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LITERATUR Gefangen im Ich

aus DER SPIEGEL 32/2001

Ein wenig meint man einem Märchenerzähler zu lauschen, der von phantastischen Begebenheiten und fernen Ländern zu berichten weiß: In seinem Erzählband »Cinema naturale« schildert der italienische Schriftsteller Gianni Celati, 64, allerhand merkwürdige Begebenheiten, die seinen Helden widerfahren. In der Erzählung »Nachrichten für Seefahrer« hört ein Arzt während eines Segeltörns eine weibliche Stimme, die von Land her kommt. Bald ist er besessen von dem Wunsch, die Frau, der diese Stimme gehört, zu finden. Sie entpuppt sich als kranke, fette Riesin, die mit ihrer Mutter in einer verlassenen Gegend vor sich hin vegetiert. Immer tiefer gerät der Arzt in den Bann der beiden Frauen, bis er ihnen hörig ist und seine bürgerliche Existenz zu zerbrechen droht. Kunstvoll lässt Celati die Erzählung zwischen zwei Ebenen changieren. Wie in einem Märchen werden die wundersamen Erlebnisse des Arztes für wahr genommen. Gleichzeitig liest sich die Erzählung wie eine subtile Studie über den psychischen Zusammenbruch eines zutiefst einsamen Menschen, der sich immer tiefer in die Fänge des eigenen Ich verstrickt, bis er in den Wahnsinn abzugleiten droht. Ein ganz anderer Ton bestimmt die Schlusserzählung »Cevenini und Ridolfi«. Der Hobbyphilosoph Ridolfi bekommt alle drei Monate einen Tobsuchtsanfall - »vor Wut, dass er auf der Welt ist«. Mit seinem Freund Cevenini macht er sich auf nach Afrika, um sich von einem Wunderheiler kurieren zu lassen. Mit feiner Ironie erzählt Celati von den Reiseabenteuern der ungleichen Freunde, die ein wenig an Estragon und Wladimir aus Becketts »Warten auf Godot« erinnern. Doch hinter der burlesken Fassade verbirgt sich die Aussichtslosigkeit, zueinander und damit zu sich selbst zu finden. Gegen Ende der Erzählung finden sich die Helden in den unterirdischen Räumen eines Hotels wieder, abgeschnitten vom Rest der Welt. Immer wieder versucht Cevenini, vom Keller in die oberen Stockwerke des Hotels zu gelangen, wo die Touristen wohnen. »Aber so viel er auch geht, den richtigen Weg findet er nie.« Hinter der scheinbaren Naivität von Celatis Erzählstil verbergen sich genaue Beobachtungsgabe und jede Menge bittere Einsicht in die Natur des Menschen.

Gianni Celati: »Cinema naturale«. Aus dem Italienischen vonMarianne Schneider. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin; 240 Seiten; 36Mark.

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