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»Für dieses Pack hat er gelebt«

Rudolf Augstein über Anton Tschechow und die Tschechow-Biographie von Henri Troyat *
Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 37/1987

Es gibt die Tschechow-Figur: nicht die Shakespeare-Gestalt, nicht den Cervantes-Menschen, keinen Byron-Charakter; von dessen Weltschmerz hat man allenfalls läuten hören. Allein auf der Bühne des weltweit berühmten und gespielten russischen Autors Anton Pawlowitsch Tschechow (1860 bis 1904) weiß oder ahnt der Theatergänger, mit welchen Menschen er es zu tun bekommt.

Wie geben sich die Tschechow-Figuren?

Man ist nicht zufrieden, zweifelt aber, ob sich daran etwas ändern läßt. Man plaudert vor sich hin. Man möchte sich erschießen, schafft es aber nicht, oder dann doch. Man erschießt einen anderen, ohne viel Sinn.

Man hat große Pläne. Man ahnt, daß sie sich nicht erfüllen werden. Man versucht, aus Freude zu arbeiten, denkt aber schon vorher, daß alles mißlingt.

Man existiert von abgelebten Erinnerungen, schon im voraus von abgelebten Hoffnungen. Man ist zu einem kranken, einsamen, müßigen Dasein verurteilt. Lebt man? Nun ja, man tut so. Man arbeitet, oder man säuft.

Und die Tschechow-Figur erhofft eigentlich nichts mehr für sich selbst, sondern, am Schluß, für spätere Generationen, für die nächsten Jahrhunderte oder Jahrtausende. Ans Ende allen kreatürlichen Lebens denkt man auch. Als ein Beispiel von unzähligen stehe hier eines, aus den Notizen zu »Drei Schwestern": _____« Ich bin glücklich, zufrieden, Schwester, aber wenn » _____« ich ein zweites Mal geboren würde und man mich fragen » _____« würde: willst du heiraten? Ich würde antworten: nein. » _____« Willst du viel Geld haben? Nein ... »

Dies alles wird an Personen aus Fleisch und Blut dargestellt, nicht in dem orgelnden Leitartikel-Russisch des Tschechow-Bewunderers Maxim Gorki (1868 bis 1936); dies alles ist nun unzweifelhaft dem Kopf des russischen Arztes Anton Tschechow entsprungen, der das moderne Theater beeinflußt hat wie kein zweiter.

Er hat kein müßiges, sondern ein überaus tätiges Leben gelebt, und am Ende erlaubte er sich, nicht durch eine Pistole, sondern, in Badenweiler, an der Tuberkulose zu sterben.

Außer sieben abendfüllenden Stücken hat er ungefähr 250 Erzählungen geschrieben. Einen die Zeit prägenden Roman (wie Gogols »Die toten Seelen«, Lermontows »Ein Held unserer Zeit«, Gontscharows »Oblomow«, Turgenjews »Väter und Söhne«, von den Überschriftstellern Dostojewski und Tolstoi ganz abgesehen) traute er sich nicht zu.

Mit gutmütigem Spott nahm er zur Kenntnis, daß sein von ihm verehrter Großfreund Leo Tolstoi seine Stücke für »noch schlechter« hielt als die des William Shakespeare.

Aber obwohl Schreiben sein Beruf wurde, von dem er auch leben mußte, gründete er, oftmals von eigenem Geld, Schulen, Hospitäler, Bibliotheken; er gebot der Cholera in seinem Distrikt Einhalt behandelte als Landarzt die Bauern die »Muschiks«, natürlich kostenlos.

Er als erster hat sie entzaubert. Sie waren keine Repräsentanten des heiligen Rußland (wie bei Dostojewski und Tolstoi), sondern Menschen wie du und ich, darüber hinaus armselige, verkommene Trunkenbolde.

Die Zensur konnte sich nicht genug damit tun, ihm nachzuweisen, daß die Erfahrungen, die er in jahrelanger Praxis mit seinen Bauern gesammelt hatte, untypisch seien. Wie jeder andere Dichter gab auch er nach.

Das von ihm in Jalta zusammengebettelte Sanatorium trägt noch heute seinen Namen. Die Insel Sachalin hat der stets Kranke, aber auch stets Reiselustige als eine Art Überreporter besucht und den GULag seiner Zeit beschrieben. Sein Bericht hat zu einigen später wieder auf den Mist geworfenen Reformen geführt.

Es gibt keinen praktisch tätigeren russischen Schriftsteller in seiner Zeit, obwohl der alte Tolstoi mit seiner enormen Autorität während einer Hungersnot durch einen bloßen Aufruf mehr Geld zusammenbringen konnte als Tschechow in zwei Jahren. Im übrigen gibt es keinen sympathischeren russischen Schriftsteller, keinen, den jeder, der einer »reinen edlen Seele« (Nikolai Teleschow) bedürftig ist mehr verehren könnte. Wie erklärt sich dieser Widerspruch zwischen dem Schöpfer der »Tschechow-Figur« und seinen Geschöpfen?

Aufschluß, soweit möglich, gibt uns ein 1984 verfaßtes, jetzt auf deutsch erschienenes Buch des Rußland-Kenners Henri Troyat. Er wurde 1911 in Moskau geboren und gelangte 1920 nach Paris. Er tat sich hervor mit Biographien über Gogol und Turgenjew, über Katharina die Große und Peter den Großen, schrieb also möglicherweise zuviel, wurde aber Mitglied der Academie francaise und, wie auch die vorliegende Biographie bezeugt, zu Recht. _(Henri Troyat: »Tschechow. Leben und ) _(Werk«. Deutsche Verlags-Anstalt, ) _(Stuttgart; 416 Seiten; 44 Mark. )

Es versteht sich, daß 416 Seiten über Tschechow nicht ausreichen (zugunsten des Bühnenautors kommt der große Erzähler zu kurz), aber dafür weckt und erfüllt das Buch Bedürfnisse des interessierten Lesers, ohne je ins Triviale abzugleiten. Das ist Troyats Backrezept. Er sucht subjektive Urteile zu vermeiden, aber wo es unerläßlich ist, schiebt er sie dem Leser zwingend zu.

So kurz und so kurzweilig das Buch: Die »Besprechung«, besser Ankündigung,

muß notgedrungen kürzer sein. Im Mittelpunkt steht, außer natürlich Tschechow, die deutschstämmige Schauspielerin Olga Knipper, Tschechows Frau, die nun wiederum mit Tschechows Bühnenerfolgen am Moskauer Künstlertheater des Konstantin Stanislawski vom ersten bis zum letzten Tag verbandelt ist. _(Olga Knipper spielte in den Aufführungen ) _(des Moskauer Künstlertheaters in »Die ) _(Möwe« (1898), »Onkel Wanja« (1899), ) _("Drei Schwestern« (1901), »Der ) _(Kirschgarten« (1904). )

»Das wäre Selbstmord, schlimmer noch als Sachalin«, stöhnte der Tschechow-Jünger Iwan Bunin auf, als er von der Hochzeit der beiden erfuhr. Es war eine Art von Selbstmord, es war eine Art von Mord. Sie zwang Tschechow, der sich bis dahin als der »Admiral« einer »nicht sehr großen« Zahl von Fregatten ganz wohl gefühlt hatte, buchstäblich, sie zu heiraten. Er mußte aus Gesundheitsgründen in Jalta, sie aus Berufsgründen in Moskau bleiben.

Nur, war das ohne Liebe? Das scheint nicht so, auf beiden Seiten nicht. Er hätte nein sagen können, als sie ihn zur Heirat nach Moskau zitierte. Aber war er, der an Tuberkulose und Asthma litt, Blutstürze hatte und andere Gebrechen, noch gesund genug, nein zu sagen? Und wußte sie, die lebenslustige Aktrice, was ihr mit diesem auf den Tod kranken Mann bevorstand? Sie hätte es wissen müssen, doch was heißt das schon?

Hätte er besser gelebt ohne sie? Besser und länger gelebt ohne sie? Und mußte sie, die 1958 als hochgeehrte Schauspielerin starb, die Tschechow um 54 Jahre überlebte, je bereuen, die Frau eines so liebenswerten und genialen Mannes gewesen zu sein, und sei es auch nur für hundert Tage leiblicher Präsenz?

Olga Knipper, Tschechow von seiner aufopfernden Schwester Marija zugeführt (sie wird fortan von der »Knipschitz« reden), spielte in Moskau mit 28 Jahren die alternde Schauspielerin Arkadina, 43, in der »Möwe« - Tschechow, nur am Rande, hielt Ibsen, der vor ihm »Die Wildente« aufgeführt hatte, für einen miserablen Dramatiker. Theaterleute unter sich.

Die Moskauer Aufführung der »Möwe« am 17. Dezember 1898 brachte den Durchbruch für den als Erzähler bereits hochberühmten Tschechow.

Von diesem Tag an wird »Knipschitz« das private Restleben von Tschechow bis zu seinem Todestag (2. Juli 1904) überwiegend _(Links neben ihm Konstantin Stanislawski, ) _(Olga Knipper. )

begleiten, von fern und brieflich also, und sein Berufsleben als seine Hauptdarstellerin und auch Hauptantreiberin möblieren. Erst als Geliebte, dann als Frau des berühmtesten Stückeschreibers für das Moskauer Künstlertheater genoß sie ihre Rolle. Wer könnte ihr das verdenken.

Aber, und das Wort naturgemäß ist hier am Platz, sie überreizte ihre ohnehin schon besseren Karten. Wer wissen will wie, möge das Buch lesen. Hier nur ein Beispiel: Tschechow mochte fast alle Tiere, sogar Mäuse. Waren sie in einer Mausefalle gefangen, schaffte er sie auf den nahe gelegenen Friedhof zum Weiterleben. Hunde liebte er wie sein Leben, »Hund«, »Hündchen« war sein bevorzugter Kosename für Olga (Telegramm: »Sehne mich nach Hund").

Nur war er Asthmatiker und jederzeit eines Blutsturzes gewärtig, und er haßte Katzen. Was bringt die im übrigen von Schuldgefühlen geplagte Ehefrau Olga dazu, sich eine Katze zuzulegen? Noch dazu in einer im dritten Stock gelegenen Moskauer Wohnung (Tschechow: »So idiotisch hoch"), zu der sich hinaufzuschleppen Anton Pawlowitsch ohnehin bis zu einer halben Stunde brauchte? Ja, so sind wohl die Menschen.

Tschechow in dem ihm verschriebenen Jalta sehnte sich nach seinem »guten Deutschenkind«, wollte auch einen »Pamfilius« von ihr, einen »kleinen Halbdeutschen«. Sie wollte auch, nur es klappte nicht, sie erlitt eine Fehlgeburt. Hatte sie sich unnötig überanstrengt? Mutter und Schwester Tschechows waren mit dieser Beschuldigung schnell bei der Hand.

»Wer ist hier die Berühmtheit, Du oder Knipschitz«, schrieb die Schwester, als nach der Hochzeit ein Photo von beiden in der Zeitung erschienen war; er mit Kneifer, sie in ihrem Kostüm aus »Onkel Wanja«. Er hatte sich, o weh, heiraten lassen, ohne die Schwester zu verständigen.

Das Problem war natürlich nicht lösbar, beide Ehegatten wußten es, wie so oft. Nur fragt man sich denn doch, wie die auf deutsche Ordnung erpichte Olga Mutter und Schwester hätte beiseite drängen wollen, ohne doch selbst ständig präsent sein zu können.

Mutter und Schwester hatten ihn verwöhnt, er war nun einmal der Junggesellen-Tyrann der Familie. Und restlos unglücklich war er nicht, wenn Olga Jalta wieder verließ.

Als sie in Moskau vielleicht wegen der Fehlgeburt des Pamfilius, krank darniederlag, besorgte er das Nötigste, schließlich war er selber Arzt. Aber er saß anschließend nicht bei ihr, sondern reiste auf das Gut eines bekannten Neureichen, wo er sich sogleich wieder angeödet fühlte.

Es ist nicht so, daß der Ruf »Nach Moskau! Nach Moskau!« ("Drei Schwestern") seiner Sehnsucht nach Olga entsprang. Er haßte die ihm verordnete südliche Provinz. Er liebte Moskau, wo er mit Schriftsteller-Kollegen wie Maxim Gorki oder mit dem Sänger Fjodor Schaljapin essen gehen konnte.

In seinen Briefen spielt Moskau denn doch eine, wenn nicht die Rolle: _____« Ohne Theater und ohne Literatur kann ich nicht mehr » _____« leben. Und Du wirst mir zugeben, ich bin doch » _____« verheiratet, ich möchte ab und zu meine Frau sehen ... » _____« Nach Moskau, nach Moskau! Das sagen nicht mehr » Drei » _____« Schwestern », sondern » Ein Ehemann«. »

Die Endfassung der »Drei Schwestern« hätte er mit Olga in Moskau fertigstellen können, anstatt in Nizza ohne sie. Aber er wollte eben sein liebes kleines deutsches Hündchen nicht heiraten, damals, ein halbes Jahr vor der Eheschließung, noch nicht.

Der Gesündere hat immer recht, und so schreibt Tschechow denn auch _(Am Künstlertheater, mit Konstantin ) _(Stanislawski, Wsewolod Meyerhold und ) _(Olga Knipper. )

aus Jalta an seine nicht kranke Ehefrau: _____« Ich schlafe wundervoll, ich trinke Kefir jeden Tag » _____« und mit großem Behagen, mein Darm funktioniert gut, aber » _____« ich habe vergessen, mir den Nacken mit Kölnisch Wasser zu » _____« reiben. Gestern habe ich mir den Kopf gewaschen. »

Man horcht durch die Zeilen hindurch, er reagiert auf das deutsche »so und so und so«. Sie scheint das gemerkt zu haben. Vierzehn Monate nach der Hochzeit schreibt sie ihm: _____« Du bist in der Lage, mit mir zu leben, ohne auch nur » _____« ein Wort zu sagen. Öfters bin ich mir recht überflüssig » _____« vorgekommen. Ich glaube, Du brauchst mich nur als » _____« angenehme Weiblichkeit. Doch als Mensch fühle ich mich » _____« einsam und Dir völlig fremd. »

Kurze Momente der Intimität habe Tschechow mit Olga genossen, meint Troyat. Und sicher, sie haben ihn erfüllt »mit dem Gefühl eines unmäßigen und zerbrechlichen Glücks«.

Es hätte vielleicht ohnehin nicht lange mehr dauern können. Aber der Tod, später und recht bald, spielte seine Rolle ohne Beanstandung.

Tschechows einzige Passion war seine Schreibkunst, meint Troyat: »Beim Schreiben glaubte er, den Lauf der Zeit aufhalten zu können.«

Es ärgerte ihn durchaus, daß Tolstoi ihm vorwarf, er schreibe nur über unwichtige Ereignisse und habe keine positiven Helden. »Wo soll ich sie hernehmen?« fragte er in komischer Verzweiflung. Wo etwa einen ehrlichen Polizeichef hernehmen?

Es ist der Tschechowsche Kosmos, der Spannung in der Spannungslosigkeit erzeugt so wichtig, und doch so schwer zu treffen. Auch bei diesem seinem wichtigsten Autor glaubte Konstantin Stanislawski der Dichter habe mit Ablieferung seines Werkes seine Pflicht getan, die Aufführung sei Sache des Regisseurs.

Aber Tschechow mischte sich ein. Er gab seiner Olga schriftlich Anweisungen, die denen des Regisseurs entgegenstanden ("Stanislawski hat mein Stück ruiniert"). Bei den Proben zu den »Drei Schwestern« verlangte Tschechow das Taubengegurre zu Anfang, von Schauspielern hinter der Bühne imitiert, solle gestrichen werden. Den Schauspielern sagte er: _____« Hören Sie, ich werde ein neues Stück schreiben, und » _____« es wird so anfangen: »Wie schön, wie mild ist das Wetter! » _____« Man hört keinen Vogel, keinen Hund, keinen Kuckuck, » _____« keinen Uhu, keine Nachtigall, keine Glöckchen, keine » _____« Standuhr, nicht einmal eine Grille!« »

Man wüßte gern, was Tschechow zu Peter Steins sirrender und flirrender Schaubühnen-Inszenierung von »Drei Schwestern« gesagt hätte. Seine Stücke bieten die Schwierigkeit, daß er sie als Komödien gespielt wissen wollte, seine Regisseure aber dazu neigten, sie wie Tragödien zu behandeln.

Tschechow selbst hat nicht wenig zu diesem permanenten Mißverständnis beigetragen. Auch seine Komödien haben einen pessimistisch gefärbten Schluß. Im »Kirschgarten« (1904) bleibt der Diener Firs zum Sterben zurück, in der »Möwe« (1896) erschießt sich der chaotisch-geniale Held Trepljow, ein halber Tschechow im »Onkel Wanja« (1897), »Szenen aus dem Landleben« geheißen, schießt die Titelfigur zweimal auf die Hauptperson, ohne sie zu töten.

Tschechows Stücke enden traurig, in Melancholie. Einzig in der »Möwe« hat die Hauptdarstellerin ihren Traumberuf gefunden, sie ist Schauspielerin geworden, in einer Kleinstadt. Aber auch sie weiß, die Hauptsache ist, leiden zu können, und dem erfolgreichen, auf Selbstmord hinarbeitenden Schriftsteller Trepljow gibt sie folgendes Zitat aus seinem eigenen Stück - »Gefühle wie zarte, schöne Blumen« - mit auf den Weg: _____« Menschen, Löwen, Adler und Rebhühner, gehörnte » _____« Hirsche, Gänse, Spinnen, » _____« schweigsame Fische, die im Wasser hausten, Seesterne » _____« und jene, die mit Augen nicht zu sehen waren - mit einem » _____« Wort, alles Leben, alles Leben, alles Leben, vollendet » _____« hat es seinen kummervollen Kreis, es ist erloschen. » _____« Jahrtausende bereits, seit diese Erde kein einziges » _____« Lebewesen mehr trägt, und dieser arme Mond entzündet » _____« seine Laterne vergebens. Es erwacht der Kranich nicht » _____« mehr schreiend auf der Wiese, im Lindenhain kein Maikäfer » _____« mehr summt ... »

Man sollte glauben, ein Freund und potentieller Selbstmörder hätte anderen Trost nötig. Sie aber umarmt ihn laut Regieanweisung heftig und geht ab.

Onkel Wanja, der liebenswerte Gutsverwalter, wird auf das Jenseits vertröstet: »Wir werden ausruhen!« (Tschechow glaubt nicht an dieses Jenseits). Die »Drei Schwestern« haben einen Schluß, der zur Fehlinterpretation geradezu auffordert. Olga, die älteste von ihnen, umarmt die beiden anderen und spricht: _____« Die Musik spielt so fröhlich, so freudig, man möchte » _____« leben! Oh, mein Gott! Die Zeit vergeht, und wir werden » _____« auf ewig dahingehen, man wird uns vergessen, unsere » _____« Gesichter, Stimmen, man wird vergessen, wie viele wir » _____« waren, aber unsere Leiden werden eingehen in die Freuden » _____« derer, die nach uns leben werden, Glück und Friede wird » _____« auf Erden einkehren, und man wird mit einem guten Wort » _____« derer gedenken, die jetzt leben, und sie segnen. Oh, » _____« liebe Schwestern, unser Leben ist noch nicht zu Ende. Wir » _____« werden leben! Die Musik spielt so fröhlich, so freudig, » _____« und mir scheint, noch ein wenig, und wir werden erfahren, » _____« warum wir leben, warum wir leiden. Wenn wir es nur » _____« wüßten, wenn wir es nur wüßten! »

Peter Stein, an der Schaubühne, hat diese elegische Szene in Dur schmettern lassen. Des Autors Absicht kann das nicht gewesen sein.

Die »Drei Schwestern« stellen wie kein anderes Tschechow-Stück die Frage nach dem Sinn des Lebens, modernster Hamlet. Refrain: »Ist doch alles egal.« An Olga schreibt der Autor: »Du fragst: was ist das Leben? Das ist, als wollte man fragen: was ist eine Mohrrübe? Eine Mohrrübe ist eine Mohrrübe, mehr ist darüber nicht zu sagen.«

Tschechow hatte einen naiven Fortschrittsglauben, einen Glauben an die menschliche Vervollkommnung, an ein besseres Leben. Einige wenige Einzelpersönlichkeiten ("Intellektuelle oder Bauern") sollen das zuwege bringen: _____« Die Einzelpersönlichkeiten, von denen ich spreche, » _____« spielen in der Gesellschaft eine fast unbemerkte Rolle, » _____« sie dominieren nicht, aber ihre Arbeit ist sichtbar; wie » _____« dem auch sein mag, die Wissenschaft macht immer größere » _____« Fortschritte, das gesellschaftliche Selbstbewußtsein » _____« wächst, moralische Fragen gewinnen zunehmend » _____« beunruhigenden Charakter usw. usf. - Und all das » _____« geschieht ohne Zutun der Staatsanwälte, Ingenieure, » _____« Gouverneure, ohne Zutun der Intelligenz en masse und » _____« trotz allem. »

Seinem Wesen widerstrebte es, sich direkt in die Politik einzumischen, durch wichtigtuerische Aufrufe, anarchische Leitartikel et cetera. Aber er war Arzt, und in seinem Innersten glaubte er nicht an sein Rezept. So schrieb er an seinen reaktionären Verleger Suworin: _____« Geben Sie Pressefreiheit und Gewissensfreiheit, dann » _____« träte die erwünschte Ruhe ein, die zwar nicht sonderlich » _____« lange vorhalten würde, aber für unsere Lebenszeit würde » _____« es reichen. »

Einerseits denkt er an die nächsten 200000 Jahre, wo kein Leben mehr sein wird, andererseits nur an seine Gegenwart. Man kommt nicht umhin zu spekulieren, ob sein melancholischer (er schreibt wortspielerisch: »maulhenkolischer") Pessimismus, außerhalb einer vielleicht nachweisbaren Veranlagung, nicht doch auf seine tödliche Krankheit zurückzuführen ist, die ihm das Leben in Jalta langsam abwürgte: _____« Das Klavier und ich - das sind die zwei Gegenstände » _____« im Hause, die ihr Dasein geräuschlos und befremdet » _____« darüber verbringen, daß man sie hierher transportiert » _____« hat, wo doch niemand auf uns spielen kann. »

So an seine Schwester Marija, und an Olga: _____« Aber weshalb sind Sie deprimiert? Weshalb? Sie leben, » _____« Sie arbeiten, hoffen, trinken, lachen ... was wollen Sie » _____« mehr? Bei mir ist das etwas anderes. Ich bin entwurzelt, » _____« ich lebe kein ganzes Leben mehr, trinke nicht, obwohl ich » _____« gern trinke; ich liebe den Lärm und höre keinen, mit » _____« einem Wort, ich erlebe jetzt den Zustand eines » _____« umgepflanzten Baumes, der noch » _____« schwankt; soll er anwachsen oder verdorren? »

Er, der ständig Blut spuckte und unter Husten litt, der kaum noch anderes zu sich nehmen konnte als Suppe und Mineralwasser, wollte nicht länger »das Leben je Stunde eßlöffelweise schlucken« (darum die Heirat).

Er sah sein eigenes Leben so pessimistisch wie das der Gesellschaft. Zu seinem jungen Freund Tichonow sagte er: _____« Wir führen ein provinzielles Dasein. Die Straßen » _____« unserer Städte sind nicht einmal gepflastert, unsere » _____« Dörfer sind arm, unser Volk ist verbraucht. Wir alle » _____« haben in unserer Jugend gekräht wie Hähne auf dem » _____« Misthaufen, doch gegen vierzig sind wir schon Greise und » _____« denken nur noch an den Tod. Was für Helden sind wir? »

Zu seinem Bewunderer Maxim Gorki: _____« Wir sagen uns, mit einem neuen Zaren wird alles » _____« besser gehen, und noch besser wird es in zweihundert » _____« Jahren sein, aber niemand tut etwas, damit es morgen » _____« eintrifft. Im Grunde wird das Leben von Tag zu Tag immer » _____« komplizierter, es geht von allein immer weiter, nur » _____« niemand weiß wohin. Die Menschen werden immer dümmer und » _____« bleiben immer mehr abseits vom wirklichen Leben stehen. »

Auch Tschechow, Hand aufs Herz, tat wenig, »damit es morgen eintrifft«. Nur hatte er eine triftige Entschuldigung. Er schrieb, noch nicht 44 Jahre alt, gegen seinen Tod an, er schrieb den »Kirschgarten«. Das Stück, weder Komödie noch Tragödie, wird von vielen als sein bestes betrachtet, und, soweit wir wissen, gibt es kein berühmteres Theaterstück der Weltliteratur, das einem derart hinfälligen Körper abgerungen wurde.

Olga von Jalta nach Moskau: Er ist heute zu krank - nein, soeben hat er sich wieder an seinen Schreibtisch gesetzt.

Natürlich hatte Stanislawski mal wieder alles »ruiniert«, hatte das Stück »kein einziges Mal aufmerksam gelesen«. Der Direktor ließ nicht davon ab, diese von Tschechow so gemeinte Komödie als »Drama« zu plakatieren, er kehrte heraus, was man heute Gesellschaftskritik nennen würde. Er beharrte, der Dichter habe zu schreiben, der Regisseur daraus etwas zu machen.

Wer hatte recht? Beide hatten recht. Die »Musik der Barmherzigkeit in der Wahrheit« (Sean O''Casey) gibt dem Stück seinen Humor, ohne den Dichter wäre es nicht oder nichts. Aber der Regisseur hat das Umfeld zu bedenken.

Warum muß dieser Kirschgarten an einen Geschäftsmann verkauft werden? Tschechow: Weil seine Besitzer müßige und schläfrige Menschen sind ("Leb wohl, altes Leben!"). Stanislawski: Weil sie eine abgelebte Schicht vertreten, weil sie ihr Grundstück strafweise verlieren denn Arbeit und Sachverstand stehen schon vor der Tür ("Guten Tag, neues Leben!"). Hierzu Henri Troyat: _____« Das Tschechowsche Wunder liegt in diesem Gemisch aus » _____« Lachen und Schamhaftigkeit, aus Ironie und Traurigkeit. » _____« Als sich der alte Lakai Firs, von seiner Herrschaft » _____« völlig vergessen, im verlassenen Hause allein » _____« wiederfindet, während man aus der Ferne die Axtschläge » _____« der Holzfäller vernimmt, die die Kirschbäume fällen, weiß » _____« das Publikum nicht mehr, wen es verurteilen und wen es » _____« beklagen soll. »

Tschechow wollte ein Stück schreiben, wie er Olga mitteilte, das »unbedingt komisch, sehr komisch« werden sollte. Dies ist ihm gelungen; keine Toten, keine Selbstmörder, keine Duellanten. Aber die Komik endet eben, wenn der Kirschgarten von dem neuen Zivilisationsmenschen einfach abgeholzt wird, um das Grundstück zu parzellieren und darauf Villen zu bauen.

Unterschwellige Tragik des Stoffes, leichtfüßige Komik der Figuren: Das eben hat Tschechow geschafft. Er wollte das graue, spießige Leben beschreiben, wollte aber kein stumpfsinniges Gejammer: eine nahezu unlösbare Aufgabe für jeden Regisseur. Dabei, so sinniert er, war er doch 30 Jahre seines Lebens ein lebenslustiger Mensch gewesen, hatte einige Bände lustiger Erzählungen geschrieben!

»Es ist mir schwergefallen, das Stück zu schreiben«, sagte der zur Untertreibung neigende Tschechow, dem man mittlerweile empfohlen hatte, pro Tag acht Eier zu essen. Am 17. Januar 1904 wurde das Stück uraufgeführt. Am 9. Juli 1904 wurde Anton Tschechow begraben.

Dazwischen gab es eine unfreiwillige Tschechowiade.

Olga Knipper-Tschechowa fuhr mit dem Todkranken nach Berlin, wo der berühmte Spezialist für Lungenkrankheiten nur wortlos die Hände hob und das Zimmer verließ. Die Eheleute fuhren weiter nach Badenweiler. Dort scheint ein vernünftiger Arzt, ein Dr. Schwöhrer, Dienst getan zu haben.

Tschechow erfand für seine Frau komische Geschichten, so daß sie sich vor Lachen auf dem Sofa wand. Vom 1. auf den 2. Juli 1904 hieß er sie zum ersten Mal in seinem Leben den Arzt rufen.

Als Dr. Schwöhrer eine Sauerstofflasche anforderte, richtete sich Tschechow, der alle Sprachen kannte, nur keine Fremdsprachen, in einer Art Höflichkeitsreflex auf und bündelte seine Sprachkenntnisse zu einem »Ich sterbe«. Der Arzt orderte keine Sauerstoffflasche, sondern eine Flasche Champagner.

Tschechow trank ein Glas, sagte »Ich habe so lange keinen Champagner mehr getrunken« und lege sich auf die linke Seite. Wieso etliche Minuten nach seinem Tod, nach den tröstenden Worten des schon wieder verschwundenen Dr. Schwöhrer, noch ein Sektkorken knallen konnte, muß das Geheimnis Olga Knippers oder Henri Troyats bleiben.

Nicht in einem plombierten Eisenbahnwagen, sondern in einem Waggon, auf dem in Großbuchstaben der Vermerk »FÜR AUSTERN« stand, traf der tote Dichter am 9. Juli 1904 in Moskau ein. Tschechow hätte daraus eine humorige Erzählung gefertigt. Gorki aber war krank vor Empörung. Noch hatte er nicht, wie später unter Stalin, aufgehört, sich zu empören.

Er und Schaljapin schritten hinter einem Zuge her, der von Militärmusik angeführt wurde. Bald merkten sie, daß sie auf der falschen Beerdigung waren. General Theodor Keller, in der Mandschurei gefallen, wurde zur gleichen Zeit beerdigt, auch er ein »Deutschenkind«.

Als sich auf dem Friedhof ein Gedränge breitmachte, sagte Schaljapin zu Gorki, vor Wut beinahe blau: »Für dieses Pack hat er gelebt, gearbeitet, gelehrt.«

Tschechow würde ihm nicht zugestimmt haben.

Henri Troyat: »Tschechow. Leben und Werk«. Deutsche Verlags-Anstalt,Stuttgart; 416 Seiten; 44 Mark.Olga Knipper spielte in den Aufführungen des MoskauerKünstlertheaters in »Die Möwe« (1898), »Onkel Wanja« (1899), »DreiSchwestern« (1901), »Der Kirschgarten« (1904).Links neben ihm Konstantin Stanislawski, Olga Knipper.Am Künstlertheater, mit Konstantin Stanislawski, Wsewolod Meyerholdund Olga Knipper.

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