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Zensur »Gefahr im Verzug«

aus DER SPIEGEL 16/1996

Die vorösterliche Aktion war flächendeckend und zutiefst grotesk: Mit einer »Ermittlungsverfügung« mobilisierte ein Oberstaatsanwalt aus dem thüringischen Meiningen 480 deutsche Polizeidienststellen und trug ihnen auf, in rund 1000 Buchhandlungen nach namentlich genannten Büchern zu schnüffeln. Die Herren sollten sich »nicht als Polizei zu erkennen geben« und ausforschen, ob »Bücher und Broschüren pornographischen und gewaltdarstellenden Inhalts« in den Läden so aufgestellt sind, daß sie »Jugendlichen unter 18 Jahren nicht zugänglich gemacht werden«. Die Beamten gingen, »Gefahr im Verzug« war angesagt, ein paar Schrittchen weiter und konfiszierten Bücher in rauhen Mengen und offenbar auch nach eigenem Gusto.

Abgegriffen wurden Bücher von diversen Verlagen; Comics vor allem, die schon jahrelang honorig im Verkehr sind oder, wie Ralf Königs »Bullenklöten« und Walter Moers' »Schöner leben mit dem kleinen Arschloch«, ausdrücklich den »Kunstschutz« der Bundesprüfstelle genießen.

Hintergrund ist eine Bataille, die jener Meininger Oberstaatsanwalt, ein Wessi-Import namens Hönninger, seit rund einem Jahr gegen einen Comic-Verlag in seinem Herrschaftsbereich führt (Alpha-Comic Verlag); dort beschlagnahmte er auch die Liste der Buchhandlungen, die Alpha-Bücher führen. Eines der attackierten Alpha-Comics, Königs »Kondom des Grauens«, wird gerade in Berlin verfilmt.

Hinter Hönninger steht, als »Anzeigeerstatter«, ein rastloser Sonderling. Er ist Single, katholisch, kinder- und arbeitslos, aber er hat »MUT« - einen Einmannverein, der »Schutzgedanken für Menschen, Umwelt, Tiere« hegt: Michael Brenner, 37, mit Wohnsitz Neckargemünd, ist vor allem Porno-Jäger und hat in Hönninger einen, der auf ihn hört.

So schafften die beiden die größte und skurrilste Buch-Greifaktion seit langem, und das trotz einer »Ermittlungsverfügung«, über deren Schlußanweisung nicht nur Polizisten den Kopf schütteln: »Sollten Sie keine der genannten Bücher oder Broschüren zum Zeitpunkt Ihres Besuches feststellen können, bitte ich Sie dennoch, von weiteren Ermittlungen abzusehen.«

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels erwartet nun, daß sich ein Richter der Aktion annimmt, »um dem Spuk ein möglichst rechtsstaatliches Ende zu bereiten«.

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