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Spionage Fünfjährige mit Dachschaden

Als Kette von Pannen und Fehlschlägen entziffert ein Geheimdienstspezialist die Geschichte der Spionage im 20. Jahrhundert.
aus DER SPIEGEL 21/1990

Der exzentrische Captain pflegte sich auf einem Kinderroller durch die Flure seiner Dienststelle fortzubewegen. Er hatte bei einem Unfall ein Bein verloren und trug eine Prothese, was ihn aber nicht daran hinderte, das Holzbein als solides Standbein einzusetzen und für den erforderlichen Vortrieb das gesunde Bein hoch in die Luft zu schwingen. Mit größtem Vergnügen rammte er sich vor Besuchern, die er einschüchtern wollte, ein Federmesser in seine hölzerne Prothese. Er schrieb prinzipiell nur mit grüner Tinte, trug ein goldgerändertes Monokel und vermerkte in einem abgegriffenen Marinelogbuch penibel so wichtige Ereignisse wie: »Heute bei Clarkson eine neue Verkleidung gekauft«.

Gewiß, Captain Mansfield Smith-Cumming, der erste Chef des 1909 gegründeten, für Auslandsspionage zuständigen britischen Geheimdienstes MI6 (später Secret Intelligence Service, SIS), war ein Kauz wie aus einem Groschenroman. Der Herrscher über ein anfangs noch bescheidenes Budget und winzige Büroräume scheint nur wenig gemein zu haben mit den Technokraten und Systemanalytikern unserer Tage, die mit aufwendigen elektronischen Schnüffelsystemen rund um den Globus Satellitenaufnahmen machen, Telefongespräche belauschen und mit verdeckten Operationen unliebsame Regierungen zu stürzen versuchen.

Wie die »Geschichte der Spionage"* des Geheimdienst-Experten Phillip Knightley jedoch zeigt, beherrschte der exzentrische Oberspion Seiner Majestät schon damals die richtungweisende Kunst, für seinen Dienst auch nach peinlichen Pannen und grotesken Fehlschlägen immer größere Etats zu ergattern und jede Diskussion über etwaige Mißerfolge mit dem Hinweis auf zu geringe Mittel und zu wenig Mitarbeiter im Keim zu ersticken.

1909 war der mit der »Inlandsaufklärung« betraute britische MI5 noch mit einer Handvoll Leute in einer winzigen Kammer untergebracht, 1914 gab es bereits 14 Mitarbeiter, und gegen Kriegsende waren es schon 700. Mit einem simplen Trick, der auch heute noch praktiziert wird, konnte sich die britische Regierung von unangenehmen Patzern der Dienste MI5 und SIS distanzieren: Offiziell existierten sie nie. Beide Ge* Phillip Knightley: »Die Geschichte der Spionage im 20. Jahrhundert. Aufbau und Organisation, Erfolge und Niederlagen der großen Geheimdienste«. Aus dem Englischen von Jürgen Bavendam. Scherz-Verlag, München; 416 Seiten; 48 Mark. heimdienste operierten im verborgenen, ohne offizielle Etats, und waren in Gebäuden angesiedelt, die man nicht mit Regierungsämtern in Verbindung bringen konnte. Die ersten vom deutschen Reich geschnappten englischen Spione, zwei Offiziere der Royal Navy, die im Mai 1910 an der deutschen Küste ein bißchen herumspionieren sollten, hätten eine »private Urlaubsreise« unternommen, erklärte die Regierung. Sie wurden von den Deutschen zu vier Jahren Haft verurteilt, mußten aber nur 30 Monate absitzen.

»Eher ein paar Dutzend als ein paar hundert« Leute würden sie brauchen, behaupteten die Gründer der CIA 1947. Inzwischen aber beschäftigt die CIA wohl 18 000 Mitarbeiter, die elektronische Lauschorganisation NSA, Amerikas großes Ohr, 20 000 Festangestellte (Jahresbudget: 15 Milliarden Dollar). Auch das KGB ist nicht eben knickrig ausgestattet, es soll über einen jährlichen Etat von 1,65 Milliarden Dollar verfügen.

Obwohl die berüchtigten Stasi-Schnüffler nicht vorkommen - vielleicht erschien dem auf die Branchenführer konzentrierten Verfasser die Stasi eine Nummer zu klein -, liest sich die Darstellung von Aufbau und Organisation, Erfolgen und Mißerfolgen der britischen, sowjetischen und amerikanischen Geheimdienste so spannend wie ein Thriller. Autor Knightley, der als Sonderkorrespondent der Londoner Sunday Times auf Spionage-Affären spezialisiert war und durch seine Enthüllungen über den britischen Doppelagenten Kim Philby bekannt wurde (SPIEGEL 26/1989), räumt gründlich auf mit dem Mythos der angeblich so tüchtigen Geheimdienste, die mit List und Heimtücke, mit Bienenfleiß und Hartnäckigkeit überaus wichtige Informationen zusammentragen und ihren Regierungen helfen, internationale Krisen zu meistern oder gar bedeutende Schlachten zu entscheiden.

Der britische Premier Neville Chamberlain etwa ließ sich von falschen Angaben über die vermeintlich übermächtige deutsche Luftwaffe so sehr einschüchtern, daß er kurz vor dem Münchner Abkommen gestand, er sehe immer wieder vor sich, wie London von deutschen Bomben in Schutt und Asche gelegt werde. Chamberlain hatte einen Geheimbericht des berühmten Fliegers Charles Lindbergh gelesen, der 1936 und 1937 von den Amerikanern nach Deutschland geschickt worden war, um sich über den Luftwaffenausbau zu orientieren. »Die Nazis hätten keine besseren Gastgeber sein können«, mokiert sich Knightley über die Recherchen des naiven Fliegers: Sie jubelten Lindbergh Zahlen unter, die dreimal so hoch waren wie die der tatsächlich einsatzbereiten Flugzeuge.

Folglich ließ sich Chamberlain durch Lindberghs Report bluffen und unterzeichnete das Münchner Abkommen; zwei Wochen später, so Knightley, verliehen die Nazis Lindbergh einen hohen Orden.

Knightley stellt fest, daß der britische SIS in den dreißiger Jahren eine ineffiziente Organisation war, auf deren Dienste die englischen Regierungsstellen notgedrungen verzichteten: »Der SIS verkroch sich gleichsam in seinem Schneckenhaus, und seine Beamten führten ihn wie einen exklusiven Klub, voll Verachtung für die Außenwelt und fest davon überzeugt, daß sie nicht nur das Beste vertraten, was Großbritannien verkörperte, sondern auch als einzige wußten, wer der wahre Feind war - die Sowjetunion.«

Als elitären, vor allem am eigenen Wohlbefinden interessierten Klub, der sämtliche Krisen zu meistern versteht, schilderte auch der Thriller-Spezialist John le Carre den britischen Geheimdienst, für den er, getarnt als Diplomat, in der Bundesrepublik tätig gewesen ist: »Das Empire mag zerfallen, doch innerhalb unserer geheimen Elite würde die saubere Tradition der englischen Macht überleben. Wir glauben an nichts als uns selbst.«

Skeptisch wie den britischen Geheimdienst beurteilt Knightley die amerikanische CIA. Wenige Wochen vor der Zündung der ersten sowjetischen Atombombe im August 1949 beruhigte die CIA Präsident Harry Truman mit der Feststellung, die USA besäßen noch für die nächsten 10 bis 15 Jahre ein Atommonopol. Truman wollte die ersten Berichte über die Zündung der russischen A-Bombe nicht glauben und sprach selbst nach Analysen von radioaktiv verseuchten Regenwasserproben noch von einer »Atomexplosion«, um zu suggerieren, es habe einen mysteriösen Unfall gegeben.

Die CIA war auch vom Koreakrieg völlig überrascht worden, weil sie sich in Korea jahrelang nur auf Sabotage-Aktionen konzentriert hatte und nur auf verdeckte Operationen der Kommunisten eingestellt war.

1961, nach dem Desaster der gescheiterten Invasion in der kubanischen »Schweinebucht«, war Präsident John F. Kennedy über die CIA-Abenteurer, die den Überfall als »vergleichsweise risikolos« eingeschätzt und ihm alle Vorbehalte der Experten unterschlagen hatten, so aufgebracht, daß er verkündete, er würde die Agency am liebsten »in tausend Stücke schlagen und in alle vier Winde zerstreuen«.

Weitere Pannen der riesigen CIA-Maschinerie, die heute mit einem Jahreshaushalt von 1,5 Milliarden Dollar operieren kann: Der Sturz des Schahs von Persien 1979 kam völlig überraschend - man hatte die Stimmung im Iran falsch eingeschätzt. Und für seinen Wiener Showdown mit Nikita Chruschtschow beim Gipfeltreffen im Jahr 1961 war Kennedy denkbar schlecht vorbereitet - die CIA hatte einfach keine zuverlässigen Angaben über die Zahl der sowjetischen Raketen.

Die meisten Politiker wurden vom Nimbus des Abenteuerlichen infiziert, der die Spionage immer noch umgibt, und hegten für die Geheimdienste große Sympathien. Besonders grotesk war ein Projekt des damaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, der sich vom Geheimdienst-Cowboy General William Donovan, dem Chef des OSS (Office of Strategic Services, des Vorgängers der CIA), für die Idee begeistern ließ, Japan mit Flugzeugladungen von Fledermäusen zu bombardieren. Das Luftkorps der U. S. Army und das OSS laborierten dann tatsächlich mehrere Jahre lang an dem Problem, Fledermäuse in großen Höhen so behutsam zu befördern und abzusetzen, daß sie vor dem Landen nicht erfroren: Ein besonders kluger Kopf hatte gehört - streng vertraulich, versteht sich -, die Japaner hätten eine Höllenangst vor Fledermäusen.

Winston Churchill idealisierte seinen Geheimdienst geradezu. Ihm wollte der SIS meist nur die angenehmen Nachrichten zumuten. So gab es dann einige katastrophale Pannen, die darauf zurückzuführen waren, daß man die Informationen unterschlug, die dem zigarreschmauchenden Feldherrn nicht in den Kram paßten.

Die Geheimdienste beschreibt Knightley als verschworene Gemeinschaften, die immer schneller expandieren, sich zusehends verselbständigen und auf Kritik oder Kontrollen beinahe paranoid reagieren. Phasen von politischem Tauwetter und daraus resultierende diffuse Feindbilder begriffen die Dienste stets als tödliche Gefahr für die eigene Organisation. Was würde das KGB ohne das Fixierbild vom altbösen Feind, der CIA, tun - und umgekehrt? Der frühere CIA-Agent John Stockwell beschrieb diese gegenseitige Abhängigkeit einmal so: »Es ist ganz wie beim Profi-Football. Sonntags drischt man aufeinander ein, und am Montag betrinkt man sich gemeinsam. Ich habe auf mehreren Auslandsposten mit KGB-Offizieren gespielt und anschließend mit ihnen zu Mittag gegessen. Es ist wie ein Spiel von Fünfjährigen, aber von Fünfjährigen mit einem Dachschaden.«

Macht die Perestroika den Diensten den Garaus - oder könnte sie deren unbändigen Expansionsdrang zumindest reduzieren? Wohl kaum, befürchtet Knightley, denn jeder Geheimdienst trage dazu bei, die gespannte Lage zu schaffen, in der sie alle gedeihen. »Alle fühlen sich von Entspannung bedroht. Alle haben ein unmittelbares Interesse am Fortgang des Kalten Kriegs.«

Folglich häufen sich gerade in Tauwetterperioden Veröffentlichungen über höchst bedeutende Aktivitäten der Geheimdienste - in der Regel sind sie von den Diensten selbst lanciert und sollen als PR-Produkte für positive Resonanz sorgen.

Die Kritik an den Geheimdiensten richtet sich gegen deren unersättlichen Gigantismus, gegen ihre Tendenz, sich zu riesigen, unkontrollierten Machtapparaten zu entwickeln. Wenn die Geheimdienste tatsächlich das bewirkten, was sie zu tun behaupten, nämlich rechtzeitig vor Bedrohungen der Nation zu warnen, so Knightleys Fazit, dann könnten sie vielleicht eine gewisse Existenzberechtigung haben. »Doch sie scheinen in Friedenszeiten weniger darum bemüht, Informationen zu beschaffen, als darum, dem rivalisierenden Dienst eins auszuwischen, ihr Budget und ihre Organisation zu schützen und neue Rechtfertigungen für ihre Existenz zu ersinnen.« f

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