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MEDIZIN / BAKTERIEN Fühler des Schreckens

aus DER SPIEGEL 31/1967

In einem dreißigjährigen Krieg gegen das Heer der Krankheitskeime haben die Mediziner Myriaden von Bakterien vernichtet. Doch der entscheidende Sieg blieb ihnen versagt.

Nun hat der Kampf um die Ausrottung der Infektionskrankheiten eine überraschende Wendung genommen. »Die Bakterien«, so formulierte es die »New York Times«, »schlagen zurück.«

Mit Bestürzung konstatierten Mikrobiologen und Pharmakologen jüngst auf einem Kongreß in Washington, daß die mikroskopisch kleinen Lebewesen eine für den Menschen bedrohliche Fähigkeit besitzen: Bakterien der verschiedensten Stämme vermögen ihre Widerstandskraft (Resistenz) gegen Antibiotika aufeinander zu übertragen -- sie praktizieren eine Art ansteckende Impfung gegen Penicillin und Sulfonamide, die bislang mächtigsten Waffen der Mediziner im Kampf gegen Bakterien.

Dr. Fred Gull vom Cornell Medical Center in New York berichtete über eine Untersuchung an 254 verschiedenen Stämmen von Salmonellen, einer Bakteriengattung, die Darminfektionen wie etwa Typhus und Nahrungsmittel-Vergiftungen auslösen kann.

Ergebnis: Jeder siebte der untersuchten Stämme (die allesamt von Krankenhaus-Patienten herrührten) war schon gegen eine oder mehrere Arten von Antibiotika gefeit. Und fast drei Viertel der bereits resistenten Salmonellen-Stämme waren fähig, die Widerstandskraft gegen Medikamente an bis dahin angreifbare Erregerarten weiterzugeben.

So schnell breitet sich diese Resistenz aus, daß in Japan -- wie Dr. Tsutomu Watanabe von der Tokioter Keio-Universität in Washington meldete -- gegenwärtig schon 70 Prozent der Erreger von ruhrartigen Erkrankungen gegen mehrere Antibiotika unempfindlich sind.

»Rasch drastische Maßnahmen«, hatte denn auch bereits voriges Jahr das renommierte US-Fachblatt »New England Journal of Medicine« gefordert. Sonst, so schrieb das Blatt, müßten die Ärzte bald untätig den ansteckenden Krankheiten ihren Lauf lassen -- »wie im medizinischen Mittelalter vor der Entdeckung der Antibiotika«.

Der Sieg über fast alle schweren Infektionskrankheiten hatte schon nahe gelegen. 1935 entdeckte der Elberfelder Forscher Gerhard Domagk die Sulfonamide; sie hemmen Wachstum und Fortpflanzung der Krankheitserreger.

Und während des Zweiten Weltkriegs wurde zum erstenmal das aus Schimmelpilz-Kulturen gewonnene

*·Während einer Vorlesung an der Washingtoner Georgetown-Universität.

Penicillin eingesetzt. Es schien, als könnten mit Hilfe dieser Super-Drogen Menschheitsgeißeln wie Pest, Cholera, Tuberkulose und Syphilis, aber auch Lungen- oder Hirnhautentzündungen ein für allemal beherrscht werden.

Aber die Hoffnungen der Mediziner waren verfrüht. Schon Ende der vierziger Jahre mußten sie entdecken, daß die Antibiotika in einigen Fällen nur wenig oder gar nichts gegen bestimmte Krankheitserreger vermochten.

Es folgte ein dramatischer Wettlauf, dessen Ausgang ungewisser ist denn je. Aus allen Teilen der Welt meldeten Krankenhäuser und Forschungsstätten immer neue resistente Erregerstämme.

Neue Gruppen von Antibiotika wurden in den Labors der pharmazeutischen Industrie entwickelt -- und alsbald drohten auch sie wieder zu versagen. Mit immer höherer Medikamenten-Dosis suchten die Ärzte die wachsende Widerstandskraft der Erreger zu brechen. Aber schon jetzt gibt es Bakterienstämme -- etwa von dem Eitererregenden Staphylococcus aureus -- gegen die selbst die größte vertretbare Dosis von Antibiotika nicht mehr wirksam ist. In einem Fall in Amerika wußten die Ärzte eines mit resistenten Bakterien verseuchten Krankenhauses keinen anderen Rat, als das Hospital niederzubrennen.

Kritiker unter den Wissenschaftlern meinen, daß der Mensch die rapide Ausbreitung der Bakterien-Resistenz zu einem Großteil selbst verschuldet habe. In Tonnen-Quantitäten werden seit Jahren Antibiotika außerhalb von Krankenhaus und Arztpraxis verwendet: als Futterbeimengung zur Aufzucht von Kälbern, Schweinen und Geflügel. Die Antibiotika im Futter sollen Krankheiten vorbeugen und ein besonders rasches Wachsen der mageren Fleischpartien bewirken.

Aber dieses massive Angebot an Antibiotika fördert, wie letzten Monat der amerikanische Medizin-Professor Mark H. Lepper erneut warnte, »augenscheinlich auch die Ausbreitung resistenter Krankheitserreger«. Grund: Anfänglich enthalten die Bakterienstämme nur wenige widerstandsfähige Erreger; aber dadurch, daß ihre empfindlichen Nachbarn zuhauf durch Antibiotika abgetötet werden, können sich die überlebenden Resistenzträger in dem frei werdenden Lebensraum um so ungehemmter ausbreiten und vermehren.

Schon diese Art der Resistenz-Verbreitung -- ungewollte Auslese der Tüchtigen im Gang der Generationen -- schien beunruhigend genug. Alarmiert aber zeigten sich die Wissenschaftler, als 1959 der Japaner Watanabe auch noch die zweite Art der Resistenz-Ausbreitung beobachtete. An sogenannten Shigella-Bakterien (Erregern von ruhrähnlichen Erkrankungen) hatte Watanabe nachgewiesen: Widerstandsfähige Bakterien können ihre Resistenz nicht nur durch Vererbung an ihre Nachkommen, sondern auch direkt auf benachbarte Art- und Stammesgenossen übertragen.

»Diese Schutzimpfung der Einzeller«, so erläuterte auf dem Washingtoner Kongreß Dr. Stanley Falkow von der Georgetown-Universität in der US-Bundeshauptstadt, »gleicht einer geschlechtlichen Vereinigung*.«

Ein resistentes Bakterium, so schilderte es der Wissenschaftler, nähert sich einem noch nicht resistenten Artgenossen, stülpt seine Zellwand vor und überträgt durch diesen fadenförmigen Fühler den Schutzfaktor.

Häufig vollzieht sich dabei eine Art Mehrfach-Impfung. War der Überträger schon gegen mehrere Antibiotika gefeit, so hat fortan auch der Empfänger diese Eigenschaft. Und offenbar wird der Schutzfaktor in Form von Erbmaterial (Nukleinsäuren) weitergegeben -- die erworbene Eigenschaft hat auch in den folgenden Generationen Bestand.

Besonders kontaktfreudige Bakterien können auf diese Weise den Schutzfaktor nicht nur auf Nachbarn vom eigenen Stamm, sondern auch auf eine ganze Reihe anderer Erreger-Arten übertragen. An diese Erkenntnis aber knüpften die Forscher eine schwerwiegende Befürchtung.

Im menschlichen Verdauungstrakt siedeln ungezählte Arten von Bakterien -- allesamt harmlos, die meisten sogar lebenswichtig. Nach den Beobachtungen der Mikrobiologen zeichnet sich nun die Möglichkeit ab, daß diese natürliche Bakterienflora sich dereinst verheerend gegen den Menschen richten könnte.

Zwar werden die harmlosen Darmbakterien kaum selber Krankheiten auslösen. Aber sie könnten durch den nunmehr geklärten Übertragungsmechanismus gleichsam als Zwischenwirte die Widerstandskraft gegen Antibiotika an eindringende Krankheitserreger weiterreichen, die bislang von den Medizinern beherrscht werden.

Dann aber, so meinen die Forscher, drohen dem Menschen neue Niederlagen im Kampf gegen die Keime: Vergessene Krankheiten wie Pest, Cholera und Typhus könnten zu neuem Schrecken auferstehen.

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