Zur Ausgabe
Artikel 71 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

ARZNEIMITTEL Gefährliches Fossil

Das Münchner Pharma-Unternehmen Togal behauptet, ohne Tierversuche auszukommen. Die Wahrheit: Nur der Nachweis von Tierversuchen bewahrte die Togal-Tabletten vor einem Verbot. *
aus DER SPIEGEL 18/1986

Für Hans W. Schmitz, Geschäftsführer der Münchner Togal-Werk AG, ist Tierschutz wichtiger als Profit. »Wir«, schreibt Schmitz, »verzichten lieber auf Umsatz und Gewinn, als daß wir hilflose Kreaturen foltern oder töten lassen. In seiner Abneigung gegen Tierversuche weiß sich der Pharma-Manager einig mit seinem Chef, dem Togal-Vorstandsvorsitzenden Günther J. Schmidt. Laut Schmitz hat Schmidt schon »vor 20 Jahren« verfügt, in seiner Firma dürfe kein Medikament produziert werden, das im Tierversuch erprobt worden sei. Erst neuerdings geben die beiden Tierfreunde ihre Überzeugung auch öffentlich kund. In Massenblättern wie »Quick«, »Gong« und »Bunte« publizierten sie knallige Anzeigen, in denen es unter anderem heißt: »Wer die Tierversuche abschaffen will, findet in uns einen zuverlässigen Verbündeten.

Solchen Werbesprüchen ließen die Togal-Männer Taten folgen. So zahlten sie, Mitte März, die Saalmiete für eine Großveranstaltung in der Bonner Beethovenhalle, wo der Bundesverband der Tierversuchsgegner gegen die in seinen Augen zu großzügige - am Donnerstag vorletzter Woche verabschiedete - Novelle zum Tierschutzgesetz protestierte.

Zuvor schon, im Mai 1984, hatten die Togal-Chefs den »Austritt der Firma aus dem Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie erklärt - »als eine Konsequenz aus dem Nein zu Tierversuchen«, wie das Unternehmen anschließend in einem Flugblatt behauptete.

Doch im Kündigungsschreiben von Schmidt und Schmitz war das Thema Tierversuche mit keinem Wort erwähnt worden. Statt dessen hatten die beiden Aussteiger dem Interessenverband vorgeworfen, er habe die »polemische Berichterstattung der Medien gegen die Pharma-Industrie« nicht wirksam bekämpft und, schlimmer noch, auf Aktionen des Berliner Bundesgesundheitsamts (BGA) »zu weich reagiert« - ein Wink, den Eingeweihte zu deuten wissen.

Im Rahmen der routinemäßigen Risikobewertung älterer, längst eingeführter Medikamente hatten sich die BGA-Kontrolleure auch mit dem rezeptfreien Analgetikum »Togal« beschäftigt, einem »Arzneimittelfossil« (so die »Deutsche Apotheker Zeitung"), das schon seit 1914 auf dem Markt ist, seinen Herstellern aber immer noch Gewinne bringt. »Togal« (Jahresumsatz: 18 Millionen Mark) hilft laut Beipackzettel gegen Schmerzen, Migräne, Rheuma, Arthrose, Fieber oder auch Entzündungen der Gelenke, Sehnen und Muskeln.

Was die Arzneimittel-Prüfer gegen das Kombinationspräparat - Wirkstoffe: Chinindiydrochlorid, Lithiumcitrat und Acetylsalicylsäure - vorbrachten, hat der Bremer Fachmann Gerd Glaeske in der »Deutschen Apotheker Zeitung« zusammengefaßt. Speziell die Komponente Lithium, eine Substanz, die sonst nur gegen schwere Depressionen verordnet wird, hält der Autor für bedenklich. Es sei, konstatiert er, längst nachgewiesen. »daß die Gabe von Lithium die normale und klassische Migräne verschlimmern könne; dabei nehme, wer die zulässige Höchstdosierung der rezeptfreien »Togal«-Tabletten gegen Migräne schlucke, soviel Lithium zu sich wie ein Psycho-Patient, der in der Klinik wegen manisch-depressiver Zustände mit der Substanz traktiert werde.

Auch gegen den »Togal«-Bestandteil Chinin ("ausgesprochen schädlich") erhebt der Verfasser gravierende Einwände. Die versprochene fiebersenkende Wirkung sei, gemessen an anderen Mitteln, eher gering. Dafür aber komme es nicht selten zu allergischen Reaktionen; auch die Herztätigkeit werde häufig »negativ beeinflußt«. Chinin, so urteilt der Experte aufgrund neuerer Untersuchungen, schädige »alle Zellen, mit denen es in Berührung komme - etwa die roten und weißen Blutkörperchen, aber auch die Nervenzellen.

Nur mit viel Mühe gelang es den »Togal«-Herstellern, ihr gefährliches Pharma-Fossil - Werbeslogan: »Nur das Gute ist von Dauer« - vor einem Verdikt der Arzneimittelprüfer in Sicherheit zu bringen. Allerdings, die Glaubwürdigkeit der Tierschützer Schmidt und Schmitz blieb dabei auf der Strecke.

Im Bemühen, die Unbedenklichkeit ihrer Firmen-Bonanza »Togal« möglichst

wasserdicht nachzuweisen reichten sie, Ende 1983, eine lange Liste wissenschaftlicher Studien ein; viele davon berichten über das Ergebnis von Tierversuchen, bei denen die Wirkung der kombinierten »Togal«-Bestandteile untersucht und getestet wurde.

Beispiele: »Histologische Beobachtungen an der Rattenmilz nach einer Salicylat-Chinin-Lithium-Behandlung«; »die Beeinflussung der Hämatopoese bei Mäusen nach Behandlung mit einer Chinin-Lithium-Salicylat-Kombination und Acetylsalicylsäure": »Beobachtungen an der Ultrastruktur des Thymus von Ratten nach der Gabe einer Chinin-Lithium-Salicylat-Kombination«.

»Selbst bei Überdosierungen« - die nur in stets tödlich endenden, meist qualvollen Tierversuchen getestet werden können - habe es, wie Schmidt und Schmitz erläuterten, »keine Hinweise auf toxische Auswirkungen von Togal« gegeben. Das BGA ließ sich davon überzeugen und gab der Arzneimittel-Antiquität seinen Segen.

Mehr noch, die Pharma-Wächter genehmigten, einmal überredet, auch noch eine Novität der Münchner Pillen-Produzenten: »Togal«-Kapseln. Die enthalten dieselben Wirkstoffe wie die gleichnamigen Tabletten - in jeweils um ein Drittel höherer Dosierung.

------------------------------------------------------------------------------

Mit Fernseh-Moderatorin Petra Schürmann.

Zur Ausgabe
Artikel 71 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.