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LOU ANDREAS-SALOMÉ Ganz ich selbst

aus DER SPIEGEL 12/1965

Der Philosoph Friedrich Nietzsche dankte ihr »den entzückendsten Traum meines Lebens«. Der Dichter René Maria Rilke nannte sich ihretwegen Rainer und sie seine »Kaiserin«. Der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, schenkte ihr einen der fünf Ringe, die er für seine besten Freunde hatte anfertigen lassen. Den Orientologen Friedrich Carl Andreas heiratete sie erst, nachdem er sich ein Taschenmesser in die Brust gestoßen hatte.

Die Freundschaften mit Nietzsche, Rilke und Freud haben ihren Namen längst - und dauerhafter als die zwei Dutzend Bücher, die sie schrieb - in die Geistesgeschichte eingetragen. Doch die erste umfassende Darstellung ihrer Person ist erst jetzt in Deutschland erschienen: »Lou - Das Leben der Lou Andreas-Salomé"*.

Daß es vor allem ein Buch vom Lieben der Lou Andreas-Salomé geworden ist, liegt nicht nur an der Heldin, sondern auch am Autor Hans F. Peters, einem amerikanischen Literaturprofessor von deutscher Herkunft und geblümtem Stil.

War Rilke, so fragt dieser Biograph, »wirklich der erste Mann in ihrem

(Lous) Leben?« Er bedauert: »Es fällt schwer, das entscheidende Ereignis biographisch zu fixieren, denn Lou selbst zieht einen Schleier darüber.« Er deutet: »Gleich den großen Hetären des Altertums wußte sie, daß zur Liebe viel mehr gehört als der bloße physische Akt, daß das Wichtigste immer die seelische Verbindung ist.« Und er resümiert: »Sie liebte unter totalem Einsatz ihrer Persönlichkeit.«

Erster Verehrer der 1861 in St. Petersburg geborenen Tochter des russischen Generals Gustav von Salomé war ein aus Holland stammender protestantischer Pfarrer. Er unterrichtete die ihm in religiöser und intellektueller Erregung zuneigende 17jährige Louise auf seinen Knien und nannte sie Lou. Als er ihr einen Heiratsantrag machte, floh Lou nach Zürich.

Es war der Beginn ihrer denkwürdigen Emanzipation. Von Zürich aus, wo sie Theologie, Philosophie- und Kunstgeschichte studierte, machte die hochbegabte und freiheitswillige, ebenso gefühls- wie charakterstarke Russin ihren Weg durch die Welt des Geistes und der Männer des Geistes.

Sie schrieb Bücher über »Henrik Ibsens Frauengestalten«, »Friedrich Nietzsche in seinen Werken« und die »Erotik«; sie schrieb für Zeitschriften über den »Realismus in der Religion«, »Grundformen der Kunst«, und »Psychosexualität«. Sie beeindruckte Richard Wagner, Gerhart Hauptmann, August Strindberg, Martin Buber, Boris Pasternak, Viktor von Weizsäcker und den Grafen Keyserling.

Ihre Schriften und ihre Lebensführrung trugen ihr bald den nicht nur schlechten Ruf einer femme fatale von Format ein. Biograph Peters: »Europas geistige Elite, entschlossen, das Bürgertum durch die Darstellung ungeschminkten Lebens und durch ihr Eintreten für soziale Gerechtigkeit und ihren Kampf gegen Moraltabus herauszufordern, begrüßte Lou als Mitstreiterin.«

Dabei wurde Lou, laut Peters, in einem Punkt durchaus verkannt: Auch als Frau von dreißig Jahren hatte sie (mit Peters Worten) »noch keinem angehört«; sie war »jung und anziehend, eine offensichtlich leidenschaftliche Frau, nicht gehemmt durch moralische Skrupel und doch völlig unerreichbar...; man gewinnt den Eindruck, als habe sie das Körperliche im Geistigen vorweggenommen«.

Als 21jährige enttäuschte sie den 37jährigen Friedrich Nietzsche; der sich von einigen Ferienwochen mit Lou im thüringischen Tautenburg mehr als geistigen Austausch erhofft hatte. Lou, »das intelligenteste aller Weiber« (Nietzsche), wies den Heiratsantrag des Philosophen ab und wollte nur seine »Schwester« sein. »Alle fünf Tage«, schrieb Nietzsche aus Tautenburg an einen Freund, »haben wir eine kleine Tragödienszene.«

Lou-Biograph Peters: »Die sinnliche Begierde mag ungebetener Gast bei diesem Idyll gewesen sein.« Peters läßt offen, ob etwa »masochistische Neigungen Lous Liebesleben störten«.

Zu Nietzsches fataler Schwester Elisabeth, ihrer Erzfeindin - sie drohte, die Russin aus Deutschland ausweisen zu lassen -, sagte Lou später: »Denke

nur nicht, daß ich mir etwas aus deinem Bruder mache oder in ihn verliebt bin, ich könnte mit ihm in einer Kammer zusammen schlafen ohne verführerische Gedanken.

Abgewiesen wurde auch Nietzsches Freund Paul Rée, mit dem Lou eine Zeitlang Wohnung und Gedanken geteilt hatte: Er stürzte später in den Alpen zu Tode; Lou vermutete einen Selbstmord. Abgewiesen wurde der Dramatiker Frank Wedekind ("Lulu"), dem Lou in Paris nachts auf sein Zimmer gefolgt war - nur zu einem guten Gespräch.

Und frustriert wurde auch der Professor Andreas, den Lou Salomé 1887 nach seinem Selbstmordversuch geehelicht hatte: 43 Jahre, bis zu seinem Tode 1930, war er mit ihr verheiratet, aber, so Peters, »alle seine Versuche, die Ehe wirklich zu vollziehen, scheiterten an ihrem trotzigen Nein« - vielleicht, wie Peters vermutet aus einem Vaterkomplex gegenüber dem 15 Jahre älteren Mann.

Erhört aber wurde - 1897 im oberbayrischen Wolfratshausen - der 14 Jahre jüngere Rilke, dessen Liebe zu Lou die literaturgeschichtlich folgenreichste und korrespondenzträchtigste aller Lou-Lieben war. Rilke: »Mein Herz brennt vor Deiner Gnade wie die Ewige Lampe vor dem Marienbild.« Lous Ehemann nahm die Romanze von Wolfratshausen nicht zur Kenntnis, und er nahm auch hin, daß Rilke sich dem Ehepaar in Berlin zugesellte. Peters: »Während Andreas in seinem Arbeitszimmer seinen Studien nachging, half Rilke Lou bei der Hausarbeit; spaltete Holz, wusch mit auf und sah ihr zu, wie sie seine russischen Lieblingsgerichte, Grütze und Borschtsch, zubereitete.«

1899 nahm die Russin den Dichter auf eine Reise in ihr Vaterland mit, an ihrer Hand entdeckte und feierte Rilke Rußland. Lou wurde dabei jung: »Erst jetzt darf ich sein, was Andere mit 18 Jahren werden: ganz ich selbst.«

Daß Rilke aber »wirklich der erste« war, möchte der Bio- und Sexograph Peters trotz der von Lou in ihrem

»Lebensrückblick"** gegebenen Selbstdarstellung in Zweifel ziehen: Falls es nicht schon der russische Arzt Dr. Saweli war - mit dem Lou einige Wochen auf einer Alm bei Zürich verbrachte so war es, nach Peters, »viel wahrscheinlicher« der Wiener Arzt Dr. Friedrich Pineles. Lou betrachtete ihn mehrere Jahre lang als ihren »inoffiziellen Gatten«; sein Kind verlor sie vor der Geburt.

Pineles (sieben Jahre jünger als Lou) war ein Hörer des Professors Sigmund Freud wie auch ein anderer Lou-Liebhaber, der Schwede Poul Bjerre (15 Jahre jünger), der später das Wort prägte: »Lou knüpft eine leidenschaftliche Beziehung zu einem Mann an, und neun Monate später bringt der Mann ein Buch zur Welt.«

»Immer wieder«, schreibt Peters, »knüpfte sie solche Beziehungen an, und immer wieder mußte sie entdecken, daß ihre Liebespartner danach verlangten, einem Zustand Dauer zu verleihen, der ihr von Natur aus vorübergehend erschien wie Ebbe und Flut.« Von dem alten Schweden Bjerre erfuhr Peters: »Ihre Umarmung war hinreißend; elementar, archaisch.«

Durch Bjerre lernte die 50jährige Frau Andreas 1911 den Vater der Psychoanalyse kennen. Freud bewunderte ihre geistigen Fähigkeiten; ihr gefiel, auch der Freud-Jünger Victor Tausk (16 Jahre jünger). Er beging später Selbstmord.

Die Psychoanalyse wurde für Lou Andreas-Salomé zum Hauptinhalt ihrer letzten Lebensjahre. Sie schrieb für Fachzeitschriften über »Narzißmus als Doppelrichtung« und »Was daraus folgt, daß man nicht die Frau geworden ist, die den Vater totgeschlagen hat«. 1931 veröffentlichte sie ihren »Dank an Freud«.

In Göttingen, wo sie seit 1903 am Hainberg wohnte und manchen Bürgern als »Hexe vom Hainberg« erschien, war sie schließlich auch praktisch -

psychoanalytisch tätig. Peters schildert ihre Altersbeschäftigung: »Still in ihrem Stuhl sitzend, lauschte sie den Geschichten, die ihre Patienten erzählten.«

Als die fast 76jährige Witwe 1937 starb, besetzte die Gestapo das Haus am Hainberg, weil in ihm die »jüdische Wissenschaft« praktiziert worden sei, und beschlagnahmte Lous Bibliothek. Ihr letzter Wunsch, man möge ihre Asche in ihrem Garten verstreuen, durfte nicht erfüllt werden; die Urne wurde im Grab ihres Ehemannes beigesetzt.

Ihren literarischen Nachlaß - Manuskripte veröffentlichter und ungedruckter Werke, Tagebücher und Briefe - hatte die alte Dame schon zwei Jahre vor ihrem Tod einem ihrer letzten Freunde, Ernst Pfeiffer, geschenkt, der die Handschriften auch heute noch mit Ehrfurcht und Strenge bewacht.

Diesen Pfeiffer, der bisher drei Bücher aus Lous Nachlaß herausgab und der Meinung ist, interessanter als Lous »sogenanntes Liebesleben« sei ihr »Erleben der Liebe«, suchte der US -Germanist Peters 1958 in Göttingen auf. Nachlaß-Hüter Pfeiffer war über das Peters-Projekt nicht sonderlich erfreut. »Nur zögernd«, berichtet der Biograph im Vorwort, »gewährte er mir Einblick.« Pfeiffer spricht heute vom »Enthüllungsfuror« des Amerikaners.

Im Nachwort zur deutschen Ausgabe seines Lou-Buches - das amerikanische Original erschien 1962 - deutet Peters noch andere Schwierigkeiten an. Die deutsche Fassung, schreibt er, weiche von der amerikanischen »in manchem« ab und sei auch »vertieft« worden; zu solcher Vertiefung habe er sich aber »nur langsam durchringen können«, da er »nicht jene (europäische) Mentalität unterstützen wollte, die auf das Amerikanische als etwas ... weniger Tiefes herabblickt«.

Für Deutschland gestrichen wurde beispielsweise der Peters-Satz, Lou sei »a sort of sexless Messalina« gewesen. Für Deutschland hinzugefügt: »Wieviel ich ... Pfeiffers vorzüglichen Kommentaren verdanke, zeigt der Anhang.«

* H. F. Peters: »Lou - Das Leben der Lou Ändreas-Salomé«. Kindler Verlag, München; 332 Seiten; 19,80 Mark.

** Lou Andreas-Salomés autobiographiseher »Lebensrückblick« erschien postum 1951 im Insel-Verlag.

Schriftstellerin Lou Salomé

Zustände wie Ebbe und Flut

Lou-Liebhaber Rilke*

Gnade und Grütze

Lou-Verehrer Nietzsche*

Schwester gegen »Schwester«

Lou-Bewunderer Freud*

Analysen im Alter

* SPIEGEL-Titel 13/1956 (o.), 5/1958 (l.).

* SPIEGEL-Titel 51/1959.

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