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UNTERHALTUNG Für die Katz

US-Soldaten sollen keine deutschen Rock-Veranstaltungen mehr besuchen -»wegen der Drogengefahr«. Insider vermuten: auch weil ein US-Unternehmen die lukrative Truppenbetreuung übernehmen will.
aus DER SPIEGEL 38/1973

Die Drei«, sagt der Frankfurter Konzertveranstalter Marcel Avram, »ist unsere Unglückszahl. Nach zwei erfolgreichen Mammut-Rockfestivals, 1971 nahe Speyer und 1972 bei Germersheim, die Avram und seinem Partner Marck Lieberberg insgesamt etwa 400 000 Mark eingebracht hatten, haben die Chefs der Agentur »Mama Concerts« jetzt ihr drittes »British Rock Meeting« abgesagt.

Für die Veranstaltung, die am kommenden Wochenende auf der Motorrad-Rennbahn von Altrip bei Ludwigshafen stattfinden sollte, waren 16 englische und amerikanische Rockbands für eine Gesamtgage von 350000 Mark gebucht; 30000 Plakate hingen aus. »Doch ohne unser amerikanisches Stammpublikum«, so Lieberberg, »wäre der ganze Aufwand für die Katz.«

Schon immer machten Gis aus den US-Kasernen durchschnittlich 50 bis 70 Prozent der Besucher von Popmusik-Konzerten im Rhein-Main-Gebiet aus. Stets hatte die Zusammenarbeit zwischen deutschen Veranstaltern und dem amerikanischen »Special Services Tours Office« im Frankfurter IG-Farben-Hochhaus reibungslos funktioniert.

»Special Services«-Manager Jules Györi dirigierte jeweils bis zu 10 000 Eintrittskarten an Vorverkaufsstellen im Armeegelände, ließ Plakate aufhängen, gab Veranstaltungshinweise an die Truppe, lancierte offiziell genehmigte Werbedurchsagen an den US-Sender AFN und organisierte Busfahrten von den Kasernen ins Konzert -bis zum vorletzten Donnerstag.

An diesem Tag nahm Györi das »British Rock Meeting«-Plakat in seinem Büro von der Wand -- Brigadegeneral Richard J. Eaton, Stabschef des V. US-Corps, hatte Weisung gegeben. die Teilnahme Armeeangehöriger an deutschen Rock-Konzerten künftig zu erschweren. Corps-Pressesprecherin Rose Stauber: »Solche Konzerte werden in Zukunft nicht mehr als Militärunterhaltung sanktioniert.

Die Entscheidung war gefallen, nachdem ein US-Armeeausschuß eine Ende Juli von »Mama Concerts« im Frankfurter Radstadion veranstaltete und von 14 000 GIs besuchte Rock-Darbietung analysiert hatte; Befund: 40 klinische Fälle von schwerem Drogen-Mißbrauch. Zudem, so Oberstleutnant John B. Weaver, hätten »armselig gekleidete« Soldaten »wie eine Horde von Landstreichern« als Anhalter Frankfurts Autobahnen unsicher gemacht. Weaver: »Das Bild eines sauberen Amerika, das wir hier zu vermitteln versuchen, haben wir uns damit zerstört.«

US-Offiziere verbreiteten letzte Woche bei ihren Untergebenen das Gerücht, Soldaten, die Rockkonzerte besuchten. hätten Disziplinarmaßnahmen zu gewärtigen; wenn das Altrip-Festival tatsächlich stattfinde, werde parallel dazu ein Manöver anberaumt.

Gleichzeitig leitete die amerikanische »Criminal Investigation Division« (CID) gegen den Eintrittskarten-Verteiler Györi Ermittlungen ein. Der »Special Services«-Kontakter der deutschen Konzertagenturen, so die Vorwürfe, habe sich am Eintrittskartengeschäft persönlich bereichert und auf eigene Rechnung Plakate verkauft.

Branchen-Insider vermuten indes hinter der Anti -Konzert-Kampagne eine konzertierte Aktion mit kommerziellen Motiven. »Denn Drogen und Gammel«, erklärt Konzertagent Lieberberg, »sind ja weniger ein Problem der Freizeitgestaltung als vielmehr einer politisch und psychologisch schwer motivierbaren Armee. In Wirklichkeit gehe es ums Geschäft, das US-Unternehmer ihren deutschen Konkurrenten neiden --

Am Donnerstag vergangener Woche versprach die Armeezeitung »Stars and Stripes« den Gis »größeres und besseres Entertainment« durch die »American Express«-Reisegesellschaft (Amexco), die seit längerem mit den Generalen über die Truppenbetreuung handelseinig werden will. Schon jetzt werden Konzertkarten in Kaiserslautern. Mannheim, Pirmasens und Heidelberg von Amexco verkauft.

Sollte es Amexco gelingen. sich als Monopolveranstalter von Konzerten in den US-Camps zu etablieren, so hätte dies Auswirkungen für das gesamte Popmusik-Tourneegeschäft in der Bundesrepublik. Denn nur die einkalkulierbaren US-Besucher der Pop-Shows im Rhein-Main-Gebiet ermöglichen es deutschen Agenten, Top-Gruppen für hohe Garantiehonorare ins Land zu holen.

Um zumindest die Androhung eines Manövers (als Festival-Gegenmaßnahme) zu unterlaufen. haben Avram und Lieberberg ihr drittes »British Rock Meeting« nun für das Mai-Wochenende 1974 vor dem US-»Memorial Day« anberaumt: An Staatsfeiertagen finden bei der Truppe keine Übungen statt.

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