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Verlage Gedealter Stoff

Streitfall »Mein Kampf": In aller Welt wird Hitler gelesen, in Deutschland ist das Buch tabu. Soll sich das ändern?
aus DER SPIEGEL 5/1995

Der allzu spät verstorbene Autor dieses Buches war der Deutschen mächtig, des Deutschen nicht so ganz. »Die Eier des Kolumbus liegen zu Hunderttausenden herum«, schrieb er etwa, oder: »Das Ziel der weiblichen Erziehung hat unverrückbar die kommende Mutter zu sein.«

Er konnte auch anders. »Die Sünde wider Blut und Rasse ist die Erbsünde dieser Welt und das Ende einer sich ihr ergebenden Menschheit.« Somit: »Ein Staat, der im Zeitalter der Rassenvergiftung sich der Pflege seiner besten rassischen Elemente widmet, muß eines Tages zum Herrn der Erde werden.«

Im Stalingrad-Jahr, 1943, hatte Adolf Hitlers »Mein Kampf« eine Auflage von 10,24 Millionen Exemplaren erreicht. Es gab das Werk als »Kartonierte Ausgabe«, als »Volksausgabe«, als »Dünndruckausgabe«, als »Geschenkausgabe in Leinen« sowie »in Halbleder«. Gab es auch zehn Millionen deutsche Leser?

Kaum. Doch 50 Jahre nach dem Tod des Völkermörders ist »Das Buch der Deutschen« ein Welterfolg. Ins Arabische wie ins Hebräische wurde es übersetzt, ins Russische, Polnische, Tschechische, Rumänische und, seit Jahren schon, in ziemlich alle westeuropäischen Sprachen; England hat sogar eine kritisch kommentierte Edition.

Wer Hitler erkennen wolle, schreibt darin der Londoner Historiker D. C. Watt, »der muß ,Mein Kampf' studieren«. Der Haken an dem Kreuz: Nicht jeden Hitler-Leser beseelt reiner Forscherdrang; den braunen, antisemitischen Kolonnen in aller Welt gibt die Betriebsanleitung zum Holocaust ganz andere Kicks.

Also besser in den Giftschrank mit der Schwarte? Vergangene Woche spitzte sich der latente Streit um Hitlers Hinterlassenschaft zum politischen Konflikt. Anlaß: eine schwedische »Mein Kampf«-Edition; Kontrahenten: der schwedische Schriftstellerverband und der Freistaat Bayern; Streitsache: die »Mein Kampf«-Urheberrechte.

Die liegen, seit der Abwicklung des Dritten Reiches, beim bayerischen Staat, und der gestattet »weder im Innoch im Ausland vollständige Nachdrucke des Buches«. Zweck der Übung ist, der »Gefahr des Mißbrauchs« sowie der »unkritischen Verbreitung nationalsozialistischen Gedankenguts« entgegenzuwirken und eine »Schädigung deutschen Ansehens« zu verhindern.

Wie in einem Dutzend Fällen vorher hatte Bayern auch in Schweden interveniert und die Restauflage beschlagnahmen lassen. Schwedens Schriftstellerverband protestierte heftig gegen die Aktion, sah Gefahr für die Pressefreiheit und die »freie Debatte«, wenn ein »historisches Dokument, das für unsere europäische Geschichte ausschlaggebend war, der Beurteilung entzogen wird«.

Die Presse sprang bei, deklarierte den bayerischen Anspruch zum »reinen Bürokratenmist« und griff zu einem pyramidalen Vergleich: Dies sei so, als »wolle Ägypten das Urheberrecht an den Büchern Moses beanspruchen«. Und des Landes größte Zeitung, Expressen, fragte: »Will Deutschland wieder herumkommandieren?« Im März geht die Sache vor Gericht.

Was den Schweden recht ist, sollte den Deutschen auch recht sein. Doch im Reich der Dämonen bleibt, dank der Bayern, »Mein Kampf« tabu; nicht einmal das Münchner Institut für Zeitgeschichte darf »Mein Kampf« in seine kritische Hitleriana-Edition aufnehmen. Folge: Der Lese-Stoff wird gedealt.

Ein gewaltiger grauer Markt hat sich etabliert, ein Netz aus Raubdruckern, Versandhändlern, Spezial-Antiquaren, Bauchladen-Hiwis; der Absatz steige, berichtet die Branche, die Preise klettern.

Fundgruben sind die Flohmarktseiten rechter Blättchen. Neben »Urlaub bei Kameraden in Kroatien« bietet sich an: »,Mein Kampf', 280,-», plus Telefonnummer. Oder anderswo: »,Mein Kampf', Jubiläumsausgabe 1989 zum 100. Geburtstag Adolf Hitlers, goldbedruckte, rote Leinenausgabe, mit großem geprägtem Hoheitsadler. Höchstgebot nicht unter 600,- DM.« Folgt Postfach.

Raubdrucke wie diese Jubiläumsausgabe ordert der Kunde weitaus billiger etwa bei einem Verlag im dänischen Alborg; der bot das Prachtstück schon für 100 Mark an. Tycoon der Branche ist ein Mann, der sich Gerhard Lauck nennt, im US-Staat Nebraska residiert und »Mein Kampf«-Raubdrucke schon für 45 Mark pro Stück versendet.

Bleibt noch der Gang zum Antiquar des Vertrauens, Hüter jener Reste der Zehn-Millionen-Auflage, die den Autor überlebten. Meist Käufer um die 30 fänden sich da ein, so wird berichtet, und sie legten schöne Summen hin: Je nach Jahrgang und Ausstattung des Originals von 500 bis 1000 Mark; Raubdrucke, da auch zu haben, gehen für 80 bis 140 Mark weg.

So kann sich jeder Neonazi sein Kopfkissenbüchlein besorgen, um »die ganze Weltgeschichte zu verstehen« und den »Inbegriff einer klaren, verständlichen Weltanschauung« einzuziehen (Neonazi-Postille Index). Dem kritisch Interessierten bleibt nur der Weg zum Dealer oder zu einer wissenschaftlichen Bibliothek.

Die Situation ist grotesk. Der renommierte Hitler-Forscher ("Hitlers Weltanschauung") Eberhard Jäckel, Historiker an der Uni Stuttgart, moniert den »bedenklichen Umstand, daß der Staat auf diesem Wege Zensur ausübt«; es sei »hinderlich und zu bedauern«, daß eine kritische Ausgabe von »Mein Kampf« nicht zur Verfügung stehe. Das Buch lege den »verbrecherischen Charakter Hitlers überzeugender offen als viele Kommentare«.

»Das Buch der Deutschen« - war es das je? Der Historiker Werner Maser behauptete 1981, die Geschichte wäre »zweifellos anders verlaufen«, hätten die Deutschen ihren Hitler »rechtzeitig« gelesen und »ernst genommen«. Ein englischer Professor, immerhin, tat es.

Im Juli 1939 veröffentlichte der Oxford-Historiker R. C. K. Ensor ein »Pamphlet« mit dem Titel »Herr Hitler's Self-Disclosure in ,Mein Kampf'« (Hitlers Selbstenthüllung in »Mein Kampf"). Ensor las den Fahrplan, den Hitler aufgestellt hatte, und schrieb nieder, wie die Züge fahren werden - hin zu Krieg und Greuel.

Wie ein Kartenspieler, schrieb Ensor, habe Hitler sein Blatt offen auf den Tisch gelegt; aber die anderen Spieler seien »zu faul«, einen Blick darauf zu werfen. Das Blatt ist noch immer nicht vom Tisch. Y

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