Zur Ausgabe
Artikel 62 / 91
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

BIBEL Fünf Archen

aus DER SPIEGEL 19/1965

Die Gondel ist so groß wie ein Ozeandampfer, schwimmt aber nicht: Sie steht, umrundet von Schafen, auf einem brachen Acker bei Rom. Ein paar hundert Meter entfernt, am Kilometerstein 23 der Via Pontina, sind Gehege für exotische Vögel und Urwaldtiere aufgestellt, dazwischen Reklameschilder mit riesigen Lettern: »Zoologischer Garten Dino De Laurentiis«.

Ozeangondel und Zoo zählen zu den Requisiten des teuersten italienischen Films, der je entstand: Großproduzent Dino De Laurentiis, 45, hat Ende April das Farblichtspiel »Die Bibel« abgedreht. Im nächsten Frühjahr soll die Leinwand-Bibel vorführfertig sein; sie wird dann 68 Millionen Mark gekostet haben.

Mit dieser Produktion hat De Laurentiis noch eine italienische Pioniertat vollbracht: Er ließ die Dreharbeiten anlaufen, ehe er einen amerikanischen Verleih gefunden hatte. Zur Zeit ist die US -Firma »Seven Arts Production« als Agent im Geschäft; sie bemüht sich um Verleihe in aller Welt. In Italien wird De Laurentiis den Film selber vertreiben; in der Bundesrepublik ist der Münchner »Gloria«-Verleih eingestiegen. Die Mammuts der Branche schreckten vor De Laurentiis' Preisen zurück: Er verlangte 16 Millionen Dollar für die Weltrechte und sechs Millionen extra für die USA und Kanada.

Auf die teure Idee, das Alte Testament zu verfilmen, war der Produzent - so jedenfalls ließ er verbreiten -

durch seine Kinder gekommen. De Laurentiis: »Sie hatten nach der Religionsstunde immer so viele Fragen.«

Der Segen der katholischen Kirche wurde an der höchsten Stelle eingeholt. »Wir haben das Drehbuch dem Papst vorgelegt«, versichert der Produzent, »und er war einverstanden.«

Nachdem De Laurentiis das Geld für die Verfilmung in den USA, in der Schweiz und aus der italienischen Staatskasse besorgt hatte, die für die inländische Filmindustrie hohe Zuschüsse bereithält, begann die »Bibel« -Planung. Die Geldgeber zierten sich sofort: Aus dem ursprünglich projektierten Zwölf-Stunden-Drama für 120 Millionen Mark wurde das Dreieinhalb -Stunden-Spiel für 68 Millionen.

Dann verpflichtete De Laurentiis das Team. Den Kern bilden zwei Angelsachsen: Das Drehbuch nach dem ältesten Bestseller der Welt ließ der Produzent vom Erfolgsfilmautor Christopher Fry ("Ben Hur«, »Barabbas") schreiben, und für die Regie holte er sich den erfolggewohnten »Oscar«-Preisträger John Huston ("Der Schatz der Sierra Madre', »Moby Dick").

Huston, der zum erstenmal einen religiösen Stoff verfilmt, reduzierte den Bibelinhalt auf die einfache Formel: »Man muß Gott gehorchen, sonst geht alles schief.«

Die ebenfalls eingeplanten Regisseure Fellini, Bresson, Visconti und Orson Welles sagten ab. Auch eine ganze Reihe Stars der ersten Kategorie (Marion Brando, Laurence Olivier, Vittorio Gassman und Sophia Loren) verzichtete, als sie sah, wie klein ihre Rolle war. Die Sängerin Maria Callas schließlich weigerte sich: Sie sollte als Sarah nicht singen, sondern nur »ein bißchen summen« (Regisseur Huston). Ihren Part übernahm Ava Gardner.

Die größten Schwierigkeiten bei der »Bibel«-Besetzung hatte De Laurentiis mit Eva. Als er sich endlich für die Florentiner Studentin Nicoletta Rangoni, 19, entschieden und sein Urteil publik gemacht hatte, protestierten künftige Kinogänger. Nicoletta sei »viel zu sinnlich« für die Rolle, schrieben sie, und: »Dieses Mädchen nackt zu zeigen wäre ein Sittlichkeitsdelikt.«

In Rom fanden die Talentsucher dann eine schwedische Studentin, die sich gerade in der Ewigen Stadt aufhielt: die blonde Ulla Bergryd, 20, von der De Laurentiis sagt: »Bei ihr kommt keiner auf schlechte Gedanken.«

Als allerdings einige Eva-Szenen nachgedreht werden sollten, stellte sich heraus, daß Ulla Bergryd ihre Menschenmutter-Rolle auch privat ausüben würde: Eva war schwanger.

Als Adam tat Regisseur Huston in Amerika einen Schauspieler namens Michael Parks, 24, auf. Bei Nahaufnahmen darf Parks nur die linke Seite zeigen - auf der rechten hat er große Impfnarben.

Film-Adam und Film -Eva verdecken nach dem Sündenfall ihre Blößen mit Schürzen aus dichten Rebenzweigen; die irr der Schrift überlieferten Feigenblätter paßten nicht.

Die Feigenblatt-Abweichung ist indes nicht die einzige Variante vom christlichen Urtext. Huston ließ einen Garten Eden im Privatpark eines römischen Großgrundbesitzers an legen; die paradiesische Fauna ist zwar »naturgetreu« (Huston), aber nicht botanisch bibelgetreu.

Der Turm zu Babel wurde für 1,5 Millionen Mark aus Stahl und Plastik gebaut. Die Stadt Sodom ließ Huston zweimal aus

Kunststoff errichten: auf dem dampfenden Ätna (wo Katherine Dunham mit ihrem Ballett laszive Tänze tanzt) und bei Rom als Ruinenstadt nach dem Strafgericht des Gottes Jahwe.

Mehr Kopfzerbrechen als die Kulissen bereitete die Kleidung der Einwohner von Sodom und Gomorrha: darüber schweigt die Bibel. Auch über die Mordwaffe Kains (Richard Harris) steht nichts geschrieben. Regisseur Huston entschied sich für einen Esel-Unterkiefer, den er aus Hartgummi nachbilden ließ.

Am teuersten wurde die Nachbildung der Geschichte von der Flut«, die auf der Leinwand 45 Minuten dauern wird. Bei Dino De Laurentiis hat Noah (dessen Rolle Huston selber spielt - er spricht auch den Text des unsichtbaren Gottvater) fünf Archen: zwei für Außenaufnahmen, eine für innen, eine für Tricks und eine für Noahs Kampf mit der. Sintflut, die an einer Schleuse bei Rom erzeugt wurde. Arche eins ist 61 Meter lang, 20 Meter breit, 15 Meter hoch und das größte Schiff, das je für Filmaufnahmen gebaut wurde. Kosten: zwei Millionen Mark.

Zwei Millionen mußte Chefeinkäufer Lombardi für Noahs Landtiere aller Gattungen bezahlen und für 1000 Vögel, die Lombardi in den Zoos der fünf Erdteile einhandelte (Huston: »Die Fische hat die Bibel uns Gott sei Dank erspart"). Die Raubtiere lieh er beim deutschen Zirkus Althoff aus, der gleich Dompteure mitschickte.

Die Tiere fressen täglich 610 Kilo Heu, 280 Kilo Fleisch, 220 Kilo Hafer, 220 Kilo Kohlrüben, 180 Kilo Gemüse, 180 Kilo Äpfel, 100 Kilo Vogelfutter, 90 Kilo Fisch, 50 Kilo Fenchel, 44 Kilo Hühner, 11 Kilo Bananen, 3,5 Kilo Zucker und 2 Kilo Honig.

Um Unruhen in der Arche zu vermeiden, sind die meisten Tierpaare männlichen Geschlechts. Dem Löwen wurde als Weibchen ein kurzgeschorenes, frisiertes Männchen gesellt, Noahs Kuh ist ein Ochse mit gestutzten Hörnern. Bei den Aufnahmen in der Arche, wo Noahs Tierwelt in hundert aus rohen Bäumen und Ästen gezimmerten Zellen der Zukunft harrt, brüllen die Raubtiere in Käfigen aus Spezialglas, das auf der Leinwand nicht sichtbar sein wird.

Ein Teil des Waldes, aus dem Noah die Arche baut, wurde aus Jugoslawien importiert. Bäume sind selten in Italien.

Derlei Aufwand ließ die Kosten allein für die Noah-Episode auf zwölf Millionen Mark steigen.

Doch De Laurentiis ist überzeugt, daß alle Investitionen sich auszahlen werden. »Die Bibel« soll »der größte, 'erfolgreichste und wichtigste« seiner Filme werden. De Laurentiis: »In diesem Film bekommt der Zuschauer die erste Liebesstory, den ersten Sündenfall, den ersten Mord, die erste Naturkatastrophe, den ersten Wolkenkratzer und das erste Schiff zu sehen.«

Während die Arbeit in den Schneideräumen begonnen hat, versucht Einkäufer Lombardi, die Noah-Tiere des »Zoologischen Gartens Dino De Laurentiis« wieder zu verkaufen. Denn von seinem ursprünglichen Plan, das Gehege in einen privaten Zoo zu verwandeln, ist der Produzent mittlerweile abgerückt: Die Futterkosten für das biblische Getier belaufen sich auf 24 000 Mark täglich.

Noch, Gefolge in »Die Bibel": »Man muß Gott gehorchen...

... sonst geht alles schief": »Bibel«-Regisseur Huston, Arche

Adam und Eva* in »Die Bibel«

Der Papst ist einverstanden

»Bibel«-Produzent De Laurentiis

Die Kuh ist ein Ochse

* Michael Parks, Ulla Bergryd.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 62 / 91
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.