsch von Eike Schönfeld. Rowohlt Verlag,Reinbek; 608 Seiten; 48 Mark.

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