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Fernsehen Ganz väterlich

Heinz Oepen, der abgesetzte ZDF-Unterhaltungschef, will seine Rückkehr erzwingen. Das Chefgehalt ist ihm vom Arbeitsgericht schon zugesprochen worden.
aus DER SPIEGEL 42/1972

Wenn Bundesbürger abends abschalten wollen, schalten sie besonders gern das ZDF ein. 35 Millionen Zuschauer sahen bisher bei »Aktenzeichen XY ungelöst«, bei Peter Alexander und beim »Goldenen Schuß« zu.

Doch seit zwei Jahren treffen die Mainzer TV-Unterhalter immer häufiger daneben. So findet nun mehr als die Hälfte der Zuschauer, das erfragten Meinungsforscher, den Showmaster Vico Torriani zum Abschalten -- nämlich »mäßig« bis »sehr schlecht«; Willy Millowitschs Konfektions-Klamotte von der Reinigungsfirma »Hei-Wi-Tip-Top« mußte nach vernichtenden Pressekritiken sogar eingemottet werden.

Nach dieser Pleite suchte Programmdirektor Joseph Viehöver, 46, der sich gern selbst mit den Publikumserfolgen schmückt, einen Sündenbock: »Ganz väterlich und ruhig« überredete er vor einem Jahr seinen Unterhaltungschef Heinz Oepen, 47, sich vom Hauptabteilungsleiter zum einfachen Redakteur degradieren zu lassen. Monatsbezüge: 5100 statt 6300 Mark.

Jetzt will Oepen dem väterlichen Vorgesetzten wieder die Show stehlen. Vor dem Mainzer Arbeitsgericht stritt er am Dienstag vergangener Woche um sein altes Gehalt und um den verlorenen Posten. Denn nur vor Pressionen und weil er »Angst hatte, meine Familie nicht mehr ernähren zu können«, so klagt er nun, sei er zurückgewichen; Viehöver habe ihm mit Kündigung und mit Schadenersatzforderungen wegen vergeudeter ZDF-Gelder »gedroht«.

Viehöver bestreitet das. Zwar habe er einen »Regreß« und »das Datum einer möglichen Kündigung genannt. aber sogleich hinzugesetzt«, so beteuerte der SPD-Genosse und ehemalige DGB-Pressechef vor Gericht, daß diese Maßnahmen »nicht beabsichtigt sind«. Oepen habe sich noch »bedankt, von einer schweren Last befreit zu sein --

Die Läst hatte der TV-Direktor seinem Duzfreund, den er seit 1946 kennt. vor fast sechs Jahren aufgebürdet und redlich mit ihm geteilt. 1966 vertrieb Viehöver den Unterhaltungs-Profi Otto Meissner vom Chefstuhl und engagierte -- zur Überraschung der Branchenkenner -- mit Oepen einen »zurückhaltenden Musikwissenschaftler« ("Frankfurter Rundschau") ohne Fernseherfahrung für die »Putzfraueneffekte« (ZDF-Jargon) der Mainzer TV-Shows.

Auf diese Weise bekam der Direktor. »der mich anlernte« (Oepen) einen willfährigen Stellenverweser. Die Zusammenarbeit funktionierte zunächst so »wunderbar« (Oepen>» daß vor drei Jahren der Gehilfe vorzeitig fest angestellt und dadurch unkündbar wurde.

Im Januar 1970 jedoch »zerstörte rein privater Ärger« (Oepen) zwischen den Freundes-Frauen die Allianz. Viehöver allerdings will dem Unterhaltungschef verübelt haben, daß dieser die Freundschaft dazu »benutzt hat, um bei Untergebenen eine sachliche Kritik zum Schweigen zu bringen«.

So habe Oepen »Hei-Wi-Tip-Top« trotz der Bedenken von Mitarbeitern ausstrahlen lassen -- Oepen: »Viehöver hat sich doch vorher bei Probeausschnitten selbst köstlich amüsiert.«

Auch wirft der Programmdirektor seinem Ex-Duzfreund vor, den Viehöver-Duzfreund Vico Torriani trotz »künstlerischer und darstellerischer Grenzen« für mehrere Shows verpflichtet zu haben. Oepen kontert: »Wer macht denn mit Vico Urlaub in Sankt Moritz, wer hat ihm denn die Shows versprochen? Viehöver wollte ja auch nicht hören, als ich ihn warnte: »Du, Vico geht schief!"«

Schließlich, so Viehöver. habe sein Unterhaltungsmacher 216 068 Mark für einen Striptease-Film »Avenue St. George« aus dem Pariser »Crazy horse« vergeudet, der wegen barer Busen nicht ausgestrahlt werden könne.

Dagegen weiß Oepen. daß »dieselben unverhüllten Damen vom ZDF längst in einer anderen Sendung gezeigt wurden und daß das österreichische Fernsehen, ARD-Anstalten und der Beta-Vertrieb vergeblich versuchten, den Streifen gegen Kasse zu bekommen«. Außerdem liegen, so der Strip-Kenner« »noch viel teurere Sachen im Giftschrank, ohne daß man die anderen Hauptabteilungsleiter feuert« -- etwa Dokumentarspiele über Vera Brühne und »Angelika, ein Schicksal im Schatten der deutschen Teilung«.

Oepen ist jedenfalls davon überzeugt, daß Viehöver »den starken Mann markiert, um von seiner eigenen Schwäche abzulenken«. Tatsächlich erlaubte der Programmdirektor erst am Sonntag vorletzter Woche der Künstlerin Rut Rex, mit »blechernem Organ« ("Süddeutsche Zeitung") voll »tränenseliger Gefühlsduselei« ("Kölner Stadt-Anzeiger") den »ermatteten Zuschauern« ("Augsburger Allgemeine") vorzusingen: »Wer die Macht verliert, verliert meine Treue -- ich liebe stets den Mann, der grad an der Macht ist.«

Die im zweiten Kanal schon mehrfach aufgetauchte, ehedem Oepen »freundschaftlich verbundene« Sängerin ("Ich habe gewissen Gerüchten nie widersprochen, weil seine Redakteure dann entgegenkommender waren") hat drei Monate nach der Entmachtung ihres Förderers geheiratet -- sie erwählte den inzwischen verwitweten Programmdirektor Viehöver.

Die Arbeitsrichter entschieden sich hingegen für den Viehöver-Kontrahenten Oepen und sprachen ihm das Chefgehalt zu; »eine wesentliche und dauernde Leistungsminderung« beim ehemaligen Unterhaltungsmacher »hat die Kammer verneint«.

Eine Rückkehr auf den alten Chefstuhl wird Oepen allerdings auch in einem zweiten Prozeß kaum erzwingen können, denn dort sitzt schon der bisherige Viehöver-Assistent Peter Gerlach. Mit ähnlichen Methoden hat Viehöver auch andere siegreiche Arbeitsgerichtsgegner wie den fristlos entlassenen Chefdramaturgen Wolfgang Hammerschmidt (SPIEGEL 26/1970) auf das Abstellgleis geschoben.

In der ZDF-Unterhaltung bleibt dennoch alles beim alten. »Hei-Wi-Tip-Top«, Anlaß für Oepens Sturz, läuft samstags unter anderem Namen, und in einer der nächsten Folgen ist auch Frau Viehöver wieder dabei. Titel der Sendung: »Wer ist hier Direktor?«

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