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UNTERHALTUNG / BEE GEES Ganz in Gold

aus DER SPIEGEL 8/1968

Wer geglaubt hat, der Beatles-Erfolg sei unwiederholbar«, triumphierte der britische Musik-Manager Robert Stigwood, »der ist nun widerlegt.«

Er ist es zumindest im Augenblick. Denn die singenden Beat-Brüder Barry, 21, Maurice, 18. und Robin Gibb, 18, die sich mit dem Schlagzeuger Colin Peterson und dem Gitarristen Vince Melouney zum Yeah-yeah-Quintett »Bee Gees« zusammengerottet haben, werden derzeit »ganz in Gold« aufgewogen (Stigwood).

Für 2,2 Millionen verkaufte Schallplatten ihres Bestsellers »Massachusetts« nahm die australische Band kürzlich im Londoner Nachtlokal »Casanova«, das bei dieser Gelegenheit nach einem Bee-Gees-Schlager in »Cucumber Club« umbenannt wurde, eine Goldene Schallplatte entgegen. Im Anschluß schnellten die Fünf im Privat-Jet nach Hannover, wo sie abermals für den »Massachusetts«-Hit (ein Viertel des Umsatzes entfiel auf die Bundesrepublik) geehrt wurden: Die Deutsche Grammophon Gesellschaft unterbrach einen internationalen Kongreß und ließ ihren Vertragspartnern goldene Plaketten ans Revers heften. Nicht genug: In der Essener Gruga-Halle steht ein Goldener Löwe abholbereit, den das Schlager-Radio Luxemburg den »bemerkenswertesten neuen Musik-Talenten des Jahres 1967« gestiftet hat.

Doch die hochtalentierten Bubikopf-Artisten aus der weitverzweigten Familie der Beatniks drängt es nicht nach Gold allein. Barry Gibb, der Band-Vorstand, gibt an: »Mehr als alle Ehrungen interessiert uns das Bargeld.« So ist nicht verwunderlich, daß die Bee Gees, ein Jahr nach ihrem Start ins internationale Show-Business, nur noch für die Beatles-Abendgage von 100 000 Mark gewonnen werden können. Allein die erste Amerika-Tournee, die sie kürzlich absolvierten, brachte ihnen rund vier Millionen Mark ein; von ihrem ersten Deutschland-Gastspiel, das am 27. Februar in Hamburg beginnt, erhoffen sie sich weitere zweieinhalb Millionen Mark Heul-Prof lt.

Das viele Geld wird vorwiegend von minderjährigen Jugendlichen auf gebracht, die dem neuesten Klang-Abenteuer der Beatles ("Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band"), diesen geisterhaften Sphärentönen, indischen Raga-Weisen, Tonband-Tricks und Nonsense-Monologen, nicht mehr zu folgen vermögen. Für sie, die nicht in die Hohe Schule der Unterhaltungskunst gehen wollen, komponieren und musizieren die Bee Gees wieder eingängige Melodien und einen regelmäßig durchgeschlagenen Beat ohne metrische Komplikationen. Die Teen- und Twen-Massen danken es ihnen mit Trance und seligem Gekreische -- wie einst den Beatles der frühen Jahre.

Dem Beatles-Stil der »Revolver«-Periode des Jahres 1964 sind denn auch nicht wenige Bee-Gees-Schlager nachgemacht, beispielsweise die Titel »In My Own Time« oder »To Love Somebody«. Selbst das bislang anspruchsvollste Produkt der Australier, die Ballade von einem Grubenunglück ("New York Mining Desaster 1941"), die das Londoner Musikblatt »Melody Maker« als »Top Class Pop Music« lobte, folgt in Klang und Struktur dem Modell der Beatles-Stücke »I Don't Want to Spoil The Party« und »Eleanor Rigby«.

Den Vergleich mit ihren Vorbildern hören die erfolgreichen Epigonen freilich nicht gern. »Wir haben schon Yeah yeah gebrüllt und Platten produziert«, tönt Barry Gibb, nach dessen Initialen die Gruppe benannt ist, »als die Beatles noch nicht mal ein Studio von innen gesehen hatten.«

Tatsächlich beglückten die Bee Gees schon 1960 -- damaliges Durchschnittsalter: zwölf Jahre -- hysterische Fans mit einer Reihe von 30-Minuten-Shows im australischen Fernsehen. Mit selbstverfaßten Schlagern wie »Three Kisses of Love«, »Wine and Women« »Spicks and Specks« placierten sie sich 1963 an der Spitze der australischen Bestsellerliste; 1966 avancierten sie zu »Australiens bester Pop-Gruppe«.

Doch »die Welt« (so der Titel eines Bee-Gees-Songs) war vom Heimatort Sydney aus nicht zu erobern. Deshalb reisten die Sängerknaben im Februar 1967 nach Großbritannien, von wo sie neun Jahre zuvor mit ihren Eltern ausgewandert waren. Die in England recht schwierige Wiedereinbürgerung wurde ihnen jedoch erst nach Fans-Demonstrationen vor dem Buckingham-Palast gewährt. Für die Repatriierung der Bee Gees, mittlerweile von der Londoner Manager-Firma »Nems Enterprises« unter Vertrag genommen, war jedoch auch der »Massachusetts«-Hit förderlich: Er trug zum Ansteigen des britischen Bruttosozialprodukts bei -- die Bee Gees hatten, wie das Innenministerium verfügte, fortan als »soziales und nationales Aktivum« zu gelten.

Die Heimkehr, zugleich Beginn der internationalen Karriere, feierten die Bee Gees mit einem Gottesdienst in Liverpool, der Heimat der Beat-Musik. In der Kathedrale stimmten sie mit Genehmigung des Dekans ein dem Gregorianischen Choral nachgearbeitetes Lied an: »Every Christian Lion Hearted Man Will Show You« (etwa: Jeder christliche Mann mit Löwenherz wird's dir zeigen). Und noch ehe der letzte Ton verklungen war, brach in der heiligen Halle Tumult aus. Die jugendlichen Gläubigen gerieten in Ekstase, tanzten und lobten den Herrn. Mit derlei Seelenentlüftungen, sagt Manager Stigwood, »haben die Bee Gees dem Popgeschäft etwas Entscheidendes zurückgewonnen: den Rummel und die Kreischlust«.

Die deutsche Polizei, so scheint es, wird während der Bee-Gees-Tournee dem SDS nicht mehr die volle Kraft widmen können.

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