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FORSCHUNG Gedehnte Zeit

Werden Herzkrank., gestrandete Polarforscher und Schiffbrüchige schon bald mit Hilfe einer Winterschlafpille Krisen überwinden und monatelang ohne Nahrung überleben können?
aus DER SPIEGEL 13/1974

Die Besatzung des Raumschiffs, unterwegs zu fernen Sonnensystemen, ruht reglos in den Kojen. Puls und Atmung der Astronauten scheinen stillzustehen. Seit Monaten haben die Himmmelfahrer weder gegessen noch getrunken.

Ein rätselhafter kosmischer Unfall? Keineswegs: Auf der zermürbend langweiligen Reise durch intergalaktische Sphären haben sich die Raumschiff-Piloten in eine Art Dornröschenschlaf versetzt, aus dem sie zu einem vorausberechneten Zeitpunkt wieder erwachen -- ein wenig abgemagert und hungrig, sonst aber unversehrt.

Was vorerst noch wie die Idee zu einem Science-fiction-Film anmutet, mag schon bald Wirklichkeit werden: Amerikanische Wissenschaftler haben nunmehr einen Blutfaktor entdeckt, der bei Tieren Winterschlaf auslöst -- nichts spricht nach Ansicht der Forscher dagegen, daß dereinst auch Menschen mit Hilfe einer ähnlichen Schlummer-Substanz für Monate eingeschläfert werden.

Auf einer internationalen Wissenschaftler-Tagung, Ende Februar in San Francisco, gab Dr. Albert R. Dawe vom Office of Naval Research in Chicago die Entdeckung bekannt: Aus dem Blut von Eichhörnchen im Winterschlaf haben Dawe und sein Team ein Dämmer-Serum gewonnen; als die Forscher den Extrakt zur Sommerzeit anderen Eichhörnchen einspritzten, sanken die Tiere, saisonwidrig, in tiefen Dauerschlaf.

Zwar konnten die Forscher die chemische Beschaffenheit des Winterschlaf-Auslösers noch nicht enträtseln. Doch fanden sie ein Gegenmittel, das den Schlummerzustand, abrupt beendet: Injektionen mit dem männlichen Sexualhormon Testosteron weckten die Eichhörnchen alsbald auf.

Offensichtlich, erkannten die Forscher, hängt der Winterschlaf-Zyklus vom Zusammenspiel des Schlaffaktors mit dem Testosteron-Ausstoß ab -- wie überhaupt Ebbe und Flut des Testosteron-Spiegels im Blut die Lebensrhythmen bei Tieren und Menschen maßgeblich zu beeinflussen scheinen.

Der Winterschlaf bei Igeln oder Hamstern, das Geweih-Wachstum und die Brunftzeiten bei Hirschen und Rehböcken -- eine Vielzahl von animalischen Verhaltensweisen, so wurde auf dem Kongreß in San Francisco deutlich, wird zumindest teilweise durch diese Hormonwirkung mitbestimmt. Und auch beim Menschen steigt und sinkt periodisch die Testosteron-Produktion; sie erreicht ein Hoch etwa im November, ein Tief im Mai: Das Hormon-Pendel, glauben manche Mediziner, markiere erkennbar Schwankungen in der menschlichen Vitalität.

Längst ist es den Forschern, jedenfalls im Tierversuch, gelungen, die biologische Uhr zu verstellen. So erreichten sie, beispielsweise, daß Hirsche das komplette Jahrespensum ihres Geweihwachstums gleichsam im Zeitraffer absolvierten: Die Tiere verhielten sich so, als habe das Jahr nur drei statt zwölf Monate. Umgekehrt ließen andere Wissenschaftler, bei Eichhörnchen. die Zeit langsamer ablaufen; abgeschirmt von allen äußeren Einflüssen. wie Temperaturschwankungen und Tag-Nacht-Rhythmus, verfielen die Nager in einen Zehn-Monats-Zyklus.

Angesichts solcher Experimente und nun der Entdeckung des Winterschlaf-Faktors -- halten es Biologen für denkbar, daß demnächst auch Menschen der Zeit entrückt und in einen Dauerschlaf versetzt werden können. Wie Murmeltiere oder Igel, die im Winterschlaf ihre normale Puls- und Atemfrequenz auf mindestens zehn Prozent ermäßigen und ihre Körpertemperatur der Umgebung anpassen, so könnten künftig Herzkranke oder Raumreisende Krisen leichter überstehen. Und eine Winterschlaf-Pille, so spekulieren manche Forscher, böte auch eine Zuflucht für Abenteurer, die sich, etwa in der Arktis, verirrt haben und auf Rettung warten.

Dabei wären die Schläfer überdies auch von Nahrungssorgen weitgehend befreit: im Winterschlaf laufen die Stoffwechselvorgänge im Zeitlupentempo ab -- eine normale Tagesration könnte für mehr als drei Monate reichen.

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