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Autoren Führer im Hofgarten

In einem Berliner Archiv ist eine Erzählung von Bertolt Brecht aufgetaucht - mit Hitler im Mittelpunkt. Der Autor schrieb die bisher unbekannte Geschichte, die teilweise auf einer wahren Begebenheit beruht, 1942 im US-Exil.
aus DER SPIEGEL 50/1996

Es war ein Überraschungsfund. Jan Knopf, 52, Mitherausgeber der neuen Berliner und Frankfurter Brecht-Ausgabe, stieß bei »Routine-Recherchen« im Berliner Bertolt-Brecht-Archiv (BBA) auf vier englischsprachige Typoskriptseiten, die seit Jahrzehnten ihrer Entdeckung harrten.

»Alle Brecht-Editoren und -Interpreten hatten die Geschichte übersehen«, berichtet Knopf, »obwohl sie im Bestandsverzeichnis des BBA treulich verzeichnet ist.« Vor allem aber: Brecht hatte sich mit diesem Text offenbar viel Mühe gegeben und ihn mehrfach überarbeitet.

Eine literarische Trouvaille. Denn die Erzählung, die im März oder April 1942 entstanden ist und vom SPIEGEL zum ersten Mal veröffentlicht wird (Seite 234), schildert eine Begegnung Brechts mit Adolf Hitler in München. Bisher galt unter Brecht-Kennern als ausgemacht, daß der Dichter den Diktator nur in zwei Fällen literarisch ins Zentrum gerückt hatte: in seinem Theaterstück »Der Aufstieg des Arturo Ui« und in einem Prosafragment mit dem Arbeitstitel »Leben und Taten des Giacomo Ui aus Padua« (sieht man von einer Nebenrolle im »Schwejk«-Stück, einigen Gedichten und einer Vielzahl von Tagebuchnotizen ab).

Beide Arbeiten waren noch vor Brechts Übersiedlung in die USA im Exil entstanden: die Prosa wahrscheinlich 1934/35, die erste Fassung des Stücks im März 1941. Das Fragment verlegte die »Geschichte des Hitleraufstiegs« in das Italien der Renaissance, das Bühnenwerk spielt in Chicago zur Zeit der Depression, im Gangstermilieu.

Der von den Nazis verfolgte Autor dachte bei der Konzipierung des »Gangsterstücks« durchaus an die unmittelbar bevorstehende Übersiedlung und hoffte auf das amerikanische Theater.

Doch die Hoffnung trog. Brechts Erwartung, sein neues Stück müsse »eigentlich eine Chance drüben haben«, vielleicht gar am Broadway, war voreilig. Als er im Juli 1941 ins Land kam, spürte er schnell und brutal den Gegenwind. Selbst der mit ihm befreundete Regisseur Erwin Piscator, der mittlerweile in New York lebte und einigen Einfluß hatte, teilte ihm unmißverständlich mit: »Ich habe das Stück mehreren Leuten zu lesen gegeben, und sie stimmen mit mir überein, daß eine Aufführung sich nicht empfiehlt.«

Für den ehrgeizigen und um seinen Unterhalt besorgten Stückeschreiber war das ein herber Schlag. Diese Niederlage gleich zu Beginn seines USA-Aufenthalts dürfte maßgeblich dazu beigetragen haben, daß Brecht mit seinem amerikanischen Exil stets haderte. »Die Sitte hier verlangt«, so versuchte er Anfang 1942 die Schuld den Verhältnissen in die Schuhe zu schieben, »daß man alles, von einem Achselzucken bis zu einer Idee, zu ,verkaufen'' sucht.« Wenig später notierte er in seinem Tagebuch: »Die Elemente der Lebensweise hier sind unedel.«

Der Marxist Brecht mochte sich nicht an die Situation gewöhnen, daß niemand in den USA auf ihn gewartet und er sich nun am »Roulettespiel mit den Stories« zu beteiligen hatte (also den zumeist vergeblichen Versuchen, Drehbücher in Hollywood unterzubringen). Auch daß er sich unmittelbar »mit den Erfolglosen und den Erfolgreichen« konfrontiert sah, gefiel ihm nicht, zumal er sich zu den ersteren zählen mußte. Er beklagte seine »Geldlosigkeit«. Zum erstenmal seit zehn Jahren arbeite er »nichts Ordentliches«. Bitteres Fazit: »Ich erinnere mich nicht eines frischen Atemzugs in all diesen Monaten.«

In dieser Situation entstand die jetzt im Archiv entdeckte Geschichte. Brecht schrieb sie in englischer Sprache für die in Millionenauflage verbreitete Zeitschrift Reader''s Digest und verband damit noch einmal große Hoffnungen - nicht zuletzt wohl wegen der dort üblichen guten Honorare.

Die Rubrik, an die er dachte, trug den Namen »My Most Unforgettable Character« (was Brecht sich im Tagebuch wörtlich mit »Mein unvergeßlichster Character« übersetzte). Der Held im Mittelpunkt der kleinen, mediengerecht in die Form einer persönlichen Erinnerung gekleideten Erzählung ist kein Geringerer als Hitler - noch am Anfang seines Aufstiegs.

Geschildert wird eine Begebenheit im Münchner Hofgarten, die von Brecht auf März oder April 1922 datiert wird: In einem Café sitzen Schriftsteller - darunter Lion Feuchtwanger und Brecht selber - mit einigen Leuten vom Theater zusammen am Tisch. Nebenan lassen sich Männer, offenbar »Offiziere in Zivil«, von einem »ziemlich gewöhnlich aussehenden Menschen mit einer häßlich fliehenden Stirn« unterhalten. Dieser Mensch sei »a local agitator«, ein hiesiger Agitator, versuchte Brecht dem US-Publikum zu erklären: »a certain Adolf Hitler«.

In Bayern - und darüber hinaus - war der neue Chef der schnell wachsenden Nazi-Partei zu jener Zeit freilich mehr als nur ein »gewisser« Hitler. Schon im Februar 1921 hatte er als Redner lässig den Zirkus »Krone« gefüllt, seit Juli desselben Jahres war die NSDAP ihm untertan, und die unlängst von ihm gegründete SA verbreitete Angst und Schrecken. Er reiste von einer Massenkundgebung zur nächsten.

Brecht spielte 1942 Hitlers Zwanziger-Jahre-Ruhm wahrscheinlich in der Absicht herunter, der Anekdote für die avisierte Leserschaft noch deutlicher den Charakter einer frühen Begegnung zu geben. Wenn sich in seiner Erzählung einer der Schauspieler über die - historisch verbürgte - Tatsache lustig macht, daß Hitler unter anderem bei dem Hofschauspieler und Regisseur Fritz Basil (1862 bis 1938) Privatunterricht für den rhetorischen Auftritt genommen hat, so ergibt das nur für das Stadium des noch kaum erfolgreichen Agitators einen Sinn.

Geschickt verzahnt der Erzähler die Hofgarten-Begegnung mit der Erinnerung an einen späteren Auftritt des Redners Hitler: Nun sieht er ihn nur aus weiter Ferne und registriert - offenbar als einziger in der begeisterten Menge - mit großer Klarheit, welcher Tricks sich der Mann bedient, der inzwischen ein »fähiger Schauspieler« geworden sei. Brecht macht sich nicht mehr über Hitler lustig, sondern schreibt anerkennend: »Seine Schauspielerei war überzeugend.«

Brecht läßt die München-Erzählung mit einer Überraschung ausklingen: Als die Künstlergesellschaft im Hofgarten aufbricht, erhebt sich plötzlich Hitler vom Nebentisch und hilft mit den Worten »Darf ich, Herr Doktor« dem verdutzten Schriftsteller Feuchtwanger in den Mantel.

Den Lesern von Reader''s Digest wollte der Erzähler die Pointe damit erklären, daß der Autor von »Jud Süß« Jude und Republikaner sei - wobei der berühmte Roman Feuchtwangers freilich erst 1925, drei Jahre nach der beschriebenen Szene, erschienen ist.

Doch das amerikanische Publikum hat Brechts Geschichte ohnehin nie zu Gesicht bekommen. Das Vorhaben, der US-Zeitschrift etwas zu verkaufen, scheiterte kläglich. Die Einsendung »kam prompt zurück«, wie er am 21. April 1942 verärgert im Notizbuch festhielt. Das Magazin prüfe eben vorher genau, schimpfte Brecht derb, »ob es auch Scheiße ist, bevor es genommen wird«.

Ein wenig vermochte ihn allein zu trösten, daß sein Lieblingsfeind unter den Kollegen im Exil, der erfolgsverwöhnte Thomas Mann, ebenfalls mit einem Beitrag nicht gelandet war (dessen Text »Little Grandma«, ein Porträt der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm, der Großmutter von Ehefrau Katia, geschrieben im Herbst 1941 für Reader''s Digest, erschien ein Jahr später in einer anderen amerikanischen Zeitschrift).

Am Ende bleibt die Frage, wie autobiographisch die Anekdote ist, die für den SPIEGEL nun erstmals ins Deutsche übersetzt worden ist und im Frühjahr 1997 in einem Band der Brecht-Ausgabe enthalten sein wird*. Sind sich Brecht und Hitler tatsächlich so nahe gekommen wie hier beschrieben?

Von Brecht selbst sind keine Erklärungen oder Notizen dazu überliefert, auch Brecht-Herausgeber Knopf rätselt: »Ob

* Bertolt Brecht: »Prosa 5. Geschichten, Filmgeschichten 1941-1956«. Berliner und Frankfurter Ausgabe, Band 20. Bearbeitet von Jan Knopf. Aufbau-Verlag, Berlin/Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M.; etwa 700 Seiten; etwa 88 Mark (erscheint voraussichtlich im Mai 1997).

die Anekdote erfunden ist oder nicht, konnte ich bisher nicht klären.«

Zumindest die Pointe mit Hitlers höflich-devoter Geste gegenüber Feuchtwanger wäre als pure Erfindung wenig interessant. Sie fügt sich allerdings gut in das Bild, das Hitler-Biograph Joachim Fest vom werdenden Diktator kolportiert hat: »Die Beschreibungen, die wir aus dieser Zeit über sein Auftreten besitzen, zeigen durchweg eine Mischung von exzentrischen und linkischen Zügen; Menschen von Reputation gegenüber war Hitler gehemmt, vergrübelt und nicht ohne Unterwürfigkeit.«

Und tatsächlich gibt es einen weiteren Hinweis auf die Authentizität der Schilderung. Marta Feuchtwanger, die Ehefrau und spätere Witwe des Schriftstellers, erzählte 1983 dem Feuchtwanger-Biographen Volker Skierka, wie sie Anfang der zwanziger Jahre zusammen mit ihrem Mann, mit Bruno Frank und einem Journalisten im Café Odeon im Münchner Hofgarten saß - und als Feuchtwanger gehen wollte, sprang vom Nebentisch Hitler auf und half ihm in den Mantel.

Demnach war Brecht bei dieser Szene gar nicht dabei. Auch das von ihm in der Erzählung angegebene Datum könnte einen Hinweis geben: Brecht hielt sich von November 1921 bis Ende April 1922 gar nicht in München, sondern in Berlin auf. Möglich also, daß Feuchtwanger ihm irgendwann von dieser eigenartigen Begegnung der ideologischen Antipoden berichtet hat und Brecht sich später in Amerika daran erinnerte.

Die drei literarischen Versuche Brechts über Adolf Hitler hatten ein gemeinsames Schicksal: Sie kamen erst postum ans Tageslicht - die München-Erzählung nun also 40 Jahre nach dem Tod des Schriftstellers.

* Mit Gesprächspartnern um 1920 im Münchner Hofgarten.* Bertolt Brecht: »Prosa 5. Geschichten, Filmgeschichten1941-1956«. Berliner und Frankfurter Ausgabe, Band 20. Bearbeitetvon Jan Knopf. Aufbau-Verlag, Berlin/Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M.; etwa 700 Seiten; etwa 88 Mark (erscheint voraussichtlich im Mai1997).

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