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WOHNEN Fürs Gemüt

Ehe das Öl ausgeht, wollen die Deutschen lieber wieder wie früher heizen: mit Kachel- und Kanonenöfen.
aus DER SPIEGEL 52/1979

Im »Münchner Merkur« hatte der Rentner Anton Dirscherl annonciert: »Kanonenofen zu verkaufen.« Der erste Interessent klingelte, 500 Mark in der Hand, schon am nächsten Tag -- frühmorgens um sechs.

»Auf dem Ofenmarkt«, so der West-Berliner Händler Bernd Patsch, »geht es zu wie in der Nachkriegszeit": Seit die Ölpreise davonlaufen, reißen sich die Deutschen wieder um alles, was im Wohnzimmer brennt und bullert.

Eine Branche lebt wieder auf, die bis vor kurzem nur noch dahingesiecht war: die der Ofensetzer. 25000 Kachelöfen bestellten die Bundesbürger im zurückliegenden Jahr, doppelt so viel wie noch 1977. Über 10 000 weitere Interessenten mußten vertröstet werden: »Zu wenig Kacheln, nicht genug Ofenbauer«, konstatiert Elfriede Meier von der Informationsstelle Kachelofen in Stuttgart.

Vom neuen Heizboom erfaßt sind auch die Hersteller von Kohleöfen aus Eisen und Stahl: 90 000 setzte die Industrie 1979 ab -- 30 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Viele Hersteller, wie etwa die Münchner Firma Wamsler, hatten ihre Jahresproduktion bereits im Juli verkauft.

Als wahre Marktrenner schließlich entpuppten sich sogenannte Kaminöfen, zumeist aus Skandinavien importiert: gußeiserne Zwitter mit großen Türen, die sich wahlweise als offener Kamin oder als Heizofen benutzen lassen. Mehr als ein Dutzend Kaminofen-Modelle stellte die Zeitschrift »Schöner Wohnen« in ihrer Dezember-Ausgabe vor. Die »Dauerbrenner fürs Gemüt« ("Schöner Wohnen") schlucken wahlweise Holz, Kohle oder Torf.

Der Trend zum Ofen, auch in anderen Wohnzeitschriften schon vermerkt, ist offenbar mehr als Nostalgie. Übriggeblieben war in den Zeiten des billigen Öls von der traditionellen Heizkultur allenfalls der offene Kamin, als Prestige-Objekt und knisterndes »Zentrum der Gemütlichkeit«. Jedes vierte Eigenheim, das derzeit gebaut wird, ist damit ausgerüstet.

Doch mit dem neugewonnenen Interesse für Doppelglasscheiben und Wärmeverluste entdeckten die Besitzer von Kaminen auch deren Nachteil: 80 Prozent der Energie entweichen durch den Schornstein. »Die heizen«, so Horst Klimke, Technik-Wart der Hamburger Schornsteinfeger-Innung, »den Himmel, aber nicht das Zimmer.«

Mitunter läßt sich der Energieverlust mindern: Hinter der Kamin-Feuerstelle wird ein hoher Wasserkessel aus Stahlblech installiert, der die sonst vergeudete Energie dem Warmwasser-System zuführt.

Vor allem für ihre Wochenendhäuser haben unterdes die Skandinavier ihre Kaminöfen entwickelt. Sie nutzen die Wärme ebenso gut wie ein mit Schamottsteinen ausgekleideter Ofen und verbreiten gleichzeitig den Knistereffekt eines Kamins. Kaminöfen sind in diversen Arten und Größen auf dem Markt -- mal im skandinavischen Karg-Design mit glatten Flächen und hitzefesten Glastüren, mal als amerikanische Nostalgieprodukte mit Schnörkelbeinen und Ornamenten (so eine von Benjamin Franklin entworfene Konstruktion mit doppelten Falltüren und Messingknäufen auf dem Sims).

Am erstaunlichsten aber scheint die Wiedergeburt des guten alten Kachelofens. Auf ganze 1000 Betriebe in der Bundesrepublik war das Ofensetzerhandwerk schon geschrumpft, als plötzlich mit der Ölkrise die neue Nachfrage einsetzte.

Inzwischen haben die Hersteller von Kacheln bis zu einem Jahr Lieferzeit, die Ofensetzer lange Wartefristen. Ein Zimmerofen aus industriell gefertigten Kacheln kostet zwischen 6000 und 8000 Mark.

Individualisten jedoch lassen sich ihre Ofenkacheln heim Töpfer handfertigen. Nach eigens entworfenen Modellen werden die Kacheln geformt und gebrannt -- das Stück kostet dann zwischen 30 und 70 Mark. »Wer heute bestellt«, so die Töpferin Cornelia Goossens aus dem oberbayrischen Diessen, »muß ein dreiviertel Jahr auf die Lieferung warten« -- gerade noch rechtzeitig zum nächsten Winter.

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