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POP Geballtes Glück

Kris Kristofferson, in den Siebzigern Country-Star und Kinoheld, feiert in Hollywood ein Comeback - und tritt nun auch als Musiker wieder an.
aus DER SPIEGEL 39/1999

Hawaii ist das Texas der Südsee, jedenfalls sieht Kris Kristofferson das so. Der Himmel strahlt fast 365 Tage im Jahr leuchtend blau, die Cowboys des Meeres reiten mit ihren Surfbrettern auf den Wellen, und die wilde Natur liefert den Geschmack von Freiheit und Abenteuer.

Vor zehn Jahren hat sich der texanische Schauspieler und Sänger Kristofferson, 63, deshalb am Strand der Hawaii-Insel Maui eine Ranch eingerichtet, die er mit seiner dritten Frau und fünf Kindern bewohnt. Es ist seine Fluchtburg, in die er sich aus Verbitterung über Amerika und den entfesselten Globalkapitalismus zurückgezogen hat.

Allerdings profitiert er gerade von den Vorteilen des freien Marktes: Als Schauspieler und Sänger feiert er ein künstlerisches und auch finanziell lohnendes Comeback. Mit Hollywood-Hits wie »Blade« und »Payback« ist Kristofferson in den vergangenen Monaten, wenn auch nur in Nebenrollen, auf die großen Leinwände, also ins Geschäft, zurückgekehrt. Weil sein Name deshalb auch in der Pop-Welt wieder Erfolg verspricht, hat seine Plattenfirma schnell eine neue CD herausgebracht.

»The Austin Sessions« ist eine Art Bestof-Kollektion. Der alte Schmuse-Cowboy restauriert mit prominenten Gästen wie Jackson Browne ("Wir kennen uns noch aus dem Knast, Nicaragua-Demo oder so"), Steve Earle und Mark Knopfler jene Songs, die ihn vor langer Zeit berühmt machten: »For the Good Times«, »Sunday Morning Coming Down« und natürlich »Me and Bobby McGee«.

Auch Elvis, Frank Sinatra und Janis Joplin haben Stücke gesungen, die, was weniger bekannt ist, von Kristofferson geschrieben wurden. »Es gibt immer noch Menschen, die mir nach Konzerten mitteilen, dass ihnen das Original von Janis Joplin besser gefällt«, sagt der Musiker, »ich habe gelernt, damit zu leben.«

Mehr als einzelnen Songs verdankt Kristofferson seinen Erfolg seinem Image als melancholischer Schmerzensmann. Seine Songs handeln meist von den Desastern der Liebe - und seine Kinorollen zeigen ihn als tragischen Trucker, scheiternden Revolverhelden und Inbegriff fast aller trauriger Heldenmythen, die Amerika noch zu bieten hat.

Auch im wahren Leben ist Kristofferson ein Mann, der Legenden liebt. Dass etwa die CIA bei John F. Kennedys Ermordung die Fäden zumindest mitzog - »das ist doch offensichtlich«. Der Meister rührt abwesend im kalten Kaffee und belehrt den Interviewer: »In diesem Land können Träume wahr werden, aber es ist auch gefährlich, ein Träumer zu sein. Visionäre wie Malcolm X und Martin Luther King haben das mit dem Leben bezahlt.«

Zur Welt gekommen als Sohn eines Air-Force-Generals, saß er als Knabe am liebsten daheim und verfasste Lieder und Kurzgeschichten. Die waren offenbar so gut, dass er ein Stipendium für die Universität von Oxford erhielt. Da ruderte und boxte der Texaner gegen die Jungs aus Cambridge, studierte Shakespeare und schrieb einen Roman immerhin fast fertig. Nach einem Ausflug zum Militär verschlug es ihn nach Nashville, in die Hauptstadt des Country-Universums.

Da allerdings war Kristofferson nur ein Talent unter tausenden. Also ließ er sich in einem Musikstudio als Hausmeister anstellen und wischte besonders langsam, wann immer Johnny Cash im Studio auftauchte.

Cashs Gattin June Carter mochte den adretten Hausmeister, der ihr Demobänder für den Gatten gab - allerdings ohne Resonanz. Eines Sonntags charterte Kristofferson einen Hubschrauber, landete bei Familie Cash im Garten und überreichte dem Hausherrn, der im Schlafanzug mit Schrotflinte rausstürmte, ein Demoband mit »Me and Bobby McGee« - ein nett erfundenes Märchen? »Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit!«, beteuert Kristofferson.

Fest steht, dass Johnny Cash anfing, Kris Kristofferson zu fördern. Der hatte gewaltige Erfolge und noch viel mehr Affären, unter anderem mit Janis Joplin, die »Me and Bobby McGee« zum Klassiker machte. Weil Kristofferson jung und ein besonders schöner singender Cowboy war, folgten Filmangebote aus Hollywood. Er drehte mit John Huston ("Fat City"), Martin Scorsese ("Alice lebt hier nicht mehr") und Sam Peckinpah ("Pat Garrett jagt Billy the Kid") und küsste Barbra Streisand vor (für »A Star is Born") und hinter der Kamera.

Um sein geballtes Glück ertragen zu können, trank er zu viel, und als er sich auf die Hauptrolle in Michael Ciminos Sozialisten-Western »Heaven's Gate« einließ, soff er mit ab. Bis heute pflegt er seine Verschwörungstheorie: »Der Film wurde liquidiert, weil er eine unbequeme Geschichte erzählte. Es war ein gezielter Schlag gegen das kreative Hollywood.«

Das war 1980. »Ein Alptraumjahr. Mein Agent und mein Manager starben. Meine Plattenfirma meldete Konkurs an, und meine Frau ließ sich scheiden.« Danach landeten Kristoffersons Filme nur noch im Fernsehen und in Videotheken und seine Platten auf dem Grabbeltisch.

Vor drei Jahren hat ihn dann der Regisseur John Sayles vom Ruf des Siebziger-Jahre-Wracks befreit. Er ließ ihn in »Lone Star« als finsteren Gesetzeshüter auftreten. »Zum ersten Mal gestand man mir zu, dass ich schauspielern kann«, sagt der wiedergeborene Star. Nun hofft er darauf, dass die Welt endlich einsieht, dass nicht Janis Joplin oder Elvis, sondern er selbst der beste Interpret seiner Lieder ist. CHRISTOPH DALLACH

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