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Magerkost Ganz übel

Kalorienarme Kost überschwemmt die Bundesrepublik. Wissenschaftler melden Bedenken an. Bonn bereitet neue Rechtsvorschriften vor.
aus DER SPIEGEL 15/1972

Tänzelnde Twiggy-Typen und drahtige Playboy-Figuren zieren die Inserate und verheißen wahre Wunder: »Endlich schmeckt das Schlankwerden.«

Apotheken bieten den Stoff an wie Ambrosia: »Löffeln Sie sich schlank.« In Drogerien und Reformhäusern, aber auch in Kaufhäusern und Supermärkten werben sex-garnierte Poster und Plakate: »Trink Dich schlank.« »Das Abnehmen«, wollen sie den Verbraucher glauben machen, »wird zum Vergnügen« -- Wunsch-Figuren werden, scheinbar, Wirklichkeit.

Nach der Freßwelle, die Westdeutschland in den fünfziger und sechziger Jahren überkam, schwappt nun eine Mager-Woge hoch -- und verhilft Produzenten wie Einzelhändlern zu ungeahnten Gewinnspannen.

Selbst Feinkostgeschäfte -- grundlegendes Mißverständnis ihrer Branchenbezeichnung -- bieten auf Lockregalen die neue Eß-Kulturbarbarei feil: Mampf-Suppen wie »Zupavitin« ("in wohlschmeckender Weise satt"), »Minikai« ("Schlank und satt mit wenig Kalorien") und »Gurmevit« ("Ohne Kochen in Sekunden"), Stopf-Kekse wie »Limmits« und »Siksy« ("7 Pfund leichter in 10 Tagen ohne Hungern"), aber auch verwässerte Margarine und »kalorienarme Konfitüre«.

Auch an der Tränke werden Dicke dürftig abgespeist. Aus der Fürst-Bismarck-Quelle im Sachsenwald sprudelt eine (um 80 Prozent) kalorienverminderte »deit«-Limonade. Und wer »Kilofort« schlürft, wird hernach mit Viertel-Portionen satt.

Suppen und Kekse, gegenwärtig Hauptschlager im Geschäft mit der Schlankheit, erzielen den versprochenen Effekt mittels Quell- und Füllstoffen, die aus den Früchten des Johannisbrotbaumes oder aus der indischen Guar-Bohne gewonnen werden.

Jeweils ein Teller Suppe liefert nur etwa 100 Kalorien, eine »Vollmahlzeit« aus zwei Keksen höchstens 300 Kalorien -- der Rest ist unverdauliches Mus.

Allein in den letzten beiden Jahren verzeichnete der Markt der Magermacher jährliche Wachstumsraten von je 150 bis 170 Prozent. Und stets versprechen die Suppenköche, ihre Schlankheitsgerichte seien »umfangreich getestet": »Selbst bei Daueranwendung trägt der Körper keinerlei Schäden oder Nachteile davon.«

Doch gerade das bezweifeln mittlerweile führende westdeutsche Ernährungswissenschaftler. Institute und Behörden, dazu bestimmt, den Verbraucher zu schützen, melden Bedenken an. So erklärte die »Deutsche Gesellschaft für Ernährung«, »die Auswirkungen einer Verwendung größerer Mengen« von Füllstoffen bedürften »noch eingehender Untersuchungen«. Auch das Fachblatt »Ärztliche Praxis« warnte: Die Füllstoffe seien in ihren »langfristigen Auswirkungen noch völlig unbekannt«.

In einer Grauzone zwischen Lebensmittel- und Arzneimittelgesetz kochen Pharmafirmen und Lebensmittelfabriken ihre Füllstoff-Süppchen. Professor Ludwig Kotter, Präsident der »Gesellschaft für Ernährungsbiologie« in München, sprach schon von einer »Schädigung des Verbrauchers«, von einem »ganz üblen Geschäft« -- ihm mißfällt es, daß »Lebensmittel, die durch wertlose Beigaben verfälscht werden, unter Preisaufschlag mittels Umdeklaration aus dem Schutzbereich des Lebensmittelgesetzes herausgelöst werden«.

Zwar sind sich auch die Ernährungsphysiologen darüber einig, daß »die Reduzierung unserer Kalorienzufuhr eines der vordringlichen Gebote« (Kotter) für Verbraucher ebenso wie für Nahrungsmittelhersteller sei.

Auf 15 bis 30 Prozent wird gegenwärtig der Anteil Fettsüchtiger am Bundesvolk geschätzt. »Leider«, meint Professor Willi Wirths vom Max-Planck-Institut für Ernährungsphysiologie in Dortmund, »ist Fettsucht keine meldepflichtige Krankheit.« Statistiken immerhin weisen aus, daß im Durchschnitt jeder Bundesdeutsche Tag für Tag 500 Kalorien zuviel aufnimmt.

So verlangte etwa das Bonner Gesundheitsministerium in seinem Gesundheitsbericht »die Entwicklung von Lebensmitteln, die geeignet sind, die tägliche Kalorienaufnahme zu verringern«.

Der Lebensmittelindustrie, meinte der Agronom Dieter Hötzel, Leiter des Instituts für Ernährungswissenschaft in Bonn, falle »die Aufgabe zu, (solche) Lebensmittel zu entwickeln«.

Doch dieser Appell verschleiert auch die Ratlosigkeit der Ernährungsphysiologen: So hektisch wie Mini, Maxi und Hot Pants wechselten während der letzten Jahre Schlankmacher-Diäten -- von hartgekochten Eiern über Null-Diät bis zu Weizenbrei. »Und noch für jede Theorie«, so formulierte der Münchner Fernseh-Koch Ulrich Klever, »fand sich ein Professor oder ein Arzt, der sie unterstützt.«

Klever testete auch die neuerdings gängigen Sättigungssuppen ("Am besten schmeckt Tomate") -- sie alle kamen ihm »dicklich und zähflüssig« vor und erinnerten ihn »an die Vorwährungszeit«. Immerhin hält sie der TV-Koch (der sich selber kürzlich von 105 auf 85 Kilogramm schrumpfte) für einen »wesentlichen Fortschritt gegenüber dem Weizen-Gel, das für Leute mit Feingeschmack und Spaß am Essen unzumutbar« sei.

Als Hilfe für Willensschwache und vor allem gelegentlich ("nach einem besonders eßreichen Tag") hält er sie für annehmbarer, als »nur eine Gurke zu knabbern«.

Damit ist freilich die Frage nicht beantwortet, die von der Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände aufgeworfen wurde: »Sind die Quellstoffe gesundheitsunschädlich?«

Gesetzlich zugelassen wurden die Füllstoffe, also etwa Guar- und Johannisbrotmehl, bislang nur in der »Allgemeinen Fremdstoff-Verordnung« -- mithin »unter dem Gesichtspunkt der Verwendung geringer Mengen zu technologischen Zwecken« (so das Fachblatt »Ernährungs-Umschau").

Bei Massenverbrauch solcher Zusätze jedoch müßte nach Meinung der Ernährungsforscher zuvor geklärt werden, ob etwa »die Zufuhr nicht verwertbarer Füllstoffe zu einer Verschlechterung von Resorption und Ausnutzung wichtiger Nährstoffe führt«. Auch die Frage, wieweit sich die Darmflora dem fremdartigen Nahrungsangebot anpaßt, bedarf noch der Untersuchung.

»Entsprechende Rechtsvorschriften« für den Handel mit kalorienarmen Lebensmitteln wünscht sich Bundesministerin Käte Strobel. Ebenso meint die Deutsche Gesellschaft für Ernährung: »Ohne das ordnende Eingreifen des Gesetzgebers« sei »eine befriedigende Lösung« für den bislang unkontrollierten Mager-Markt »nicht zu erreichen«.

Bedenken haben die Ernährungsforscher vor allem auch deshalb, weil die Quell-Kost, über längere Zeit eingenommen, zu einem Defizit an Eiweißstoffen im Körper führen könnte.

Dessenungeachtet legen viele westdeutsche Apotheker, ihrem Selbstverständnis nach Mit-Hüter der Gesundheit, die pulverisierte Pampe vorne auf den Tresen, gleich neben den Zahlteller.

»Pikant«, »würzig«, »lecker«, »köstlich«, »sättigend« und »gesund« (so die Werbeslogans) erscheint auch ihnen, was Bauch und Kassen füllt. Ein Teller Schlankheitssuppe kostet 1,45 Mark, ein Schlankheitskeks 1,16 Mark.

»Wie Schmerz- und Schlafmittel« -- und das heißt: in Mengen -- verkaufe er Füllbrei und Quellstoffe, bekannte ein Apotheker am Ku'Damm in West-Berlin. »Das Geschäft läuft.«

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