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MEDIZIN / GEMEINSCHAFTSPRAXIS Gefährlicher Sog

aus DER SPIEGEL 24/1968

Die Patientin, eine 60jährige Angestellte aus Düsseldorf, verspürte Schmerzen im Unterbauch. Ihr Hausarzt diagnostizierte Verdauungsbeschwerden und verordnete Diät und Abführmittel.

Dann, nach einigen Tagen vergeblicher Heilbemühung, überwies der Praktiker die Kranke zum Frauenarzt. Doch die Fachuntersuchung blieb ohne Befund. Der Gynäkologe schickte die Patientin weiter zum Internisten.

Der stellte nach neuerlichen Untersuchungen die richtige Diagnose und verwies die Frau an den Chirurgen. Rund vier Wochen nach dem ersten Arztbesuch konnte die Patientin endlich operiert werden -- Darmkrebs.

Den windungsreichen Weg durch Warteräume und Ordinationszimmer wandern täglich Tausende von kranken Deutschen, die wegen schwieriger Diagnosen mehrere Ärzte konsultieren müssen. Auf dem langen Marsch zur Diagnose verlieren die Patienten oft kostbare Zeit -- während sie von Praxis zu Praxis reisen, sinken ihre Genesungschancen.

Letzten Monat, auf dem 71. Deutschen Ärztetag in Wiesbaden, faßten die Mediziner einen Beschluß. der künftig dazu beitragen könnte, den Leidensweg der umherziehenden Kranken abzukürzen: Den Heilkundigen, so verfügte das Standesparlament der deutschen Ärzteschaft, soll in Zukunft die Einrichtung eines Praxistyps erleichtert werden, bei dem mehrere Ärzte verschiedener Fachrichtungen in gemeinschaftlichen Behandlungsräumen arbeiten -- in der sogenannten Gemeinschaftspraxis.

Bislang erlaubte die ärztliche Berufsordnung »die Errichtung einer Ge-

* Von links: Dr. Leo Krutoff. Kurt Greiffenhagen, Heinrich Hug.

meinschaftspraxis ... nur in Ausnahmefällen« und »mit Genehmigung der Ärztekammer«. Fortan jedoch ist der »Zusammenschluß von Ärzten zu gemeinsamer Berufsausübung« den Ärztekammern lediglich »anzuzeigen«

die Kollektiv-Praxis braucht nicht genehmigt zu werden.

Mit dramatischen Argumenten hatten Deutschlands Ärzte-Funktionäre immer wieder gegen den Zusammenschluß von Medizinern zu Arbeitsteams opponiert: Die Gemeinschaftspraxis, so ereiferte sich beispielsweise der Vorsitzende der Berufsordnungskonferenz Dr. Robert Schimrigk, beraube die Patienten der »freien Arztwahl« und erschüttere somit die Grundpfeiler des Vertrauensverhältnisses« zwischen Arzt und Patient. Die »unnötigen Kollektive«, so urteilte in einem Bericht die Bundesärztekammer, seien »dem Patienten nicht dienlich« und sogar »sehr gefährlich«.

Bisher haben sich denn auch in der Bundesrepublik nur wenige Mediziner zu dem neuen Praxistyp entschlossen. Während sich in den USA rund 30 Prozent aller Ärzte in Gruppenpraxen niederlassen, gibt es in Westdeutschland etwa 200 Ärzteteams. die ihre Patienten gemeinsam behandeln. Überdies bestehen die meisten deutschen Mediziner-Kommunen aus Ärzte-Ehepaaren oder Vätern und Söhnen, die in der gleichen Fachrichtung arbeiten -- sie bilden mithin keine echten Gruppenpraxen.

Aus familiären Bündnissen allerdings erwuchsen auch in den USA viele Gemeinschaftspraxen -- eine der ersten gründete der amerikanische Arzt William Mayo mit seinen beiden Söhnen. Die Gründer der inzwischen legendären Mayo-Klinik, einer Diagnose-Fabrik, in der heute täglich mehr als 2000 Patienten inspiziert werden, hatten bereits 1912 ihre Familien-Ordination zu einer Gruppenpraxis ausgeweitet, in der 28 Mediziner gemeinsam praktizierten.

An Beispielen aus den USA lassen sich die Vorzüge medizinischer Teamarbeit leicht belegen: Gemeinschaftliche Warte- und Behandlungsräume, Labors und Büros, gemeinschaftliche Benutzung etwa von Elektrokardiographen und Röntgengeräten ermöglichen rationelleres Arbeiten bei geringerem Aufwand.

Solch wirtschaftlicher Nutzen kommt Ärzten wie Patienten gleichermaßen zugute. Wie eine Gruppe deutscher Mediziner nach einer Studienreise durch die USA berichtete, besitzen viele amerikanische Ärztegemeinschaften eigene Praxishäuser, die mit modernsten technischen und medizinischen Einrichtungen ausgestattet sind.

Aufzüge befördern die Patienten in klimatisierte und schallgedämpfte Ordinationszimmer oder komfortable Warteräume, in denen dezente Unterhaltungsmusik beruhigend auf die Kranken einwirkt. Über Sprechanlagen stehen die Ärzte miteinander in Kontakt, über ein Signalsystem dirigieren sie das Hilfspersonal, per Rohrpost leiten sie Befunde weiter, die sie zuvor in Diktiergeräte gesprochen haben.

In Untersuchungsräumen, die dank einer Spezialausrüstung von Ärzten der verschiedenen Fachrichtungen

Gynäkologen, Chirurgen oder Urologen -- gemeinschaftlich benutzt werden können, finden die Mediziner in übersichtlichen Wandkonsolen ein komplettes Arsenal von Untersuchungsgeräten. Für die (stets ambulante) Behandlung der Patienten sind kleinere Nebenzimmer eingerichtet -- Massageräume, Bäder und Bestrahlungskabinen.

An allen Tagen in der Woche, tagsüber und nachts stehen die meisten Gemeinschaftspraxen den Patienten offen. Über die Arbeitsteilung in der Praxis berichtet ein Arzt aus den USA, der dort (zusammen mit acht anderen Ärzten) in einer Medizinergruppe arbeitet: »Die Praxis ist an Wochentagen von acht bis 22 Uhr, am Samstag von neun bis 18 Uhr und an Sonn- und Feiertagen von zehn bis 18 Uhr geöffnet. Jeder der Ärzte hat einen Nachmittag in der Woche frei. Nacht- und Wochenenddienst sind gleichmäßig aufgeteilt.«

Den Ärzten in einer Gruppenpraxis bleibt dabei mehr Zeit für die berufliche Weiterbildung -- ihnen droht kein Verdienstausfall, wenn sie zu Kongressen oder Kursen reisen. Zudem stehen für jeden Arzt der Gruppe vollwertige Vertreter zur Verfügung, die mit den Krankengeschichten der Patienten bereits vertraut sind.

Auch bei Überweisungen braucht der Gemeinschaftsarzt nicht zu befürchten, daß er seinen Patientenstamm verringert: Eine Kranke etwa, die vom Internisten der Gruppe an den Gynäkologen der Gruppe verwiesen wird, geht der Praxis nicht verloren. Zugleich kann bei schwierigen Diagnosen das Ärzte-Kollektiv ohne Verzögerung, wie sie gemeinhin bei Überweisungen auftritt, mit gegenseitigen Beratungen beginnen.

»In der Gemeinschaftspraxis«, so resümierte ein deutscher Mediziner, »hat der Arzt mehr vom Leben und der Patient mehr vom Arzt.« Dennoch pflegen deutsche Ärzte-Funktionäre vielfach immer noch ihren Abscheu gegen die Mediziner-Kommunen.

So meinte 1962 Professor Walter Kreienberg auf dem Ärztetag, der Patient vermisse in einer Gruppenpraxis »die Gewißheit ... sein Herz ausschütten zu können«. Für den Arzt, so klagte der Professor jüngst, drohe besonders in »gemischten Gruppen« -- bestehend aus Medizinern unterschiedlicher Fachrichtung -- die Gefahr einer »totalen Sozialisierung«.

Derlei Klagerufe freilich, so argwöhnte ein Delegierter auf dem Ärztetag in Wiesbaden, drücken in Wahrheit Existenzangst aus: Kombinierte Gruppenpraxen würden nach Ansicht des Mediziners »einen Sog aufs Publikum« ausüben und könnten vielen Hausärzten alter Schule mit unrationeller Praxis und zurückgebliebenem Wissensstand die Patienten ausspannen.

Als erste Herausforderung an die Konservativen haben sich jüngst in der Bundesrepublik zwei ärztliche Großunternehmen etabliert. In Wiesbaden entsteht gegenwärtig Europas erste Praxis nach dem Muster der Mayo-Klinik, die »Deutsche Klinik für Diagnostik AG«, wo Patienten von 41 Ärzten aller Fachrichtungen untersucht werden sollen. Voraussichtlicher Eröffnungstermin: 1970.

Ebenfalls in Hessen, in Neu-Isenburg, existiert seit Januar dieses Jah-

* Links: Klimakammer; rechts: Unterwassermassage.

res Deutschlands erstes Ärztehaus (Baukosten: 1,6 Millionen Mark). Dort diagnostizieren und kurieren neun praktische und fünf Fachärzte unter einem Dach mit gemeinsamen Einrichtungen und Hilfskräften.

Kritiker Kreienberg allerdings glaubt, daß sich die deutschen Ärzte erst dann häufiger zusammenschließen werden, wenn so viele Mediziner die Hochschulen verlassen, »daß die wirtschaftliche Lage angespannt wird«. Gegenwärtig ist, wie es scheint, eher das Gegenteil der Fall.

Die deutschen Ärzte, formulierte letzten Monat das »Berliner Ärzteblatt«, »frönen althergebrachten Formen«. Und weiter: »Noch heute sträuben sich viele Ärzte gegen eine neue Denkweise. Sie meinen, es nicht nötig zu haben. Ihr Wartezimmer ist voll. Die Kasse stimmt.«

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