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Bücherspiegel Gebranntes Kind

aus DER SPIEGEL 24/1994

Über den Gipfeln des Altai-Gebirges, so heißt es, steht der Himmel »hellstrahlend und sehr oben«. Das Nomadenvolk der Tuwiner oder Tuwa, das dort lebt, hat für den Himmel als Urvater und Weltschöpfer einen geheimen, unaussprechlichen, furchterregenden Namen.

Es muß schon um alles oder nichts gehen, daß ein Tuwiner sich erdreistet, den Himmel anzurufen und zur Rede zu stellen, und das gilt für den Helden dieser Geschichte. Er hat - wie der Held des ältesten Epos der Menschheit - verloren, was seinem Herzen am nächsten war: In maßlosem Schmerz führt er Klage gegen den Tod. Allerdings: Der Held dieser Geschichte ist keine Mythenfigur, sondern ein kleiner Hirtenjunge, dem sein Hund gestorben ist.

Galsan Tschinag, Jahrgang 1944, ist als tuwinisches Nomadenkind in einer Jurte im Altai-Gebirge herangewachsen, jenseits der Grenze in der Volksrepublik Mongolei.

Eine Lebenswende hat den 18jährigen Tschinag nach Leipzig versetzt, dort studierte er sieben Jahre lang die deutsche Sprache und Literatur. Und zwar so gründlich, daß ein deutscher Dichter aus ihm geworden ist.

Das Tuwinische, eine Turk-Sprache, die nur ein paar hunderttausend Menschen sprechen, hat keine literarische Tradition; das Mongolische benutzt der Sprachwissenschaftler Tschinag als Universitätslehrer in Ulan Bator und als Übersetzer deutscher Literatur; sein eigenes erzählerisches Werk aber ist Deutsch. Offenbar reizt es ihn, quasi einen Bogen über Kontinente und Jahrhunderte zu schlagen und dem denkbar fremdesten Leser im postmodernen Westen von der archaischen Kargheit und Strenge seiner Kindheitswelt zu erzählen: Da wird der Tee mit Salz, Schmalz und Mehl aufgebrüht; da dient Urin zur Desinfektion; da heult der Wolf in den Schluchten; da sind ein paar Schafe, Yaks und Pferde alles an Reichtum, was man sich vorstellen kann.

Der Text, würzig, bildhaft, randvoll mit Realität, ordnet kindliche Erfahrungen als Schritte auf die Konfrontation mit dem Tod zu. Sein Pathos hat Kraft, es ist, als wäre aus seltsamer Ferne ein Schamane in die deutsche Gegenwartsliteratur hineingeweht.

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