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Sperrmüll Fuzzis und Schrotties

Eine neue Sammlungsbewegung geht durch die Republik: nachts auf den-Sperrmüllbergen der Städte. Wer dort sucht, wird meist fündig, und die Trödelhandler machen ein Geschäft.
aus DER SPIEGEL 39/1972

Sie kommen -- mit Kleinbussen und Kombiwagen, mit Mopeds, Fahrrädern, zu Fuß und auch mit dem Taxi. Sie kommen, wenn es Nacht wird und wenn sie nicht mehr erkannt werden: Sie kommen zum Sperrmüllsammeln.

Denn das Wühlen in den Müllbergen, die von Mitbürgern einmal im Monat vor den Haustüren aufgetürmt werden, ist immer mehr zu einem Freizeitvergnügen geworden -- ganz gleich ob in Hamburg, Münster oder Berlin-.

Die neue Sportart ist inzwischen so beliebt, daß Sperrmüll-Termine in Berliner Tageszeitungen zeitweilig im Veranstaltungskalender veröffentlicht wurden; inzwischen hütet die Berliner Stadtreinigung die Termine ängstlich und gibt nicht einmal telephonisch Auskunft; der Ansturm, heißt es. sei »einfach zu groß«.

Wer sucht, der findet in Bergen von alten Pappkartons Wand-, Stand- und Taschenuhren, Kommoden, Tische und Stühle aus den letzten 50 Jahren deutscher Wohnkultur und manchmal aus dem Biedermeier.

Wer sucht, der findet funktionierende Elektro-Geräte, Kühlschränke und Bügeleisen; Ölgemälde und Bilderrahmen, Kleider und Kristall-Lüster, Hebammen-Koffer, Ersatzteile für das Auto und sogar alte Führer-Filme. Ein Hamburger Student verhökerte seine Funde aus dem Müll -- neun alte Wochenschau-Kopien -- über eine Anzeige im »Deutschen Waffen-Journal« für 450 Mark an einen Liebhaber in Frankfurt.

Und es sind nicht nur die Studenten und Gastarbeiter, die sich auf diese, Weise das Mobiliar für ihre Wohnungen zusammenklauben. Im Sperrmüll wählen Hausfrauen neben Angestellten, Beamte neben Handwerkern, Akademiker neben Pensionären.

So jedenfalls haben es in Hamburg die Behörden in Erfahrung gebracht. Doch weder die Polizei noch die Stadtreinigung hat gegen die nächtlichen Schwärme von »Sperrmüllern«, »Geiern«, »Sperrmüll-Fuzzis« oder »Dreckwühlern« etwas einzuwenden. Im Gegenteil: »Wir sind froh«, sagt der Leiter der städtischen Müllabfuhr in Hamburg, Alfred Herfurth, »über jeden Kubikmeter, der nicht abgefahren werden muß.« Und das ist nicht wenig: Denn »drei- bis sechsmal«, schätzt Herfurth, »wird jeder Haufen in einer Nacht umgeschichtet«, mithin reduziert.

Bislang ist denn auch nicht bekanntgeworden, daß die Polizei gegen »Sperrmüller« vorgegangen ist -- obwohl Sperrmüllfledderei, streng juristisch, Diebstahl ist. Denn: »Mit dem Herausstellen der Sachen auf die Straße gibt man zwar seine Besitzansprüche auf«, sagt Herfurth, »bleibt aber Eigentümer bis zu dem Augenblick, in dem die Fahrer der städtischen Müllabfuhr Hand an das Gerümpel legen. Erst dann geht der Sperrmüll in das Eigentum der Stadt oder Kommune über.« Immerhin zieren sich selbst Polizisten nicht, »auf die Mülle zu fahren

»Ein Kollege«, verrät ein Polizeibeamter auf der 45. Revierwache in Hamburg-Eppendorf, »der hat sich ein tolles Gästezimmer vom Sperrmüll eingerichtet.«

Das Geschäft mit dem Sperrmüll freilich machen die Schrottsammler, »Schrotties« genannt, und die Trödel händler. Denn seit bundesdeutsche Wohn-Zeitschriften entdeckt haben. »daß man sich in den alten Sachen, in denen wir unsere Großeltern bedauert haben, wohl fühlen kann«, so ein Hamburger Sperrmüll-Profi, kaufen für ansehnliche Summen Mitbürger das, was andere weggeworfen und die Trödler aufgesammelt haben.

Der grüne Glas-Lampenschirm, das Sofa aus Omas Wohnküche, die Wagner-Gipsbüste und die Postkarte von 1905 sind wieder in. »Wir wundern uns«, sagt Gerhard Grau, Inhaber des Pöseldorfer Flohmarktes in Hamburg. »was die Leute so alles kaufen.«

Und wie sie kaufen. Allein in Hamburg gibt es ungefähr 40 Trödelläden, die davon profitieren, daß sich Kitsch in den letzten Jahren besser verkaufte als Kunst, daß Leute mit mehr Geld als Geschmack immerzu kaufen, was gerade als Mode lanciert wird. Und deshalb kann sich so mancher Trödelhändler bereits einen Zubringer-Dienst in Sachen Sperrmüll leisten.

»Jeder Haufen«, sagt Roger Kurth, 35, gelernter Maschinenbauer. Inhaber eines Trödelladens in Altona« »kann einen Schatz bergen.« Er fand im Wegwerf -Zentrum Hamburg-Eppendorf eine bemalte Biedermeier-Petroleum -- Lampe auf der Straße. Verkaufspreis: 250 Mark. »Wenn man bereit ist, auch Mist mitzunehmen«, meint Volker Lehmberg, 27, Ex-Student der Germanistik und Inhaber eines Trödelladens in Eppendorf, »dann kann man vom Sperrmüll leben.« Aber auch der »Mist« wird in den Trödelläden mit bis zu 300prozentigem Gewinn an den Mann gebracht.

Und selbst im Ausland ist deutscher Mist begehrt. Gerhard Grau, 41. gelernter Quartiersmann im Hamburger Hafen, »King of Trödel« genannt, hat es verstanden, einen Gutteil dessen, was er in seinem dreistöckigen Haus in Hamburg-Pöseldorf gehortet hatte, ins Ausland abzuschieben.

»Ich habe«, gesteht Grau. »mit gutem Gewinn Hamburger Sperrmüll, Wand- und Standuhren und alte Gartenstühle in die USA exportiert« Vor vier Jahren startete er seine Karriere. Mit einem gebrauchten VW-Bus für 180 Mark graste er Hamburgs Wohlhabenden-Sperrmüll ab. Inzwischen hat er sechs Angestellte und angeblich 8000 Mark Unkosten im Monat.

Wie sehr sich der Sperrmüll-Verkauf zu einer Sparte des seriösen Antiquitätenhandels zu entwickeln scheint, beweist der Hamburger Millionär und populärste deutsche Altwarenhändler, Eduard Brinkama. »Ich kann«, sagt er. »an einem Sperrmüll-Haufen einfach nicht vorübergehen, ohne ganz genau hinzuschauen.«

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