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BÜCHER Gefletschte Zähne

Das Taschenbuch »Der große Hirnriß« wurde per Multi-Media-Spektakel lanciert, Teile gleich vertont. Es schildert einen Generationskonflikt der besonderen Art. *
aus DER SPIEGEL 29/1983

Das hier ist kein langweiliges Buch. Es startet gleich richtig weg und Wutsch!, da stand eine junge Frau.« So selbstbewußt beginnt das Buch »Der große Hirnriß«. Es liefert laut Untertitel »Neue Mitteilungen aus der Wirklichkeit« und schildert die Erlebnisse seiner Protagonisten in der Düsseldorfer Innenstadt sowie in ihrer eigenen Hirnwelt.

Der Mittzwanziger Heiza und der Mittdreißiger Doktor Rupp sind die nur dünn verkleideten Autoren Peter Glaser und Niklas Stiller. Ihre Gespräche im »Hirnriß« sind roh behauene Auseinandersetzungen zweier in intellektueller Haßliebe verbundener Freunde. _(Peter Glaser/Niklas Stiller: »Der große ) _(Hirnriß«. Rowohlt Taschenbuch Verlag, ) _(Reinbek bei Hamburg; 252 Seiten; 9,80 ) _(Mark. )

Stiller, Arzt und Apo-Opa, ehemaliger Alternativ-Akupunkteur, der auch schon in der Dritten Welt praktizierte, Autor eines Jugendbuchs über Albert Einstein und kritischer Beobachter seines Standes (SPIEGEL 26/1978), läßt seinen »Doktor Rupp« so reden:

»Die Generationen, die riesige Katastrophen angerichtet haben, versuchen - aus Angst vor Wiederholung - ein möglichst perfektes Schmerzvermeidungssystem herzustellen. Und je erfolgreicher sie damit sind, desto sicherer geht ein paar Jahrzehnte später der ganze Laden wieder hoch!«

Glaser, 26, dem Literaten-»Adlerhorst« seiner Heimat Graz nach Düsseldorf entkommen, als dort in den frühen achtziger Jahren neue deutsche Musiker den Punk zum New Wave bogen, läßt seinen coolen Helden die Wirklichkeit im Stil der medienverspielten Jungen inszenieren: »Heiza sagte mit schweren Lidern BEGATT und Julia, indem ihr Atem tiefer ging, antwortete STÖHN, und sie lachten sich schief.«

Und zum Thema Apokalypse reagiert Heiza so: »Jedesmal, wenn jemand mit Atomwaffen ankam, kriegte er bloß ein lau unwohles Gefühl zustande, etwa als würde ihn jemand darauf aufmerksam machen, daß er eine Glatze bekäme.« Er moderiert im stillen eine satirische Wochenschau mit »Arschflugkörpern« und »Gala-Schutzanzug«.

Mit den von Stiller und Glaser im Wechsel verfaßten Episoden aus Neonkneipen, Imbißbuden und Fußgängerzonen will der Rowohlt-Verlag eine Zielgruppe von »idealen Taschenbuchkäufern« erreichen, die selbst die Jugendbuch-Experten des Hauses nur mit diffusen Begriffen umschreiben können: »schräg«, »cool«, »Neonkinder«, »Nach-Hippies« und »Nach-Hausbesetzer-Generation«.

Das »Hirnriß«-Experiment unterstützte der Verlag mit einer Promotionstour durch vier deutsche Großstädte. Glaser und Stiller standen bei den Lesungen am Mikrophon wie Rockmusiker, über einen Bildschirm flackerten die Zeichen eines eigens geschriebenen »Hirnriß«-Computer-Programms.

Zu dem »Konzept Hirnriß« gehört ein Schnittmusterbogen, den die Buchkäufer bei den Autoren bestellen können und dessen Bildchen sie einkleben können, sowie eine Musik-Kassette aus einem Underground-Vertrieb.

Die Auftritte verliefen konfus. Die Computersignale auf dem Bühnenbildschirm, halb Videospiel, halb Teletext, verstärkten nur die Zerrissenheit eines in rund 50 Miniprosa-Stück aufgesplitterten Werks.

Die Momentaufnahmen aus der Betonlandschaft, die (gelegentlich geschwätzigen) Exkursionen in modischen Nihilismus, gerieten gleichwohl zu einer Art Manifest der Nach-Punk-Ära. Denn der »Hirnriß« schildert ungeschminkt klar einen Generationskonflikt der neuen Art: »Gleich hinter den Worten war die Gewalt.«

Immer wieder tut sich, Haarrissen gleich, zwischen den »Hirnriß«-Freunden das Nichtverstehen auf. Der Mittdreißiger Rupp kann nachvollziehen, wenn der Jüngere in ein Hippielokal geht, um sich endgültig die Laune verderben zu lassen: »Nordischer Schleichjazz, dann irgendwelcher Breirock aus der Kreidezeit. Er saß da und sah die anderen Gäste an. Sie waren ungemein nett und lind und milde anzusehen und ragten aus ihren weichen und verwaschenen Kleidern und pubertierten ihm in den Tee.«

Gerade noch kann der Apo-Veteran den Unwillen verstehen, wenn Neon-Heiza auf die Flugblätter-Flut in den Fußgängerzonen nur so reagiert: »Hilf mir, aber ich kann es nicht mehr hören. Es ist nicht mehr wahr, es erschüttert mich nicht mehr. Rettet die Robbenbabies. Schluß mit der Folter in Lateinamerika. Atomraketen raus.«

Weil er die »röhrende Sinnfälligkeit« und die »routinierte Beschämung von einem Satz wie ''In Indien verhungern die Leute''« nicht mehr ertragen kann, inszeniert Heiza gegen die »Liturgie des Protests« ein persönliches »Ritual der Böswilligkeit«, bei dem er Brot erst sorgsam röstet und dann »mit gefletschten Zähnen in den Mistkübel« schleudert.

Gegen Ende aber schlagen sie sich doch. Denn je länger und intensiver der Spätachtundsechziger und der junge Nach-Punk sich ineinander vergraben, um so deutlicher wird, daß die Suche nach Nähe des Ex-Hippies umschlagen muß in Aggression, wenn ihr nichts begegnet als der kalte Zynismus des Jungen.

Sie hätten sich auch über die Friedensbewegung oder die Grünen schlagen können. _(Bei einer Lesung in Hamburg. ) _(Bei einer Lesung in Hamburg. )

Peter Glaser/Niklas Stiller: »Der große Hirnriß«. RowohltTaschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg; 252 Seiten; 9,80 Mark.Bei einer Lesung in Hamburg.Bei einer Lesung in Hamburg.

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