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KÖRPERPFLEGE Ganz entspannt

Wohin über Mittag, ins »Jasmin« oder ins »Suji-Wong«? Massage-Salons in München, Frankfurt, Köln oder Berlin bieten neuerdings speziellen Service -- mit Lust und Liebe am »Detail«.
aus DER SPIEGEL 21/1971

»Ein internationales Team«, so verheißt die Annonce, »erfüllt Ihnen die geheimsten Träume.« Ein »Paradies« versprechen andere Anzeigen -- »zauberhafte junge Damen verwöhnen Sie«.

Für »moderne Massage-Salons« werben die reißerischen Inserate, die in jüngster Zeit tagtäglich in den Spalten westdeutscher Gazetten erscheinen: In Springers West-Berliner »BZ«. in der »Frankfurter Rundschau« oder in der »Münchner Abendzeitung« preisen Kleinanzeigen die Vorzüge der neuartigen Etablissements, die »Sauna« und »Hausbar«, »Gratisdrinks«. »Selbstwahl der Bedienung« und »individuelle Massagen« anbieten.

Mehr als 120 Massage-Salons werben mittlerweile in der Bundesrepublik -- rund 40 allein in West-Berlin, die übrigen in München. Frankfurt, Hamburg, Köln und Düsseldorf. Sie gewähren ihren Kunden »unbegrenzten Aufenthalt« in der Obhut von »Hot-Pants-Girls« oder »exotischen Damen aus Asien, Afrika und Südamerika«.

Die Damen mit Namen wie Rita, Uta, Claudia oder Gaby verstehen sich freilich kaum auf fachkundige Handgriffe zu Heilzwecken und auf den Umgang mit Franzbranntwein und Massageöl. Bei der Behandlung ihrer Klienten sind sie eher darauf bedacht, »dem kleinsten Detail größte Aufmerksamkeit« zu widmen, so der Werbetext für das »Cabinet Royal« in West-Berlin.

Auf geräumigen französischen Liegen, bei Saftdrinks und gedämpftem Licht bedienen die detailkundigen Masseusen ihre Besucher mit »Voll-», »Wunsch-» oder »Entspannungsmassagen« -- und sie erweisen den Bedürftigen damit einen Liebesdienst« den sie anderwärts nur noch widerwillig suchen: Denn zunehmend scheuen Freier das Anbandeln in der Öffentlichkeit, etwa auf dem Straßenstrich oder dem Kontakthof des Eros-Centers. Statt professioneller Prostituierter bevorzugen sie überdies immer häufiger junge, unverbrauchte Liebedienerinnen, die ihnen zumindest die Illusion vermitteln können, als seien sie mit Lust bei der Sache.

Den derart gestiegenen Ansprüchen kommen die Massage-Salons entgegen. Zum Preis von 20 bis 100 Mark sind die meist jungen, der Routine noch nicht erlegenen Salon-Damen ihren Gästen nach Wunsch gefällig -- nicht nur auf harten Knet-Bänken: »Ganzmassage 20 Mark«, so inseriert ein Institut in Hannover, »Extras gehen separat.« Die Extras bringen den Damen -- je nach Leistung und Renommee des Etablissements -- 800 bis 3000 Mark im Monat.

Der Erfolg bestätigt, daß die Eros-Masseusen auf dem richtigen Weg sind. Schon offerieren Taschenbücher wie das Bordell-Brevier »Der Strich« aus dem Dülk-Verlag in Berlin oder Versandhandlungen wie Ibejohn in Hamburg Adressenlisten von Massage-Salons -- »mit Angaben aller Details«. Und die Salons suchen unter »Stellenangeboten« dringend »junge Masseusen, auch Anfängerinnen oder Ausländerinnen«. Bei der Personalbeschaffung helfen manchmal sogar die Behörden -- so vermittelte das Arbeitsamt in Hannover eine stellungssuchende 19jährige Kosmetikerin an einen Massage-Salon in West-Berlin.

Allerdings, bedroht sehen sich die Salon-Besitzer vom immer noch gültigen Kuppelei-Paragraphen 180 StGB aus dem Jahre 1871. Sie inserieren deshalb meist vorsichtig unter dem Rubrum »Gesundheit«, »Kosmetik« oder »Verschiedenes« -- gelegentlich auch unter »Fußpflege«, »Schreibbüro« und »Fremdsprachen«.

Doch seit im Zuge der Strafrechtsreformen der Kuppelei-Paragraph ins Wanken geraten ist, zeigen die Behörden nur noch wenig Neigung« gegen die Lust-Läden vorzugehen -- zumal sich die Massage-Institute in einem nahezu gesetzesfreien Raum angesiedelt haben: Dank der Gewerbefreiheit ist es jedermann gestattet. derartige Etablissements zu eröffnenFür die Wirtschaftsbehörden besteht kein Anlaß. gegen die Salons einzuschreiten -- Massagen sind als Heilhilfe aus der Gewerbeordnung ausgenommen und den Gesundheitsbehörden unterstellt. Die Gesundheitsämter aber überwachen ausschließlich staatlich geprüfte Masseure. »Massieren« jedoch »kann, wer will«, erläutert der West-Berliner Senator für Gesundheit und Umweltschutz, nur »Masseur« nennen dürfe sich nicht jeder, weil diese Berufsbezeichnung geschützt sei.

Bleiben einzig die Beamten der Sittenpolizei, die immer noch Kuppelei verfolgen. Doch sie dürfen nicht von sich aus die Initiative ergreifen: »Wir müssen auf Anzeigen oder Zwischenfälle warten«, so erklärt ein West-Berliner Kriminalkommissar.

Anzeigen gibt es mitunter -- etwa von einfältigen Salon-Besuchern, die in den Instituten vergebens eine medizinische Massage erwartet hatten. Und auch Zwischenfälle werden gemeldet, so etwa im letzten Monat in West-Berlin, als ein 72jähriger Kunde während der Behandlung vom Herztod ereilt wurde.

Dann gerät der Behördenapparat in Bewegung: Die Salon-Besitzer können wegen Kuppelei mit Geldstrafen (zwischen 300 und 1200 Mark) und vom Finanzamt mit Steuernachzahlungen belegt werden -- Schätzungen der Steuerfahnder erreichten gelegentlich Summen von mehr als 50 000 Mark.

So bleibt für alle Beteiligten ein Risiko, auch für den Kunden; denn es kann durchaus geschehen, daß dem Besucher in einem der Knet-Betriebe eine fachgerechte Massage verabfolgt wird -- und sonst gar nichts.

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