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ZEITGESCHICHTE Ganz aktuell

Nach über 50 Jahren wird jetzt Kurt Schumachers Doktorarbeit, in der er den Marxismus kritisierte, veröffentlicht. 1952 hatte sich die SPD der Drucklegung widersetzt.
aus DER SPIEGEL 25/1973

Kurt Schumacher hat keine Schriften hinterlassen.« Frau Annemarie Renger, die langjährige Sekretärin des am 20. August 1952 verstorbenen Wiederbegründers der SPD, machte diese Bemerkung aus Anlaß des 20. Todestages von Schumacher.

Drei Tage nach der Äußerung der heutigen Bundestagspräsidentin -- erschienen im SPD-Pressedienst vom 17. August 1972 -- schickte Friedrich Holtmeier, Professor an der Pädagogischen Hochschule Bonn, ein »Eingesandt« an den »General-Anzeiger für Bonn und Umgegend": Er sehe sich zu dem Hinweis gezwungen, daß Schumacher sehr wohl eine Schrift hinterlassen habe, nämlich seine 1920 bei Professor Johann Plenge vorgelegte und 1926 offiziell angenommene Doktorarbeit »Der Kampf um den Staatsgedanken in der deutschen Sozialdemokratie«. Freilich sei diese Arbeit nie als Ganzes abgedruckt worden.

Jetzt -- genauer: nächste Woche -- veröffentlicht der Kohlhammer-Verlag die Schumacher-Dissertation mit Genehmigung Frau Rengers, der Universalerbin Schumachers, und mit einem Vorwort des Herausgebers Holtmeier*.

Daß Schumachers Arbeit nicht unmittelbar nach der Vorlage bei Plenge gedruckt worden ist, kann Holtmeier mit »den bekannten Nachkriegsschwierigkeiten« der zwanziger Jahre erklären. Daß sie jedoch auch noch nach

Kurt Schumacher: Der Kampf um den Staatsgedanken in der deutschen Sozialdemokratie« Herausgegehen von Friedrich Holtmeier. Verlag W. Kohlhammer. Stuttgart; 144 Seiten; 8 Mark.

1945, also nach Schumachers Aufstieg zum unbestrittenen Mentor der Sozialdemokratie, ungedruckt blieb, hat Holtmeier nicht völlig klären können. Auf jeden Fall bleibt rätselhaft, daß die Arbeit des Parteiführers fast völlig in Vergessenheit geraten konnte, zumal es keineswegs an Bemühungen gefehlt hatte, sie publik zu machen.

Nach Holtmeiers Ermittlungen beabsichtigte 1952/53 der Frankfurter Bollwerk-Verlag. die Dissertation des damals gerade verstorbenen Schumacher zu drucken. Der Plan scheiterte jedoch an einem Einspruch des Parteivorstandes (PV) der SPD. Der PV habe sich, berichtet Holtmeier, dabei auf »die Erben« Schumachers berufen und außerdem angeführt. Schumacher selbst sei gegen den Druck gewesen.

Holtmeier zieht allerdings diese Erklärung für den PV-Einspruch in Zweifel und beruft sich dabei auf Schumachers Doktorvater Plenge. Plenge vermutete, so berichtet Holtmeier, daß der PV an dem politischen Gehalt der Dissertation Anstoß genommen habe, weil Schumacher darin »über das notwendige Hinausgehen über den Marxismus mehr gesagt habe, als der Partei lieb war«.

Ob Plenges Verdacht richtig war, ist zu bezweifeln. Die Drucklegung der damals schon über 30 Jahre alten Schumacher-Dissertation hätte für die Ollenhauer-SPD des Jahres 1952 wohl wenig Zündstoff geboten. Richtig hingegen ist, daß der Doktorand Schumacher eher ein Anhänger Ferdinand Lassalles und der klassischen deutschen Philosophie war als ein Parteigänger von Karl Marx und daß diese Parteinahme in der Dissertation deutlich zum Ausdruck kam.

Schon in der Einleitung zu seiner Doktorarbeit bekannte sich Schumacher klar zum Staatsgedanken Ferdinand Lassalles: »Der Staat hat Herrschergewalt. Herrschen heißt aber, die Fähigkeit haben, seinen Willen anderen Willen unbedingt zur Erfüllung auferlegen.«

Mit dieser Formulierung setzte sich Schumacher entschieden vom. Liberalismus seiner Zeit, vom Anarchismus, aber auch von jenem Marxismus ab, der, wie Lenin, »so wenig Staat wie möglich« wünschte.

Bei Marx, so bedauerte Schumacher, fehle »eine Staats- und Rechtslehre fast gänzlich«. Er habe keine praktische Vorstellung von der »Zukunftsgesellschaft« gehabt, und so sei diese zu einem »Mischmasch« geworden, »in das jeder in gewissen Grenzen hineininterpretieren konnte, was ihm gefiel«. Diese Situation aber habe dazu geführt, daß die SPD keine »Staatstheorie« hervorbringen konnte, obwohl sie eine sozialistische Staatspraxis entwickelt habe. Tatsächlich sei die SPD die einzige echte deutsche »Staatspartei« geworden

*Als Reichsbannerführer 1925.

-- einfach deswegen, weil die Interessen der Arbeiter nur vermittels des Staates durchzusetzen sind.

Schumacher leugnete nicht das Verdienst Marxens als »Führer beim Sturm« und als Sprecher eines »individualistischen Emanzipationsideals«, nannte aber -- mit offenkundiger Sympathie -- Lassalle den »Organisator beim Aufbau«.

Marx und Lassalle seien, meinte Schumacher, die »Erzeuger der Haupttypen aller sozialistischen Politiker geworden«, nämlich des »Literaten« und des »Organisators«.

Im »Literaten« sah Schumacher den Vertreter der »demokratischen« -- nach heutigen Begriffen wohl eher: der »demokratisierenden« Richtung innerhalb der Sozialdemokratie. Dagegen verstand er den »Organisator« als den praktischen Verwirklicher sozialistischer Staatspolitik.

Schumacher stand nicht an zu erklären, daß diese beiden »Haupttypen« -- der »Literat« und der »Organisator« -- »in kaum verhüllter Feindschaft auch heute noch im Lager aller sozialistischen Parteien sich gegenüberstehen«

Daß diese feindselige Gegenüberstellung von »Literat« und »Organisator« auch heute noch für die SPD gilt und daß es dabei nach wie vor um die Alternative von »Demokratie« oder (Staats-) »Sozialismus« geht, hat Herbert Wehner bezeugt. In einem Geleitwort zu der Schumacher- Dissertation bekennt er: »Das Ringen um ihr (der Sozialdemokratie) demokratisches und sozialistisches Selbstverständnis ist wieder in ein Stadium getreten, in dem es auf das »Kräfteverhältnis« ankommt -- um mit Schumacher zu denken.« In dieser Beziehung sei »der alte Kurt Schumacher ganz »aktuell'«.

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