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LITERATUR Fünf Arten, die Liebe zu erzählen

Zur Frankfurter Buchmesse 2003 präsentieren sich die deutschen Autoren mit so freizügigen wie fragilen Darstellungen erotischer Begegnungen, ohne sich oder ihre Partner dabei zu schonen - wer sich porträtiert glaubt, bemüht auch schon mal die Gerichte. Von Volker Hage
aus DER SPIEGEL 41/2003

Bisher ist die Literatur weitgehend vom Interesse der Boulevardpresse verschont geblieben. Unter den deutschen Autoren, zumal den jüngeren, ist allerdings auch kaum einer so prominent, dass er wegen ehelicher Verfehlungen oder erotischer Ausschweifungen per »Bild«-Titelzeile an den Pranger gestellt werden könnte - oder auch freiwillig in die Arena etwa einer TV-Talkshow treten dürfte.

Das machen bisher noch die Schlagerstars und Sportler samt Anhang unter sich aus, ob der eine ("Daniel exklusiv") nun behauptet, alles »beichten« zu wollen, was sein junges Leben hergibt, oder der andere ("Effenberg packt aus") posiert und posaunt: »In der Liebe bin ich Egoist.« Entsprechend schlicht sind die Offenbarungen gestrickt und geschrieben, auch wenn

Ghostwriter hier und da das Nichts ordentlich aufpolieren.

Nun aber scheint es doch manchen literarischen Feingeist zu drängen, ins öffentliche Rampenlicht der neuen Tratsch- und Trashkultur zu kommen, zumindest ein Scherflein zur öffentlichen Demaskierung von Partnern und Ex-Geliebten beizutragen.

Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit ist ein Werk der Fiktion auf den Prüfstand juristischer Auseinandersetzungen geraten: Nachdem ein Roman von Maxim Biller erst unlängst gerichtlich aus dem Verkehr gezogen wurde, ereilte Ende vorletzter Woche eine einstweilige Verfügung den frisch ausgelieferten Roman »Meere« von Alban Nikolai Herbst. In beiden Fällen stecken ehemalige Partnerinnen der betroffenen Schriftsteller dahinter (im Fall von Biller auch noch die Mutter der Ex-Freundin), die sich im jeweiligen Romanwerk porträtiert glauben.

Die Frage ist dabei: Sind die deutschen Autoren indiskreter geworden, haben sie keine Scheu mehr, sich selbst und die Ex-Geliebte unverhüllt in Romanform zu präsentieren? Oder ist die Wehrhaftigkeit der Frauen gewachsen, wollen die es sich nicht länger gefallen lassen, der Willkür ihres Verflossenen ausgesetzt zu sein und als literarische Figur aufzutauchen - gegen ihren erklärten Willen und nicht selten mit intimsten Details?

Neu ist das Dilemma keineswegs. Der US-Autor John Updike, 71, hat einmal behauptet: »Kaum eine Geschichte geht in Druck, ohne dass ein lebendes Modell gekränkt oder verletzt wird, ein Mensch, der sich nur allzu richtig wiedergegeben sieht und doch nicht richtig genug - ohne die dämpfende, beschwichtigende Komponente endlosen Verzeihens, das wir uns selbst entgegenbringen.«

Als der Schweizer Max Frisch (1911 bis 1991) in seinem autobiografischen Spätwerk »Montauk« (1975) Rückschau auf sein »Leben als Mann« hielt, blieben auch die Verflossenen sowie die damals aktuelle Geliebte von Enthüllungen nicht verschont - obgleich doch eine von ihnen, die zweite Ehefrau, ihn vorher hatte wissen lassen: »Ich habe nicht mit dir gelebt als literarisches Material, ich verbiete es, dass du über mich schreibst.«

Mit diesen Worten wird die Frau, von der Frisch schon getrennt lebte, in dem Buch selbst sogar zitiert und gleichwohl als Ehebrecherin dargestellt, wenn auch einigermaßen taktvoll - und ohne juristische Folgen in diesem Fall.

Jetzt aber werden härtere Geschütze aufgefahren, von beiden Seiten: Biller, 43, der in »Esra« einen Schriftsteller zum Ich-Erzähler gemacht hat, den er frei nach Frisch damit kokettieren lässt, die gemeinsame Liebesgeschichte gegen den Willen der Geliebten auszuplaudern ("Esra hatte von Anfang an zu mir gesagt, ich dürfe nie etwas über sie schreiben"), ist gegenüber seiner Romanheldin weniger dezent gewesen - und damit offenbar auch gegenüber der eigenen Ex-Freundin. Jedenfalls befand das Münchner Landgericht: Der Roman darf nicht verkauft werden, weil die sich mit einigem Recht in der Heldin wiedererkannt hat.

Was die Liebe betrifft, so geht es in der deutschen Literatur nun ans Eingemachte - oder zumindest ums Grundsätzliche. Schon die Titel dieser Saison sprechen für sich: Während der jetzt ebenfalls indizierte Roman von Herbst ganz unauffällig »Meere« heißt, macht Michael Lentz eine grundsätzliche »Liebeserklärung«, verspricht Hanns-Josef Ortheil »Die große Liebe«, fragt sich der Schweizer Alex Capus: »Glaubst du, dass es Liebe war?« - und bei Martina Zöllner ist »Bleibtreu« nicht nur der Name des begehrten und verheirateten Mannes, sondern bezeichnet zugleich das Dilemma der Geliebten, der es nicht gelingt, ihn seiner Gattin abspenstig zu machen.

Aber kann die Literatur überhaupt Schritt halten mit der tagtäglichen Indezenz der Medien, der stetigen Aushöhlung gesellschaftlicher Übereinkünfte und Umgangsformen? Anstand und Scham, Manieren und Taktgefühl wirken wie Begriffe von gestern. Längst sind die Grenzen fließend geworden, weiß kaum noch einer, worüber man sprechen darf und worüber man (und sei es als Gentleman) lieber schweigen sollte, was man von sich zeigen kann, was man besser zudecken sollte, wo man den Wunsch nach Anonymität zu respektieren hat und wo nicht.

Traditionell war die Literatur im Tabubruch der Vorreiter. Glanz und Elend der Ehebrecherin wurden in den großen Romanen von Flaubert, Fontane und Tolstoi zu einer Zeit beschworen, als sich die gehörnten Ehemänner noch mit den Liebhabern zu duellieren pflegten. Alexandre Dumas sang in seiner »Kameliendame« das Hohe Lied der liebenden Kurtisane; Verdi verwandelte den Stoff zur Oper »La Traviata«. Theaterstücke von Schnitzler oder Wedekind wurden wegen sexuell freizügiger Szenen und Sprüche zensiert, deren Aufführungen zeitweise verboten, Theaterleute wegen »unzüchtiger Handlungen«, Autoren wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften vor Gericht zitiert.

Und heute? Noch lässt sich die Literatur nicht von ihrem ureigensten Terrain verdrängen. Tapfer nehmen die jüngeren Dichter die Herausforderung einer tabulosen Zeit an. Doch mit welchem Erfolg? In diesem Herbst lassen sich in der deutschen Literatur fünf Strategien verfolgen, Liebe und Lust als Thema nicht aufzugeben. Worüber sonst wäre auch zu schreiben - nicht alle Autoren haben ja Brüder oder Väter, die einst in den Krieg zogen?

Erste Strategie: mit der Schutzbehauptung, es sei doch alles bloß ein Roman, möglichst nah ans eigene Leben, die gerade beendete Liebe heranzugehen. Das scheitert allerdings im Fall »Meere« nicht bloß am richterlichen Einspruch, sondern auch am eigenen Vermögen: Vieles im Roman von Alban Nikolai Herbst, 48, ist unausgegoren, stecken geblieben irgendwo zwischen Tagebuch und Artefakt, zwischen Wutausbruch und Rechtfertigungswunsch, zwischen erzählerischem Wurf und Brief an die Ex-Geliebte. Zu wenig Abstand, zu viel Affekt - übrigens auch gegen den Ich-Erzähler selbst, der sich nicht schont.

Zwar gelingt es dem Autor durchaus (nach manch überkonstruiertem Romanversuch der letzten Jahre), den Beginn einer großen Leidenschaft zu veranschaulichen - doch mit dem Zerfall der Liebe bricht auch die monologische Erzählung auseinander, die Beschwörung vergangener Lust verkommt zur Abrechnung mit dem Partner, ausgelöst durch gegenseitige Untreue. Die Fiktion wird spürbar durchlässig für krude Banalitäten.

Spätestens da hat der Leser das unbehagliche Gefühl, einer privaten Mitteilung zu lauschen, die ihn nichts angeht, Zeuge eines Aufruhrs zu werden, der noch nicht zur Ruhe gekommen ist. Literatur aber braucht Zeit - anders als Talkshow und Tagespresse oder gar das tagebuchähnliche Internet-»Weblogbuch« (das der Autor auf seiner Homepage präsentiert).

Der Eindruck des allzu Privaten und Distanzlosen lässt sich natürlich - zweite Möglichkeit - durch die inzwischen längst traditionell gewordenen Mittel experimenteller Schreibformen abmildern. Michael Lentz, 39, der mit seinem Buch »Muttersterben« (2002) einige Aufmerksamkeit auf sich zog, schlägt in seiner »Liebeserklärung« diesen Weg ein.

Auch hier wird das Wort an die verflossene Geliebte gerichtet, das gemeinsame Glück nachbuchstabiert, manche Obszönität gewagt, doch alles in die sterile Watte monotoner Sprachspiele gepackt: Suada statt Handlung. Von Frauen - sie heißen hier A und Z - ist höchst abstrakt die Rede. Die Drohung des Ich-Erzählers, »die Dame Poesie wird dich auffressen, habe ich dir gesagt, sie wird dich fertig machen«, wird die verlorene Geliebte kaum beeindrucken. Eine öde Litanei.

Warum darf es also nicht - dritte Variante - ein ganz konventionell erzählter Liebesroman sein, etwas mit Happy End, Glück und Sonnenschein? Etwas ohne Grobheit, ohne detaillierte Schilderung der Schambehaarung der Partnerin oder des gemeinsamen Besuchs im Swingerclub (wie bei Herbst)? Der routinierte Romancier Hanns-Josef Ortheil, 51, versucht in seinem gleichnamigen Roman tatsächlich »Die große Liebe« zu beschwören, die vorsichtige Annäherung von Mann und Frau zu schildern, eindeutige Gefühle zu zeigen, Hindernisse aus dem Weg zu räumen und im Moment, da sich die beiden kriegen, die Sache sanft ausklingen zu lassen.

Eigentlich eine schöne Idee. Doch leider: Das literarische Ergebnis dieser Begegnung zwischen einem deutschen Fernsehjournalisten, der auf Recherche an der Adriaküste ist, und der so schönen wie klugen Italienerin Franca ist so betulich und ausführlich geraten, dass Ortheils Roman an eine etwas unwirsche Äußerung des alten Max Frisch denken lässt, der selbst keine Lust auf einen »verschleierten autobiografischen Roman« mehr hatte: »Stellen Sie sich vor, der Mann in ,Montauk'' wäre nicht Schweizer, sondern Däne, er wäre jetzt nicht Schriftsteller, sondern filmmaker. Dieser ganze shit!«

Frisch hatte keine Lust mehr auf die Fiktion, das Maskenspiel. Und Ortheils »Die große Liebe« zeigt, dass ein Zurück in die heile Liebes- und Erzählwelt so einfach nicht zu haben ist. Wenn Franca, beim dezent beschriebenen Sex in einer Badekabine, »langsam« auf den Glücklichen sinkt, »als fiele ein Tuch, sich langsam im Wind drehend, zur Erde« - dann schlägt die textile Metapher in unfreiwillige Komik um.

Es ist ein Dilemma. Rückt der Dichter zu nah heran an sein Leben, schreiten die Gerichte ein, geht er brav auf Abstand, wird es leicht öd und leer. Was dann?

Vielleicht hätte dem alten Frisch das Debüt einer Autorin von heute gefallen, die einen vierten Weg einschlägt - indem sie Leben und Fiktion, Beichte und Erzählung in ein überzeugendes Gleichgewicht bringt. Zudem wird das alte Drama von Eifersucht und Ehebruch, von Leidenschaft und Sehnsucht hier einmal aus einem ungewohnten Blickwinkel erzählt: dem der jungen Geliebten eines schreibenden, Bücher publizierenden und in die Öffentlichkeit wirkenden Mannes und Familienvaters.

Wie gut es sei, »dass die andere Seite, die Frau, sich ausdrückt«, hatte der junge Frisch einst etwas gönnerhaft an Ingeborg Bachmann geschrieben. Martina Zöllner lässt in »Bleibtreu« ihre Heldin Antonia - im selben Jahr geboren, in dem Bleibtreu, ihr Liebhaber, geheiratet hat - die Einzelheiten der Beziehung protokollieren: für ein Romanprojekt, das dem tatsächlich geschriebenen Buch so stark ähnelt, dass die Frage, was erlebt, was erfunden ist, ständig präsent und zugleich, bemerkenswert stilsicher, in der Schwebe bleibt.

Das Monologische der anderen Bücher ist hier immerhin durch klug gesetzte Parallelgeschichten (die Erlebnisse von Antonias Freundinnen) erträglich gemacht - wie auch die epische Breite dank des Schalks der Erzählerin angesichts ihrer »Geliebtenexistenz« gar nicht stört.

Es gibt noch eine fünfte Möglichkeit. Der Schweizer Alex Capus, 42, macht sie vor: das Prinzip der Aussparung. Kein quälender Monolog, kein großer Umfang, keine wilden Sexszenen, kein Happy End - und doch eine ernsthafte, hinreißende Liebesgeschichte.

Harry, der junge Held, der sich daheim in eine schöne Thailänderin verliebt, flieht vor der Verantwortung, als die Geliebte ein Kind erwartet. In Mexiko scheint er alles vergessen, alle Brücken abgebrochen zu haben, und doch: Die Titelfrage fällt, als er nach sechs Jahren plötzlich zurückkommt und im Restaurant sitzt, das die Mutter seines Kindes inzwischen eröffnet hat: »Glaubst du, dass es Liebe war?«, fragt sie ihn.

Doch wer nun glaubt, alles renke sich ein, hat die Lust des Autors am Geschichtenerzählen unterschätzt. Und plötzlich scheint sich die Frage, wie denn heute im Roman von der Liebe zu erzählen sei, in der Luft reinen Fabulierens wie von selbst aufzulösen.

* Bild links: mit Isabelle Huppert und Christophe Malavoy,1991; Mitte: mit Natalja Uschakowa in einer Inszenierung derStaatsoper Hannover, 2003.

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