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Pop Gefrorenes Hühnchen

Mit deutschsprachigen Chansons haben es die einstigen Gruftrocker von »Element of Crime« in die Hitparaden geschafft.
aus DER SPIEGEL 13/1994

Die Tage des deutschen Großstadtpoeten beginnen depressiv. »Leichen im Keller«, beklagt Sven Regener beim Anblick der ersten Morgenröte, dazu spürt er »Beton im Gemüt« und fühlt sich »viel zu lang schon allein«. Was bleibt dem Mann da übrig, als die wenigen Freuden des Lebens im Unmaß zu genießen, »beim Essen ein Schwein, beim Trinken ein Loch ohne Grund«?

So sind die Texte, die Regener, 33, seiner Dichterseele in einsamen Stunden entlockt: großkotzige Jammertiraden, mit verwegenem Ingrimm abgesonderter Männerweltschmerz, kaltschnäuzige Anleitungen zum Unglücklichsein, Tristesse satt. »Melancholie«, behauptet der Poet kühn, »ist ein sehr produktives Lebensgefühl.«

Würde Regener seine Männerlyrik in Buchläden vortragen, so fürchtet er, »kämen keine 25 Leute, um sich das Zeug anzuhören«. Doch Regener sieht sich »überhaupt nicht als Dichter«, sondern als Rockmusiker. Und wenn er zur Musik seiner Band »Element of Crime« von vergeigten Liebschaften und durchzechten Nächten singt, dann sind die Konzertsäle voll, und auch auf Platte verkaufen sich die Kummernummern gut: Mit ihrer 1993 erschienenen CD »Weißes Papier« glückte Element of Crime zum erstenmal der Sprung in Radio-Charts und Verkaufshitparaden.

Von Kritikern und Musikerkollegen werden Regener und seine Kumpane schon seit Jahren als »Berlins beste Band« gepriesen, »wunderbar verschroben, melancholisch, melodiös und schräg« diktierte ihnen Pop-Oberlehrer Herbert Grönemeyer ins Zeugnis. Nun soll der kommerzielle Durchbruch folgen: In diesen Tagen kommt die neue Platte »An einem Sonntag im April« auf den Markt, für Mai ist eine ausgedehnte Tour durch deutsche Konzerthallen angesetzt. Bandchef Regener glaubt sich für den Aufstieg in die Pop-Bundesliga gerüstet: »Schließlich haben wir uns lange genug Zeit gelassen.«

Element of Crime gibt es seit neun Jahren. Bevor sie sich mit deutschen Titeln wie »Schwere See, mein Herz« ein größeres Publikum erspielte, dümpelte Regeners Gruppe zunächst ein paar Jahre auf dem falschen Dampfer: Das Berliner Quartett startete mit englischsprachiger Rockmusik, die so übermächtigen Vorbildern wie »Velvet Underground« und »R.E.M.« nacheiferte - das Resultat waren Platten, die unter merkwürdigen Titeln wie »Try To Be Mensch« depressive Gruftstimmung zu schleppenden Gitarren verbreitete. »You fucked up your life« lautet ein typischer Kehrreim aus jener Zeit, und es sah ganz so aus, als gelte das auch für die »Element of Crime«-Musiker.

Erst 1991 wagte sich die Band an das erste Album mit ausschließlich deutschen Texten, und auch das musikalische Konzept wurde umgemodelt: Mit Akkordeon- und Streicherklängen, Keyboardgeorgel und Trompetenwucht trieben die Berliner den alten Gitarrenmuff aus.

Das Resultat war eine Mischung aus französischem Chanson-Charme und herzerweichendem Variete-Gedudel, das Element of Crime mittlerweile mit schönem Eigensinn perfektioniert haben. Nach »Damals hinterm Mond«, so der Titel des Deutschpop-Experiments von 1991, wurde Regener von Verächtern noch als Kurt-Weill-Epigone und früh vergreister Dreigroschenopa geschmäht. Doch mit »An einem Sonntag im April« wird klar: Element of Crime sind die auch musikalisch höchst intelligente Antwort der neunziger auf den deutschen Schlager der fünfziger und sechziger Jahre.

»Eine Art Seelenkino« nennt der britische Produzent David Young, der den Berliner Herzschmerz-Vierer schon seit Jahren betreut, die Musik seiner Schützlinge. Mit Saxophon und Violinenschmalz veredelt Young die ansonsten eher gebremst sentimentalen Arrangements, Regeners rauher Stimme allerdings würde der Tonmeister niemals einen Tort durch Weichzeichnerei antun: Gerade auf den »menschlichen Faktor« komme es ihm an, sagt Young, »es geht nicht darum, Schwächen und Fehler zu verstecken«.

Von Regeners Texten läßt sich ähnliches sagen. Neben lyrischen Glanzleistungen - »Ihr Herz ist kalt wie ein gefrorenes Hühnchen«, sagt er schon auf »Weißes Papier« von einer kühlen Angebeteten - findet sich auch Abgedroschenes wie ein »Sommerschlußverkauf der Eitelkeit« in seinen Versen. Doch wenn er auf der neuen Platte in gewagten Metaphern ("ein Faden, der im Wasser sich verliert") aus seinem melancholischen Alltag erzählt, dann folgt gleich ein mutig selbstkritisches Dichterwort: »Das ist zwar nichts als Blödsinn, doch es hält die Welt in Atem.«

Nur selten gibt sich Regener in seinen Liedern frohgemut oder gar richtig zornig wie in dem Rechtsradikalen-Song »Unter Brüdern«, meistens ergeht er sich in den Posen des ewigen Verlierers und einsamen Wolfs. Und möglicherweise ist Element of Crime gerade wegen dieser allgegenwärtigen Tristesse die Band des Augenblicks: Vier Jahre nach dem Ende der Spaßdekade, den achtziger Jahren, klingt »An einem Sonntag im April« wie der Soundtrack zum Rezessionsjahrzehnt.

Vielleicht liegt der Reiz all der poetischen Trübsalblaserei gerade in der anästhesierenden Wirkung dieser Musik. Denn in härteren Zeiten gilt, was Karl Kraus so formuliert hat: »Bevor man das Leben über sich ergehen läßt, sollte man sich narkotisieren lassen.« Y

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