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MODE Gefleckt und geflickt

Modemacher und Berichterstatter hatten den Boykott der Hose ausgerufen. Vergebens: Zum erstenmal wurden 1973 mehr Hosen verkauft als Röcke.
aus DER SPIEGEL 1/1974

»Rien ne va plus«, klagten Kleidermacher und Strumpfwirker zur Jahreswende: Flauten, Einbußen, Pleiten überall -- Strumpfwaren minus acht, Kostüme minus 13 Prozent, Röcke und Kleider rückläufig. Nur Hosen liefen und laufen -- rund um die Welt.

Ob für Chefetagen, Beatschuppen oder auch für Cocktailpartys -- allein an Jeans wurden in der Welt im letzten Jahr weit mehr als 500 Millionen Exemplare abgesetzt: nicht mehr nur aus grobem, verwaschenem, ausgefranstem, abgeschnittenem, hochgekrempeltem Denim, gefleckt und geflickt, beflaggt, bestickt -- auch aus Cord und Lycra, aus Samt und Seide, knalleng um Gesäß und Vulva, mit Schlag wie einst bei Kuddeldaddeldu oder rundgebügelt wie bei Marlene, und all das zu Preisen zwischen 20 Mark (für die Kommunardin) und 800 Mark (für die Töchter der High-Society).

Weltweit signalisieren die prallgefüllten Hosen-Hecks Protest gegen jegliche Mode-Diktatur. Jahrelang schon hatten Modezaren und vom Hosen-Look gelangweilte Journalistinnen die Beinkleider totgesagt. Couturiers wie Ungaro in Paris und Valentino in Rom zeigten in ihren Kollektionen keine Hosen mehr. Über Hosen sei »kein Wort zu verlieren«, schrieb Lore Wolff in der »Süddeutschen Zeitung«, und Mariett Riederer verkündete in der »Zeit": »Röcke und Kleider sind im Vormarsch.«

Doch im Gegenteil: Während des letzten Jahres, so meldete jetzt die »Gesellschaft für Konsumforschung« (GfK) in Nürnberg, haben Deutschlands Frauen erstmals mehr Hosen gekauft als Röcke. Sogar Dicke tragen Karo, und auch Omas steigen um. Immer breitere Schichten, zunehmend ältere Käuferinnen und nun auch voluminöse Konfektionsgrößen Zwängen sich in die Röhren. Noch 1970 hatte es einen Überhang von elf Millionen Röcken gegeben. Danach expandierte der Hosenumsatz um jährlich 40 Prozent. Und in den ersten neun Monaten des Jahres 1973 überholten die Beinkleider (17 Millionen) den Rock (16 Millionen). »Ein historischer Wendepunkt«, kommentierte der West-Berliner Konsumforscher und Psychologie-Professor Otto W. Haseloff, und der Hamburger Allround-Soziologe Bazon Brock meint gar: »Ein gewaltiger Schritt im sozialen Aufstiegskampf der Unter- und Mittelschicht.«

Auf oder ab, bislang bewegen sich die Deutungen der Soziologen noch im Vagen, Widersprüchlichen. Einerseits. meinte Haseloff, sei die engsitzende Hose als »weibliche Werbehilfe«, andererseits als eine Art »Zuwendungsbarriere« zu betrachten. Zwar, so befand Ästhetik-Professor Bazon Brock, verdeutliche der enge Hosenschnitt demonstrativ »die Umrisse der Vulva« -- aber sie werde von der Hose auch bedeckt, »um anzudeuten, daß sie wertvoll und kostbar ist«.

Eine ganz »neue Art von Weiblichkeit« schließlich sah die amerikanische »Women"s Lib«-Anführerin Gloria Steinern in dem knappen Kleidungsstück sich ausdrücken. Der neue Po« meint Gloria, sei »beweglich, aktiv und selbstbewußt« -- kurzum: »mehr besitzergreifend als gewährend«.

Eine schlichtere Antwort auf die Frage, warum Frauen lieber Hosen als Röcke tragen, fand unterdes das US-Magazin »Newsweek": »Sie sind einfach praktisch.«

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