Zur Ausgabe
Artikel 83 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Freizeit Gefräßige Tiere

Riesenräder, Saurier der Vergnügungsindustrie, drehen sich seit 100 Jahren. Die Größten verendeten am Besucherschwund.
aus DER SPIEGEL 42/1993

Lautlos kreisen fünf Kaffeehaustische durch den Himmel über Österreich. Alle 15 Minuten erreicht der Luxuswagen des Riesenrads im Wiener Prater eine Höhe von 64 Metern, dann schwebt er zum Boden zurück. Bei Bedarf serviert ein Bordsteward Tafelspitz.

3600 Schilling (gut 500 Mark) pro Stunde zahlt man für den Ausflug im sanft schaukelnden Hängerestaurant. 30 Schilling kostet eine Runde in einem der 14 spartanischen Waggons, die mit einfachen Brettern ausgekleidet sind wie eine finnische Sauna. Über den Fenstern hängen Schilder mit der Aufschrift »Stephansdom« oder »Zentralfriedhof«, je nachdem, in welche Richtung der Fahrgast schaut.

Seit 1897 steht das Riesenrad in dem Wiener Vergnügungspark. Um seine Achse drehen sich rund 250 Tonnen Gewicht. Es in Schwung zu setzen und zu halten, genügen zwei kleine Elektromotoren mit zusammen 41 PS, entsprechend der Leistung eines mittelschweren Motorrades.

Da muß sich George Washington Gale Ferris Jr. stark verrechnet haben, als er vor einem Jahrhundert das erste Riesenrad der Welt konstruierte. Zwei Dampfmaschinen mit je 1000 PS trieben das 80 Meter hohe »Ferris Wheel« an, das bei seiner Eröffnung im Juni 1893 auf der Weltausstellung in Chicago die Besucher zu Beifallsstürmen hinriß. Wahrscheinlich gaben die Maschinisten nie Volldampf. Denn dann hätte das übermotorisierte Wunderwerk womöglich die Drehzahl einer Wäscheschleuder angenommen.

Amerika, gerade an der Schwelle zur Industrienation und beflügelt vom Erfindergeist, verlangte damals nach großen Technik-Gesten. Lange hatten die Planer der Chicagoer Weltausstellung erfolglos gegrübelt, wie sie das gigantische Monument von Paris, den 1889 fertiggestellten Eiffelturm, übertrumpfen könnten.

Mit seiner sonderbaren Idee ("Ein Rad, ein Monster") bekam der gelernte Brücken- und Eisenbahnkonstrukteur George Ferris den Zuschlag. Zur Finanzierung gründete er eine Aktiengesellschaft. Als das Geld nicht reichte, lockte Ferris - unter der Vorspiegelung, es solle in eine Brücken- und Hausbaufirma investiert werden - weitere Anleger in das Projekt. Ein halbes Jahr später war das monströse Jahrmarktsspektakel fertig: Es drehten sich 36 Waggons, die je 60 Personen Platz boten.

Die von Ferris später verbreitete Anekdote, ihm sei das Bauprinzip des Riesenrads spontan beim Abendessen eingefallen, klingt wenig glaubhaft. Das Konzept war in Europa schon einige Jahrhunderte bekannt.

Auch in den amerikanischen Südstaaten hatte es schon Vorläufer des Ferris-Rades gegeben, so das 1849 erbaute, etwa zwölf Meter hohe hölzerne »Maquino Wheel« in Atlanta. In zehn Gondeln, die aussahen wie gigantische Obstkisten, erfreuten sich 40 Insassen der Aussicht. »Die Antriebsleistung«, berichtet eine Atlanta-Chronik, »wurde von einer Gruppe muskulöser Negersklaven erbracht.«

In Europa entwarf der pensionierte Marineoffizier Walter Basset in den letzten sechs Jahren vor der Jahrhundertwende alle vier bedeutenden Riesenräder: in London, Blackpool, Wien und Paris. Letzteres erreichte die bisher unübertroffene Rekordhöhe von 100 Metern. Aber nur das in Wien blieb bis heute erhalten.

Wie gefräßige Tiere, die ihr Revier zu hastig abgrasen, scheiterten die großen Räder, eingerichtet auf 2000 Fahrgäste pro Stunde, an ihren gewaltigen Kapazitäten. Es kamen zu wenige Besucher; deshalb setzten die technischen Nachfahren auf kleinere, transportable Aussichtsräder.

Riesenradpionier Ferris starb 1896, 37jährig, als seine Firma in Konkurs ging. 265 000 Dollar, kaum weniger, als der Bau zehn Jahre zuvor gekostet hatte, verschlang der Umzug des Ferris-Rades, zu diesem Zeitpunkt bereits im Besitz der Abbruchfirma Chicago House Wrecking Company, von Chicago nach St. Louis im Winter 1903/4. Doch auch dort war nicht mehr genug damit zu verdienen. Am 11. Mai 1906 wurde das rostende Wunderwerk gesprengt. »Das alte Rad«, schrieb die Chicago Daily Tribune, »starb einen harten Tod. Man brauchte 200 Pfund Dynamit, um es außer Gefecht zu setzen.«

Der einzige Vergnügungspark, in dem das technische Monster nun schon fast ein Jahrhundert überdauert hat, ist der Wiener Prater. Jedes Jahr klettern dort rund 800 000 Besucher in die leise schwankenden Waggons. Mit der Sicherheit nimmt es Elisabeth Petritsch, 64, die Besitzerin des Rades, sehr genau. Eine »todernste Angelegenheit«, mahnt sie, sei das Riesenrad. Zweimal die Woche kommt der Ingenieur Peter Richter zur technischen Sichtprüfung hinaus zum Prater.

Nicht nur Rostfraß macht dem großen Eisengebilde zu schaffen. Der natürliche Feind des Riesenrades ist der Wind. »Ein Sommergewitter mit großen Windstärken«, konstatiert der amerikanische Riesenrad-Experte Norman Anderson, »kann einen Jahrmarkt in Minuten verwüsten.«

Um bei Sturm den Einsturz zu verhindern, empfiehlt Anderson die Demontage der Gondeln, so wie Schiffer die Segel reffen. In Wien wurde die Zahl der Waggons nach dem Krieg aus Sicherheitsgründen von 30 auf 15 reduziert.

Der Seh-Platz im Riesenrad ist, statistisch betrachtet, einer der sichersten Aufenthaltsorte. Fast nie kamen Menschen ernstlich zu Schaden, nicht einmal die arbeitslose Artistin Marie Kindl, die sich 1898 in Wien, um auf ihre soziale Notlage aufmerksam zu machen, in ein Seil verbissen, aus dem Waggon pendeln ließ.

Auch der Alptraum vieler Passagiere, das Rad könne stehenbleiben und seine Insassen müßten in luftigen Höhen übernachten, ist unbegründet. Alle Riesenräder, sogar das schwere Fossil aus Wien, lassen sich zur Not über stark untersetzte Getriebe mit der Hand weiterdrehen.

Das erste europäische Riesenrad, das vor 98 Jahren in London errichtet wurde, hatte eine solche Notlaufvorrichtung noch nicht. Am Abend des 28. Mai 1896 gegen neun Uhr brach der Antriebsmechanismus. Einige Dutzend Passagiere mußten die Nacht in den Waggons verbringen.

Der Veranstalter entschädigte die festsitzenden Fahrgäste mit Speisen und Unterhaltung. Zu den Klängen einer am Boden spielenden Militärkapelle kletterten Seeleute über das Gitterwerk des 87 Meter hohen Rades empor und brachten Proviant in die Waggons. Y

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 83 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.