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MALEREI Frohe Zukunft

Als erster prominenter Vertreter des sozialistischen Realismus stellt DDR-Künstlerverbandspräsident Willi Sitte groß in der Bundesrepublik aus.
aus DER SPIEGEL 16/1975

Zu Hause in der DDR ist der Maler den Leuten ein Begriff wie Plenzdorf oder Sparwasser. »Den Willi Sitte«, schrieb das »Neue Deutschland«, »kennt wohl die ganze Republik.« Nun ist er reif für eine West-Mission.

Als erster offizieller Sendbote der DDR-Malerei in der Bundesrepublik stellt dieser Willi Sitte, 54, seit letztem Wochenende repräsentativ beim Kunstverein in Hamburg aus* und stopft so, mit 120 Gemälden und Zeichnungen, eine klaffende Bildungslücke. Kunstvereinsdirektor Uwe M. Schneede: »Die direkte Anschauung von Werken des sozialistischen Realismus ist überfällig.«

Sie ist doppelt gefragt, weil neuerdings auch westliche Ausstellungsbesucher auf Realismus vorbereitet sind und weil eine gewandelte Ost-Kunst sie nicht mehr so schroff verschreckt wie früher. Der Hallenser Mal-Professor Sitte, seit 1974 durch das Präsidentenamt im DDR-Künstlerverband und den Karl-Marx-Orden ausgezeichnet, ist ein vorbildlicher Vertreter dieser Kunst. Bei ungetrübter ideologischer Prinzipienfestigkeit läßt er die plattesten Klischees links liegen und gönnt seinen Bildern eine individuelle Note.

Es sind zumal unübersehbar »gesellschaftsrelevante«, oft mehrteilige Großgemälde, die etwa die industrielle Produktion zum Altar-Sujet erheben ("Leuna 1969") oder, mit Nazi-, Chile- und Vietnam-Symbolen rund um das Motiv eines Gekreuzigten, anklagend die Greuel des Imperialismus schildern ("Jeder Mensch hat das Recht auf Leben und Freiheit").

Doch Sitte, der sich in Hamburg vorstellen will, »wie ich wirklich bin« (siehe Interview Seite 171), hat auch reichlich »Intimbilder« mitgeschickt -- vom nackten »Liebespaar im Badezimmer« bis zu einem »Stilleben mit Salat und Radieschen«.

Gemeinsam ist allen Sitte-Gemälden aus neuerer Zeit, ob Bett-, ob Staatsaktion, ein spezifischer Schmiß der Machart. Sitte klatscht seine bunten Farben in heftigen Pinselstrichen und -wischern auf die Leinwand und täuscht so brodelnde Bewegung vor -- ein Eindruck, der durch prismatische Formberechnungen und collagehafte Motiv-Kombinationen noch verstärkt wird.

Solcher Schwung hilft dem Maler beispielsweise, schwierige Realismus-

* Bis 13. Mai. Katalog 108 Seiten; 17 Mark.

Probleme antinaturalistisch zu bewältigen und etwa Funktionsabläufe im Chemiewerk Leuna -- statt statischer Erscheinungen -- zumindest sinnbildhaft anzudeuten. Die Darstellung eines hektisch gestikulierenden Lenin wiederum soll, laut Sitte-Monograph Wolfgang Hütt, »die ungeheure Dynamik dieses glühenden Verfechters proletarischer Interessen veranschaulichen«. Und die wirbelnde Vitalität muskulöser Sitte-Akte, bei denen noch der Griff nach dem BH-Verschluß zur sportlichen Höchstleistung gerät, versteht Aussteller Schneede als »Zielprojektion« für eine fröhliche sozialistische Zukunft.

Botschaften aus einem fremden Land. Schneede tut gut daran, hervorzuheben, diese Malerei könne hier kaum »vorbildhaft« wirken und Sitte sei »nicht dem westlichen Kunstbetrieb einzuverleiben«.

Das verhindern nicht nur agitatorische Kurzschlüsse wie die Selbstverständlichkeit, mit der Sitte beim »Höllensturz in Vietnam« auch noch ein Strauß-Porträt unterbringt (zwischen den Schenkeln einer feisten Justitia) und Adenauer samt Erhard durch Bullaugen stieren läßt, weil sie -- perfiderweise wohl -- ein Hospitalschiff nach Süd-Vietnam entsandt hatten.

Allzu flau sind auch die malerischen Details, zu beliebig ist der Einsatz der formalen Mittel -- ein »Beatsänger« ist von wehklagenden Kriegsopfern schwer zu unterscheiden, und seinen Dynamismus pfropft Sitte noch den ruhigsten Porträt-Motiven auf. Zu bedenkenlos für westliche Auffassungen, aus DDR-Perspektive freilich vollkommen legitim, bedient er sich aus dem Fundus der Tradition.

So erinnern Sittes zahlreiche Strand-, Bett- und Sauna-Szenen überdeutlich an barocke Bacchanale, der »Höhensturz« spielt sichtlich auf Rubens an. Auf einem anderen Bild wird Lovis Corinth (mit seinem Selbstporträt) zitiert, auch der italienische Realist und Kommunist Renato Guttuso ist vielfach gegenwärtig. In früheren Werk-Epochen dominieren unverhüllt Leger und Picasso.

Ob indessen nicht sein allererstes, längst zerstörtes Monumentalgemälde, eine 1942 auf eine Küstriner Kasernenwand gepinselte Szene aus der Liegnitzer Mongolenschlacht, sogar als Bindeglied zwischen Nazi-Kunst und sozialistischem Realismus zu verstehen sei -- diese Frage würde Sitte sich wohl gar nicht erst stellen lassen.

Das böhmische Handwerker- und Kommunistenkind war nach einer Kunstschulzeit in Reichenberg 1939 von einem Gönner an die »Meisterschule Hermann Göring« in der Eifel vermittelt, von dort aus aber nach zwei Semestern wegen Unbotmäßigkeit an die Front expediert worden. Den Kriegsschluß erlebte Sitte als Partisan in Norditalien. Über die Tschechoslowakei zog er dann nach Halle um, wo er seit 1951 an der Kunsthochschule lehrt.

Im Kulturbetrieb der DDR war Sitte nicht immer sehr beliebt. So mußte er sich 1961 im »Neuen Deutschland« vorhalten lassen, er wolle das »sozialistische Menschenbild« mit »spätbürgerlichen Kunstweisen« und »äußerlichen Verformungen« gestalten. Zwei Jahre später publizierte er das Bekenntnis, er habe »nicht immer in vollem Umfange die Positionen meiner Partei vertreten«.

Mittlerweile haben sich Sitte und die Kunstpolitik der DDR deutlich zueinander hin entwickelt. Seine repräsentativen Bilder hängen in Museen und Ministerien, und im Groß-Atelier neben seiner Wohnung in Halle (Anschrift: Frohe Zukunft 1) kann Sitte getrost auch einmal die Karikatur übereifriger Genossen am kalten Büfett malen. Nach Hamburg hat er freilich aus diesem milde kritischen Genre nichts geschickt.

Der Kunstverein, dem die spektakuläre Premiere vom staatlichen »Zentrum für Kunstausstellungen« frei Haus geliefert wird, war aber -- vor einem Kulturabkommen -- für DDR-Behörden kein offiziell. akzeptabler Partner. Er mußte sich einen Vermittler gefallen lassen: die DKP.

Der entsprechende Katalog-Vermerk ist ein Kabinettstück an Protokoll-Diplomatie: »Der Kunstverein in Hamburg dankt dem Parteivorstand der DKP, der die Verwirklichung der ihm zur Verfügung gestellten Sitte-Ausstellung dem Kunstverein übertragen hat.«

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