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FILME Fruchtzwerg mit Riesenklappe

Jason Reitmans Teenagerdrama »Juno« ist ein kleines Wunderwerk aus beherzter Schauspielkunst, feinem Styling und frechen Sprüchen.
aus DER SPIEGEL 12/2008

Eigentlich ist das Leben heimelig und bürgerlich adrett wie ein sorgsam getrimmter Vorgartenrasen für die 16-jährige Juno und ihre Mitschüler in der Dancing Elk Highschool (der Schule zum tanzenden Elch also), irgendwo in der amerikanischen Provinz.

Aber eines Abends steht das hagere, zappelige Mädchen ziemlich melancholisch auf genau so einem grünen Rasen neben einem als Sperrmüll ausgemusterten alten Polstersessel und kippt literweise Orangensaft in sich hinein: Die junge Frau wappnet sich für den dritten Schwangerschaftstest innerhalb einer Stunde.

Der Kinofilm »Juno« erzählt davon, wie die zarte Titelheldin ungewollt gleich beim ersten Sex in andere Umstände gerät, das Baby abtreiben will, es sich anders überlegt und nun erst recht in wilde Turbulenzen gerät - und ist doch kein nervenzehrendes, hart realistisches Trauerspiel aus dem amerikanischen Schülerinnenschwangerschaftsalltag, sondern ein quietschlustiger Wohlfühlfilm. Allein in den USA hat die ohne teuren Aufwand produzierte Komödie des 31-jährigen Regisseurs Jason Reitman schon rund 140 Millionen Dollar eingespielt.

Das liegt ganz sicher an der Schauspielerin Ellen Page, die hier als altkluger Dreikäsehoch viele freche Sprüche reißen darf und dafür von ihren Mitmenschen geliebt und verspottet wird (in der dem Original fast ebenbürtig ulkigen deutschen Synchronfassung ruft man sie »Fruchtzwerg").

Es liegt aber auch am Geschick eines Regisseurs, der seinen Film mit jeder Menge zur Gitarre geträllerter Musik, wackeligen Schrifteinblendungen und Comicstrip-Einlagen aussehen lässt wie ein Popvideo aus der YouTube-Ecke für alternative Schrammelmusik.

Ein schönes Gespür für Lässigkeit zeichnet nicht nur das Styling aus, sondern den Film überhaupt. So muss die Heldin keine feuchten Augen zeigen, damit man ihre Verletzlichkeit spürt. Es genügt, wenn Juno in ihrem Teenie-Kinderzimmer telefoniert: mit einem Plastiktelefon in Form eines aufgeklappten Hamburgers. Michael Cera ist Junos schüchterner Freund Bleeker - und muss damit fertig werden, dass die Geliebte fortwährend seine meist in gelben Turnhosen steckenden schönen Beine lobt. Vom Baby in Junos Bauch erfährt Bleeker, als ihm die Schwangere im Morgengrauen vor seinem Haus auflauert, samt Sperrmüll-Polstersessel vom Filmbeginn.

Reitmans Film erzählt auch Hauptsachen wie nebenher. So stapft die junge Heldin zu einer Abtreibungsambulanz und veralbert vor der Tür erst mal eine strenggläubige Mitschülerin, die sich mit einem Protestschild vor der Klinik aufgebaut hat. Im Wartezimmer entschließt sich Juno plötzlich doch, das Kind zu kriegen. Manche Kritiker nennen so was Mangel an psychologischem Tiefgang (und Flucht vor einem klaren Statement zur Abtreibung), tatsächlich aber macht es gerade den Charme von »Juno« aus, dass der Film stets achselzuckend, aber immer voller Zuneigung den Launen seiner Heldin folgt.

Ihren frechen, aber warmherzigen Wortwechseln mit Vater und Stiefmutter zum Beispiel; ihrer trotzigen, mit dem eigenen Bauchumfang zunehmenden Entfremdung von Bleeker; ihrer Begeisterung für das superneureiche Adoptivelternpaar Vanessa und Mark (Jennifer Garner und Jason Bateman), das sie sich für ihr Baby ausguckt.

Die Drehbuch-Newcomerin Diablo Cody bekam für »Juno« einen Oscar, den sie sich für ihre enthemmte Pointenschleuderei ebenso verdient hat wie für die clevere Vermeidung allzu naheliegender Wendungen. Nicht eine fatale Neigung über Klassengegensätze hinweg (das schwangere Mädchen flirtet mit dem Adoptivvater) ist das Thema in »Juno«, nicht die Rangeleien zwischen Eltern und Kindern oder die bald sichtbare Zerrüttung von Marks und Vanessas Ehe - das Zentrum des Films ist immer der oft himmelhochjauchzende, mal ziemlich betrübte Seelenzustand seiner Heldin.

Bei aller Begeisterung für diese Erzählkunststücke kann man dem Film »Juno« natürlich vorwerfen, dass er wie viele US-Independent-Hits der vergangenen Jahre im tiefsten Inneren ein bisschen verdreht die ewige Lüge des amerikanischen Mainstream-Kinos nachbetet, wonach jeder sich nur entschieden genug (und auf seine ganz spezielle Art) abstrampeln muss, damit es was wird mit dem verfassungsmäßig garantierten Anspruch aufs Glück.

Aber anders als vergleichbar eifrig gefeierte Filme wie »Sideways« und »Little Miss Sunshine« brüstet sich »Juno« nicht mit seiner Dissidenz zum Hollywood-Kino, um dann die eigene Story nur genauso tranig und absehbar auszuwalzen wie die angeblich verachteten Vorbilder. Reitmans Film sprüht wirklich derart vor Ideen, dass er sich Andeutungen und Auslassungen locker leisten kann.

Seine Helden nimmt er auch dann noch ernst, wenn sie so offensichtlich lächerliche Dinge tun wie von alten Iggy-Pop-Platten zu schwärmen oder sich in kreischbunten Satinhöschen im Schulstadion die Zunge aus dem Hals zu rennen. Junos Freund Bleeker, die große Sportkanone, hat noch einen anderen merkwürdigen Spleen: Er dopt sich von morgens bis abends mit Tic-Tac-Lutschpastillen.

Da wiehert sogar der tanzende Elch.

WOLFGANG HÖBEL

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