Zur Ausgabe
Artikel 26 / 56
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

VOGELWEIDE Geburts-Konkurrenz

aus DER SPIEGEL 31/1960

Die fränkische Kreisstadt Feuchtwangen, in der seit 1949 allsommerlich Freilichtspiele veranstaltet werden, bewirbt sich neuerdings als achtzehnter Ort um den Rang, Geburtsstätte des deutschen Minnesängers Walther von der Vogelweide zu sein. Ein Feuchtwanger Heimatforscher, Stadtrat Rudolf Bayerlein, hat seine Ermittlungen so weit vorangetrieben« daß er mit einiger Begründung feststellen zu können glaubt, der erste Minnesänger seiner Zeit sei bei Feuchtwangen zur Welt gekommen - um das Jahr 1170.

Bereits vor Bayerleins Auftritt im Chor der Vogelweide-Forscher gab es kaum einen Landstrich von Österreich bis nach Franken und ins Sudetenland, der nicht Anspruch darauf gemacht hätte, als Wiege, des Vogelweidlers zu gelten. Im Tiroler Bozen ist 1889, ein Marmor-Standbild des Troubadours aufgestellt worden, 1911 wurde in der böhmischen Stadt Dux ein Walther-Gedenkstein enthüllt: Beide Standbilder sollen die These festigen, der Minnesänger sei in diesen Orten geboren.

Heimatforscher, Philologen und Historiker bemühen sich seit Jahrhunderten darum, Daten aus Walthers Lebenslauf zu bekommen. Trotzdem lassen sich bisher sein Geburts- und Todesjahr nicht eindeutig nachweisen. Als ziemlich sicher gilt nur, daß Walther von der Vogelweide in Würzburg, also in einiger Nähe von Feuchtwangen, seit etwa 1230 begraben liegt.

In den Versen Walthers von der Vogelweide gibt es aber zwei Hinweise, an denen sich Forscher orientieren können. Der Minnesänger gibt an, daß er »ze Osterriche singen unde sagen« gelernt habe, zum anderen dichtet er als alter Mann:

liut unde lant, dar inn ich von

kinde bin erzogen,

die sint mir worden fremde reht

als ez si gelogen

- in Neuhochdeutsch etwa: Land und

Leute, wo ich als Kind erzogen worden bin, sind mir so fremd geworden, daß es wie gelogen klingt.

Aus diesen Hinweisen läßt sich folgern, daß Niederösterreich und Wien als Geburtsort ausscheiden, denn dorthin ist Walther nachweislich immer wieder und nicht erst im Alter zurückgekehrt. Daß Walther in Österreich »singen und sagen« lernte, schließt aber nicht aus, daß er ebensogut in Franken wie in der Schweiz, in Böhmen, in Tirol oder in Ungarn geboren sein könnte.

In all diesen Landschaften und noch in einigen mehr lassen sich zudem sogenannte Vogelweiden und Vogelweidehöfe nachweisen. Die Forscher können sich inzwischen darauf beschränken, solche Höfe in die engste Wahl zu ziehen, die den Standes- und Lebensverhältnissen des Dichters am ehesten entsprochen haben müssen. Dagegen gibt es keine mundartlichen Eigenheiten, die mit Sicherheit erkennen lassen, welcher Landschaft unter den kandidierenden Konkurrenten der Vorrang gebühre.

Der Forscher Kurt Plenio versuchte zwar 1917 nachzuweisen, daß Sprache und Reim Walthers am ehesten ins Alemannische oder Rheinfränkische wiesen. Indes mußte Plenio sich selbst eingestehen, das Wanderleben des Dichters könne Färbungen seiner Sprache und Reime erklären.

Der Germanist Karl Kurt Klein beurteilte in einem 1952 erschienenen Buch alle Deutungen als nach wie vor ebenso unbewiesen wie die Angabe des Schweizer Rechts- und Schriftgelehrten Melchior Haiminsfeld Goldast, der um das Jahr 1600 den Minnesänger Walther von der Vogelweide neu entdeckt und ihn prompt als Schweizer ausgegeben hatte. Klein kam in seinen Untersuchungen zu dem Schluß, die Tiroler Landschaft und Bozen hätten noch »den ersten Anspruch, als Herkunftsland des großen Dichters zu gelten«.

Schon zwei Jahre später indessen, 1954, gaben in Frankfurt der Genealoge Dr. Heinz F. Friederichs und der Privatarchivar Heinz Merling bekannt, daß nach ihren Forschungen Walthers Geburtshaus in Frankfurt unweit von Goethehaus, Paulskirche und Römer gestanden haben müsse.

Auch in Frankfurt am Main gab es eine Vogelweide, wo Falken und Habichte zur Jagd abgerichtet worden waren. Nach Aufzeichnungen des Bartholomäus-Stifts in Frankfurt sei um 1165 ein Wiener, Wolframus de Austria, in Frankfurt nahe der Vogelweide seßhaft geworden und habe sich dort mit Gisela, Tochter des Großkaufmanns Walther von Eisenach, vermählt. Wolframus sei dann nach seinem Wohnsitz »Vogelweider« genannt worden. Aus dieser Ehe sei, nach Friederichs und Merling, im Jahre 1168 der Sohn Walther hervorgegangen.

Nach dem Tod seiner Mutter und der zweiten Heirat des Vaters Wolframus wenige Jahre später sei, so wollen die Frankfurter Forscher wissen, Walther zu seinem Großvater nach Wien geschickt worden. Damit sei auch Walthers Österreich -Aufenthalt, wo er singen und sagen lernte, glaubhaft erklärt.

Feuchtwangens Heimatforscher Bayerlein, im Hauptberuf Amtmann beim Dinkelsbühler Amtsgericht, glaubt jedoch nicht an Walthers Frankfurter Kindheitsjahre. Seine Forschungen ergaben namlich, daß sich bei Feuchtwangen zu Zeiten Walthers ein Vogelweidhof im Besitz der Herren von Stolberg befand. Daß Walther aus - dem Geschlecht der Stolberg kommt, schließt Bayerlein aus einer Textstelle, die von den Frankfurtern nicht benutzt wurde: Walther beschwerte sich über einen »Stolle«, der ihn getadelt habe. Dazu paßt, daß es zu Lebzeiten Walthers im Landkreis Feuchtwangen einen Rittersitz, genannt »Stollenhof«, gegeben hat.

Zudem können laut Bayerlein von den 17 Orten, die sich darum bewerben, der

Geburtsort Walthers von der Vogelweide zu sein, nur zwei einen Vogelweidhof nennen, der Rittersitz gewesen sei, also als Geburtsstätte des Ritters Walther in Frage kommen: Feuchtwangen und ein Ort bei Wien. Da aber »Osterriche« durch Walthers eigene Worte aus dem Wettbewerb ausscheide, komme eigentlich nur noch Feuchtwangen in Betracht.

Landrat Keim, der im Programmheft der Feuchtwanger Kreuzgangspiele die Forschungsresultate des Stadtrats Bayerlein bekanntgab, räumte ein, die Forschung habe zwar noch nicht ihr letztes Wort gesprochen, aber: »Wir... dürfen unserem Heimatforscher Bayerlein für seine weiteren Arbeiten viel Glück wünschen.«

Minnesänger Walther: In Feuchtwangen geboren?

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 26 / 56
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.