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Pop Gänsehaut total

Nette Menschen singen nette Lieder: Vom Kölner Hausboot aus hat die irisch-amerikanische »Kelly Family« den Musikmarkt gekapert.
aus DER SPIEGEL 5/1995

Die Wangen rot, die taillenlangen Haare flattern in der Abendsonne, Zopf-Pullover, Blumenmuster, Stirnband, Gitarre - neun junge Leute, die leuchten vor Lebensfreude, mit derben Schuhen im grünen Gras. Da werden Träume wahr von Love und Peace und Irish Moos.

So soll es sein. Vier junge Frauen und fünf Buben mit Nachnamen Kelly stehen auf dem Cover der jüngsten »Kelly Family«-CD für all das und einiges mehr: Die amerikanische Musik-Mischpoke irischer Abstammung, wohnhaft in Köln, ist derzeit der Überraschungshit.

Mit schlichten Weisen aus Rock-, Folk- und Schlagerelementen versetzte die Geschwister-Combo im vergangenen Jahr fast zwei Millionen Fans in rauschartige Kauf- und Jubelzustände. Die CD »Over The Hump« ("Über den Berg") wurde in fünf Monaten 1,4 Millionen Mal verkauft und steht seit zwölf Wochen an der Spitze der deutschen Charts. Gesamtumsatz des Familienunternehmens 1994: weit über 50 Millionen Mark.

Bilder wie bei den Beatles. Hysterische Teenies verbringen die Nächte vor und nach Konzerten in Schlafsäcken vor der Bühne: »Die neun«, schluchzt Silke, 16, »sind Teil meines Lebens.«

Während der Auftritte werfen die Mädels Teddybären und bekennen sich auf Transparenten zu sehr persönlichen Gefühlen: »Paddy, ich liebe nur dich« - gemeint ist Patrick Kelly, 17. Von den 15 000 in der Dortmunder Westfalenhalle beispielsweise wurden im vergangenen Jahr 200 Mädchen ohnmächtig. Das Teenieblatt Bravo, das in anderthalb Jahren 37mal über die Gruppe schrieb, erschauerte: »Gänsehautstimmung total«.

Sie singen für die Liebe, den Frieden, den lieben Gott, gegen Ökomüll, Gewalt und Porschefahren - ein nicht ganz neues Programm, aber so selbstbewußt und kompromißlos durchschnittlich vorgetragen, daß Trendforscher die Suche nach dem Geheimnis dieses Erfolges eingestellt haben. Die Selbstauskunft der Kellys dazu klingt schön schlicht wie ihre Songs: »Ehrlicher Erfolg mit ehrlichem Entertainment«.

Vielleicht ist da sogar was dran. Denn was die Popfamilie derart furios vermarktet - nette Menschen singen nette Lieder, und wo man so singt, da laß dich ruhig nieder -, leben die Stars in der Wirklichkeit vor.

Über 20 Jahre ist es her, daß der Gymnasiallehrer Daniel Kelly, heute 64, zu Hause in Michigan/USA den Fernseher aus dem Fenster warf, weil er »Angst bekam vor dem american way of life«. Mit Frau und Kindern zog er aus, der europäischen Kultur hinterherzureisen. Seither trotzen die bekennenden Anachronisten Versuchungen wie Auswüchsen der Konsum- und Überfluß-Gesellschaft.

Fünfzehn Kinder wollte Mutter Barbara, nach dem zwölften starb sie an Krebs. Allen eine akademische Karriere zu finanzieren, hatte Vater Kelly nicht das Geld. Lesen und Schreiben brachte er ihnen selbst bei, außerdem lernte der Nachwuchs singen, tanzen und Instrumente spielen - eine Investition, die sich umgehend auszahlte: Für den Lebensunterhalt trug die Familie zwischen Amsterdam und Cordoba volkstümliches Liedgut vor, von »Old MacDonald« bis »Muß i denn zum Städtele hinaus«.

Besonders gut kamen die Straßenmusikanten beim deutschen Fußgänger an. Einfach herzig, dieser pausbackige Kinderchor. Da stehenbleiben hieß die Uhr anhalten, irgendwann zwischen Quäker- und Nachkriegszeit. Die Mädchen trugen selbst zum Skifahren knöchellange Wollröcke, die Jungen sahen in ihren Knickerbockerhosen aus wie Emil und die Detektive, Erich Kästners Lausbubenbande aus dem Jahr 1928.

Der notorische Frohsinn der Kellys und der simple Charme ihrer Spielfreude verhalfen den romantischen Eigenbrötlern schon in den siebziger Jahren zu einem einträglichen Plattenvertrag. Doch der querköpfige Patriarch zog ein Nomadenleben im Doppeldecker-Bus dem Trubel des Massenmusikgeschäfts vor.

Abermals acht Jahre tourten die Kellys um die Welt, Akkordeon, Flöte, Tambourin in den Händen, ein Lied auf den Lippen und den Lebensunterhalt im Hut. Seit 1988 leben und arbeiten neun Geschwister und der Rauschebartvater auf einem Hausboot im Kölner Rheinhafen. Die Familie hat das Unmögliche geschafft: sich vom kommerziellen Musikbetrieb fernzuhalten und dennoch ein Millionengeschäft zu machen.

Die Söhne und Töchter texten, komponieren, produzieren in eigener Regie. Vom Volkslied sind sie etwas abgerückt, nun tragen schnulzige Rockmelodien die Kelly-Botschaft zum Publikum.

»Rote Rosen wachsen in meinem Herzen«, singt einer, ein anderer wünscht sich, er »wäre ein Engel«, einer will »frei sein, mit der Seele in meinen Händen«. Denn darin sind sich alle neune einig: Das wichtigste an den Songs sei, so die musikalische Leiterin Kathy Kelly, 31, »daß sie Herz und Seele haben«.

Der große Zampano im Hintergrund ist nach wie vor Papa Kelly. Das ganze komplizierte Marionettenspiel eines multinationalen Pop-Konzerns, der nach den Idealen einer Aussteiger-Kommune lebt, hält der Clanchef in der Hand.

Der Alte, der nach einem Schlaganfall vom Schiff aus regiert, liefert mit seinem Familienidyll inmitten von Orientierungslosigkeit und allgemeinem Beziehungschaos eine Hoffnung, daß es doch anders geht. Die Kellys werden vergöttert, weil ihr meist jugendliches Publikum ihnen abnimmt, daß sie leben, wie sie musizieren - anspruchslos, aber mit sich selbst rundum zufrieden. Kein Wunder, daß Scharen von Zuhörern skandieren: »We want the Kellys.«

Ob das Stilleben von der glücklichen Großfamilie stimmt, ist vermutlich egal. Die Fans wollen, daß es stimmt. Zwei erwachsene Kinder sind ausgestiegen, ein behindertes lebt in den Vereinigten Staaten.

Käpt'n Kelly schirmt seine Kölner Arche gegen alles ab, was sie oder ihr Bilderbuchbild bedroht. Nur eine Bravo-Redakteurin darf aufs Schiff, Fotos macht seit Jahren derselbe Hoffotograf. Ein Stuttgarter Manager muß vor jeder Auskunft in Köln rückfragen.

»Alle Babies auf der Welt«, singt Barbie Kelly, 19, »lachen und spielen, warum machen wir es nicht alle einfach wie sie?« Ihr Vater hat darauf schon vor Jahren eine Antwort gehabt: »Sicher wäre es leichter«, sprach Dan Kelly, »wenn wir naiver wären.« Y

Anspruchslos, aber mit sich selbst rundum zufrieden

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