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Literatur Für jeden Skalp ein paar Dollar

aus DER SPIEGEL 35/1996

Große Literatur hat sich stets auch der großen Grausamkeiten dieser Welt angenommen, der Gewalt und des Elends. Doch immer, fast immer hat sie ihren Lesern zugleich Trost gespendet. Die Romane Cormac McCarthys sind absolut ohne jeden Trost. Was der im texanischen El Paso lebende Amerikaner seinen Lesern an Tristesse und Bitternis zumutet, ist kaum zu überbieten. McCarthy, 63, verwandelt die in unserer Phantasie so bunte Welt des Wilden Westens in ein Meer aus Blut und Knochen. Das gilt auch und gerade für sein jüngstes Buch auf dem deutschen Markt, »Die Abendröte im Westen«, für jenen Roman, mit dem der Autor 1985 in den USA bekannt geworden war (Übersetzung: Hans Wolf). McCarthys Held, ein 14jähriger Junge, schließt sich 1849 einer Bande von Gangstern an, die im Auftrag mexikanischer und amerikanischer Provinzgrößen auf Indianerhatz geht. Für jeden Skalp kassieren die Killer eine Handvoll Dollars, und bald sind die Männer so verroht, daß sie alles massakrieren, was sich ihnen in den Weg stellt. Peinlich genau schildert McCarthy die skrupellose Brutalität des Jungen und seiner Gefährten - eine harte Probe für empfindsame Gemüter. Erholung bieten allenfalls die ausgiebigen Naturschilderungen. Doch wenn McCarthy das Leiden der Kreatur in der glühenden Wüstenhitze beschreibt, dann gelingen ihm Bilder von so suggestiver Kraft, daß nicht wenige Leser unwillkürlich ins Schwitzen geraten werden. Natürlich bedient McCarthy den auf spektakuläre Roheiten fixierten Zeitgeschmack. Und natürlich erzählt er so spannend wie Joseph Conrad und so elegant wie William Faulkner. Aber vor allem entwirft er mit dieser Geschichte aus dem finsteren 19. Jahrhundert eine apokalyptische Szenerie, die im ausgehenden 20. Jahrhundert überaus aktuell erscheint. »Die Abendröte im Westen«, so urteilte die New York Times, sei ein »Schlag ins Gesicht« des Lesers. Und das war ein Kompliment - ein berechtigtes.

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