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AUTOREN »Ganz schwüle Sachen«

Aus einem unbekannten Brief von Albert Vigoleis Thelen
aus DER SPIEGEL 40/2003

La Colline, 22. 3. 1967

Wir waren, also, wieder eine Woche Gast beim Generalkonsul Botschafter Dr. von Keller in Genf, d. h., er lebt auf der anderen Seite vom See, seine Frau, baltischer Uradel, vertrieben, hat sich ihr Brot als Buchhändlerin verdient, so daß sie sich auskennt. Sie stellen, wie Sie, das andere Deutschland dar, schütteln über Kiesinger den Kopf, doch nehmen sie ihn hin, wie die ganze Welt ihn akzeptiert und [Klaus] Harpprecht im »Monat« jetzt sogar sich bemüßigt sieht, eine mehr als peinliche Apologie über den Mann zu schreiben, der doch eigentlich den Rest seiner Tage mit einer Kugel am Bein im Ergastulum [Zuchthaus] verbringen müßte. In einem Aufwaschen wird auch dem 3. Reich der Segen erteilt ...

Doch zu Walser. Des Tages zuvor war die Iphigenie-Aufführung in Genf, Schiller-Theater Berlin. Nachher großer Empfang mit den feinsten Leuten, doch fehlte diesmal die uralte Fürstin zu Hohenlohe-Schillingsfürst mit ihrem prinzlichen Sohn Franz, der als Homosexueller der Liebling aller Frauen Genfs ist, während der Mutter Busen, fast bis zum Nabel entblößt, die schauerlichsten Verwerfungen zeigt, wie ein Karstgebirge, denn sie hat nicht mehr die Geschmeide, die Falten schimmernd auszulegen - eine kleine Kette, aber was ist das schon bei einem halben Quadratmeter gewesenem Fürstenfleisch. Und da lernte ich dann auch den Ordinarius für Dt. Lit. kennen, der mir sagte, Walser lese am anderen Tag ...

Walser las im Athenäum, in einem Saal, der 100 Jahre alt ist und sich viel hat anhören müssen ... Als Walser mit seinem Buch den Gang hinunterschritt und mich erblickte, wurde er lebhaft, wir umarmten uns vor dem Publikum und sagten dies und das, dann: Und bei Olms, Walser, haben Sie sogar scharf geschossen. Er: Und einmal getroffen.

Alles horchte auf. Ein dt. Dichter liest, aber ehe er ans Pult tritt, wird von scharfen Schüssen geredet - man tuschelte, na, die Deutschen, ohne Schießen gehts bei denen nicht.

Auf der Bühne ein großer Tisch mit einer roten Plüschdecke, Bordellcharakter, mit kalvinistisch strengen Falten. Auf dem Tisch ein niedriges Pult, ... darüber eine längliche, abgeschirmte Lampe, eine Flasche, noch unter Verschluß, ein Glas darüber gestülpt ...

Walser war nett angezogen, kurzes Strupphaar, grauer als zur Zeit, wo er mich in der Gruppe 47 (1953) vor dem Präses und Literaturkümmerer H[ans] W[erner] Richter in Schutz nahm. Er las im Stehen, ... ohne von dem Pültchen Gebrauch machen zu können, das war zu niedrig, auch die Lampe war zu tief. Mit der Rechten tastete er umher, und jedesmal, wenn er mit den Fingerspitzen das Glas berührte, zuckte die Hand zurück wie die Fühler einer Schnecke, die sich zurückziehen, dann langsam wieder nach vorne tasten, indes vor dem Hindernis halt machen. Zweimal fällt eine Schnecke nicht auf ein Hemmnis herein. Walser könnte sich als Schnecke oder Ameise nicht lange am Leben halten, eine volle Stunde kreiste seine Hand um die Flasche, oft wirkte er wie ein Zauberkünstler. Doch da er mit dem zauberte, was er geschrieben hat, und auch keine trockene Kehle bekommt, ja nicht mal Atem zu schöpfen braucht, blieb die Flasche heil.

Was er gelesen hat, werden Sie wissen, ganz schwüle Sachen. Bettgier triefender Frauen, Mannesnot unter Wasser, über Wasser, forkelnde Brunst; aber dann sind es Schwule, die einem den Atem berauben, während er dem Dichter selber nicht ausgeht. Scharf hält er das Publikum im Auge und blättert mit Hilfe von eingelegten Zetteln um ... - es kommen dann wieder, statt wirklich guter Meditationen, die aufregenden, gepeitschten, wie Schalanken im Galopp flatternden Sexualnöte seiner Figuren, mit großer Wortkunst gestaltet; für die biederen Genfer dann doch wieder zuviel ... Da Walser, indessen, immer die richtigen Register zog, gingen die Hörer mit, er hatte einen sehr großen Erfolg. Als er das Buch zuklappte, ging er, unbekümmert um das Klatschen, zum Saale hinaus, frisch wie er gekommen; er hätte gleich in einem anderen Lokal wieder auftreten können ...

Ich horchte herum, Damen tuschelten: Ob er selber wohl homo sei, und ob er selber alle diese erotischen Abenteuer hinter sich habe ... Zwei Studenten hatten es wieder mit dem PG [Parteigenossen] Kiesinger, sie drängten sich vor, der eine sagte, na, wir fragen den Dichter einfach um seine Meinung, worauf der andere flüsternd entgegnete: Il faut faire attention [Aufgepasst!], der da gerade mit Walser spricht, ist der dt. Ambassadeur, und der andere, so höre ich, ist auch ein dt. Schriftsteller, gehen wir lieber an die Bar. - Das taten die Jungens, doch als Walser einer jungen Dame etwas Heikles erklären mußte, redete mich ein anderer junger Herr an, Student wohl auch er ... Ob ich die letzten Gedichte von Graß gelesen hätte ... mit solchen Versen könne er nichts anfangen, das sei Nonsens. Ich: Nonsens sei keine lit. Kategorie, es handele sich vielmehr bei den betr. Gedichten um Eieruhrgedichte. - Er: Was das denn sei ... Ich: Das ist eine Begriffsbestimmung von mir, noch wenig bekannt. Ich schriebe selbst solcher Art Gedichte, mit der Eieruhr: Wenn der Sand durchgelaufen sei, müsse das Poëm druckreif auf dem Papier stehen, ich hätte eine kranke Frau, der zur Belustigung verfasse ich derartige Sachen ...

Ein Komet

am Star-Himmel der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts ist Albert Vigoleis Thelen (1903 bis 1989): Mit seinem überbordend fabulierfreudigen Exilroman »Die Insel des zweiten Gesichts« platzte der Niederrheiner 1953 als Groß-Satiriker ins öde Nachkriegsmilieu; seither erlebt der weise Einzelgänger immer neue Lese-Renaissancen. Zum 100. Geburtstag am 28. September präsentiert der Thelen-Experte Jürgen Pütz die »Insel« neu mit einem Nachwort (Claassen Verlag; 944 Seiten; 25 Euro) und dazu eine opulente Bildbiografie über den »Erzweltschmerzler und Sprachschwelger« (Edition Die Horen; 192 Seiten; 22 Euro). Im Arche Verlag erscheint ein Porträt-Essay von Cornelia Staudacher (160 Seiten; 16 Euro). Im nebenstehenden Brief an den Verleger Georg Olms lästert Thelen über den damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger und schildert eine Lesung seines Kollegen Martin Walser.

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