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Ganz normales Grauen

aus DER SPIEGEL 51/1990

Ein mittelamerikanisches Land; zwei Schwestern als Puffmütter, die eine Bordellkette aufziehen; Leichen von Prostituierten, im Innenhof eines Bordells verscharrt; eine Handvoll korrupter Militärs und Provinzpolitiker: Ein solcher Stoff fordert exotische Fabulierkünste geradezu heraus. Genau das Gegenteil aber praktiziert der mexikanische Schriftsteller Jorge Ibargüengoitia (1928 bis 1983). Der Autor scheint seine Geschichte aus äußerster Distanz zu erzählen und verbietet sich jeden Einblick ins Innenleben seiner Figuren. Selbst exzessive Verbrechen wirken da wie Bestandteile eines gleichmütig hingenommenen Alltags.

Nachdem in Nordmexiko unerwartet die Prostitution verboten wird, versucht die Bordellbesatzung in einem von der Polizei versiegelten Haus insgeheim die neue Illegalität zu überleben. Im Inneren entwickelt sich eine Art Straflagermentalität aus Gehorsam und naivem Sadismus, die zu brutalen Folterungen und Morden führt. Aber nicht das Bizarre am Bösen, sondern seine Banalität, die völlige Gleichgültigkeit ihm gegenüber, rücken in den Mittelpunkt.

Paradoxerweise endet die Geschichte mit einem Mordversuch aus verschmähter Liebe: Die Bordellchefin Serafina will einen ehemaligen Liebhaber umbringen und wird dabei erkannt. »Ist es denn meine Schuld, daß ich von Natur aus leidenschaftlich bin?« klagt sie nach der Tat und bringt auf den Begriff, was diesen Roman manchmal so atemverschlagend kalt macht: daß seine Figuren noch ihre persönlichsten Leidenschaften als einen von außen auferlegten Zwang empfinden, den sie ohne Schuldgefühl exekutieren.

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